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Audi-Vorstandschef Rupert Stadler im Interview "Wir müssen das Auto neu verankern"

Audi-Chef Rupert Stadler über Städteplaner, Elektrofahrzeuge und die Mobilität der Zukunft.

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Rupert Stadler Quelle: APN

WirtschaftsWoche: Herr Stadler, Audi hat Architekten aus aller Welt nach London eingeladen, um gemeinsam eine Vision von der Stadt der Zukunft zu entwickeln. Was versprechen Sie sich davon?

Stadler: Antworten auf wichtige Fragen – für uns und für die Gesellschaft. Irgendwann in den nächsten fünf bis zehn Jahren werden rund 600 Millionen Menschen in 60 Megacities weltweit leben. Es ist entscheidend, dass wir uns als Automobilhersteller mit dieser gesellschaftlichen Entwicklung auseinandersetzen. Auf folgende Fragen müssen wir Antworten finden, um das Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen zu können: Wo lebt unser Kunde, wie lebt unser Kunde? Und wie stellen wir individuelle Mobilität sicher?

Und wenn die Architekten zu dem Schluss kommen, in der Stadt der Zukunft ist für das Auto kein Platz mehr?

Mittlerweile weiß doch jeder, dass es keine dogmatische Antwort auf die Fragen der Zukunft gibt. Kein Städteplaner wird bei aller Nachhaltigkeit den kompletten Verkehr ausschließen, auch nicht den Individualverkehr. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Mensch auf individuelle Mobilität – die ein Stück Freiheit bedeutet – nie und nimmer verzichten wird. Ohne Auto wird es auch in Zukunft nicht gehen, selbst in Ländern wie Deutschland mit einem gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetz nicht.

Ohne Auto mag es nicht gehen, vielleicht aber ohne einen Privatwagen.

Das glaube ich nicht. Ich glaube nicht daran, dass man sein Auto an der Straßenecke abstellt, wenn man es nicht mehr benötigt und es dann an den nächsten Fahrer übergibt. Das entspricht nicht den individuellen Wünschen und Bedürfnissen unserer Kunden. Und da sich niemand so richtig für ein so genutztes Auto verantwortlich fühlt, würde sein Zustand den persönlichen Ansprüchen vieler Kunde nicht genügen.

Das müssen Sie sagen, weil ihr Geschäftsmodell am Verkauf des Autos hängt.

Wir hängen am Privatbesitz und der Nutzung des Autos, das ist korrekt.  Aber wir nehmen natürlich auch die Veränderungen in der Kundenstruktur wahr. Den typischen Einzelkunden, der sein Auto bar bezahlt und bei uns abholt, gibt es immer seltener. Trotzdem bleibt er eine wichtige Zielgruppe für uns. Daneben nimmt die Zahl der Dienstwagenflotten und Autovermieter stetig zu.  Diese sind für uns wichtige Geschäftspartner und Multiplikatoren.

In Zukunft vielleicht sogar Konkurrenten – wenn der Stadtbewohner nur noch für das Benutzen eines Autos zahlt, nicht aber für den Besitz. Das Projekt „Flinkster“ der Deutschen Bahn scheint zumindest in deutschen Städten gut zu funktionieren.

So etwas funktioniert sicherlich gut in der Urlaubszeit oder bei Geschäftsreisen. Das Modell der Deutschen Bahn ist aber letztlich nichts anderes als ein Autovermiet-Konzept, mit dem Ziel, so bequem wie möglich von A nach B zu kommen. Einen Privatwagen ersetzt es aber nicht.

Also weiter so wie bisher?

Nein, das sicher nicht. Wir als Autohersteller müssen uns künftig noch stärker als bislang der gesellschaftlichen Diskussion stellen, die derzeit auf allen Ebenen geführt wird. Wir kümmern uns seit 100 Jahren um das Auto der Zukunft. Und das mit nachweislich großem Erfolg, aber bislang überwiegend mit dem Fokus auf technische Aspekte, weniger auf soziale oder städtebauliche. In der Vergangenheit, in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, hat das Auto sehr stark sein Umfeld geprägt. Dieses Verhältnis kehrt sich gerade um. Darauf muss sich ein Autohersteller einstellen – und aktiv darauf hinarbeiten, das Auto emotional neu zu verankern. Die große Aufgabe der Stadtbauer wird es sein, individuelle Mobilität und neue Formen der Mobilität besser mit der Verkehrsinfrastruktur in Einklang zu bringen. Ein Beispiel dafür ist der Aufbau einer brauchbaren Infrastruktur für Elektroautos. Der Elektroantrieb wirft in der Tat eine Reihe neuer Fragen auf. Wenn es in einer Stadt keine Ladeinfrastruktur gibt, können wir am Steuer von fernen Zielen träumen, kommen aber keinen Meter vom Fleck. Zu einem Eigenheim gehört in der Regel eine Garage mit Steckdose. Dort lässt sich der Akku eines Elektroautos problemlos aufladen. Schwierig wird es aber in einem Mehrfamilienhaus in der Großstadt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man nachts aus seinem Keller ein Kabel zum Auto legt. Auch über solche Fragen müssen sich Städteplaner heute zunehmend Gedanken machen.

Werden große Autos für die Langstrecke nicht zum Auslaufmodell, wenn künftig immer mehr Menschen in Großstädten leben?

Wenn es so käme, stünden wir tatsächlich vor einer großen Herausforderung. Aber solch revolutionäre Veränderungen erwarte ich vorerst nicht. Autos, wie wir sie heute bauen, werden sicher noch in den nächsten 15 bis 20 Jahren das Stadtbild dominieren. Der Weg zum Elektroauto wird sich noch länger hinziehen, mit dem Zwischenschritt über das Hybridauto. Auch Audi wird diesen Weg gehen, selbst, wenn er mit großen Anstrengungen verbunden ist. Aber auch der Umbau von Städten geschieht nicht von heute auf morgen. Insofern müssen wir jetzt nicht in operative Hektik verfallen.

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