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Auto, Logistik, Maschinenbau Diesen Branchen stehen 2011 goldene Zeiten bevor

Die Trendwende ist historisch: Die deutsche Wirtschaft wächst so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch die Branchen profitieren unterschiedlich von dem Boom. Optimistisch sind vor allem die Autohersteller, Logistiker und Maschinenbauer. Sie erwarten Wachstumraten zwischen fünf und acht Prozent.

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Auto: Auf Rekordkurs

Dieter Zetsche Quelle: Deniz Saylan für WirtschaftsWoche

Milliardenverluste in den Büchern, die Marke zunehmend ramponiert, das Top-Management angezählt, dafür stand Daimler-Chef Dieter Zetsche vor gerade mal gut einem Jahr. „Noch ist Daimler nicht verloren“, machte eine Zeitung dem Stuttgarter Autobauer Hoffnung. Die Lage war so mies, dass Zetsche, sonst eher ein notorischer Optimist, einen Ausblick auf das nun zu Ende gehende Jahr verweigerte. Sein Kollege Martin Winterkorn von VW war mutiger und prophezeite für 2010 „ein Horrorjahr“.

Wohl noch nie lagen bei Deutschlands Autobauern Irrtum und Wahrheit, Absturz und Aufbruch, Leid und Freud so nah beisammen. Nach einem Absatzeinbruch von über zehn Prozent 2009 wurde 2010 ein Jubeljahr in der Branchengeschichte – mit besten Aussichten, dass es 2011 ähnlich gut weitergeht. „Mit der Krise ist es wie mit Lena Meyer-Landrut“, scherzte Zetsche kürzlich über das zeitweise Abtauchen der deutschen Eurovision-Song-Contest-Siegerin. „Man fragt sich, wo ist sie denn plötzlich hin.“

Zetsche hat gut lachen. Die Stuttgarter korrigierten in diesem Jahr dreimal die Gewinnprognose nach oben und lassen an Weihnachten durcharbeiten, um die hohe Nachfrage wenigstens halbwegs befriedigen zu können. Nicht schlechter sieht es in Wolfsburg, München und Ingolstadt aus.

Der Appetit der rasend wachsenden Schwellenländer auf große, renditestarke Karossen made in Germany ist riesig und wird so schnell nicht abklingen. Die prognostizierte Verschiebung hin zu kleineren, sparsameren und schwächer motorisierten Autos kommt, aber später. Das ist das Beste, was den Deutschen passieren kann. So gewinnen sie ein paar Jahre, um sich auf das neue Zeitalter der umweltverträglichen und elektrischen Mobilität einzustellen.

Wenn neue Finanz- und Währungskrisen ausbleiben, kennt Deutschlands Vorzeigeindustrie in den kommenden Jahren nur eine Marschrichtung: nach oben, und zwar steil. 23 Prozent mehr Autos wird die Industrie in diesem Jahr ausführen, für 2011 rechnet der Automobilverband VDA mit einem Plus von fünf Prozent. Das wären dann 4,4 Millionen im Ausland verkaufte Autos – ein neuer Rekord.

„Die beste Zeit des Autos kommt noch“, sagt Zetsche in bester Autoverkäufermanier. Er könnte recht behalten. Voraussetzung allerdings ist, dass VW, Daimler, BMW, Audi und Co. es schaffen, die aufstrebenden Massen in den Schwellenländern trotz schrumpfender Ölvorräte mit ebenso bezahlbaren wie klimaverträglichen Autos zu versorgen. Dafür wollen die deutschen Autobauer in den kommenden vier Jahren zwölf Milliarden Euro investieren – noch ein Rekord.

Logistik: Volle Fracht voraus

Michael Behrendt Quelle: Pressefoto Hapag-Lloyd

Michael Behrendt steuert zu neuen Ufern. Vor einem Jahr noch rettete der Chef von Hapag-Lloyd die Reederei über Staatsbürgschaften vor dem Untergang. In 2010 glänzte er bereits mit dem besten Ergebnis der Firmengeschichte, orderte in Südkorea vier Großschiffe für 2012 und kaufte die ehrwürdige Zentrale am Ballindamm zurück. Das Haus habe einen „großen symbolischen Wert“, sagt Behrendt.

Die Auferstehung der Hamburger ist ein Symbol für die Branche: Speditionen wie Kühne + Nagel, Güterbahnen wie DB Schenker Rail, Luftfrachtunternehmen wie Lufthansa Cargo sowie Paket- und Expressdienste wie DHL setzen – nach 18 Monaten Unterbrechung – ihre Wachstumsgeschichten fort. Gelang der Branche 2010 im Schnitt ein Umsatzplus von neun Prozent, erwarten Experten von Deutsche Bank Research für 2011 ein Plus von fünf Prozent — See- und Luftfracht profitieren besonders. Damit wäre das Vorkrisenniveau von 2008 mit 218 Milliarden Euro erreicht, und Deutschland hätte seinem 2010 von der Weltbank verliehenen Titel als weltweit führender Logistikstandort alle Ehre gemacht.

Der Boom wirkt sich auch auf die Gewinne aus. Unternehmen haben ihre Schiffs-, Frachtflieger- und Lkw-Flotten modernisiert. Intensiver Wettbewerb zwang sie schon immer zu hohem Kostenbewusstsein. Das Rekordergebnis der Reederei Hapag-Lloyd, die in neun Monaten operativ rund eine halbe Milliarde Euro verdiente, dürfte Nachahmer finden.

Doch Risiken bleiben, etwa höhere Sicherheitsauflagen wegen Terrorgefahr sowie steigende Umweltstandards in der Luftfahrt. Allen voran gelten die Unsicherheiten über den Euro als Damoklesschwert. Ein Währungskrieg könnte protektionistischen Tendenzen Auftrieb geben und den Welthandel eindämmen.

Da die Logistik seit jeher überproportional von Auf- und Abschwüngen beeinflusst ist, wäre das bitter. Doch an konjunkturelle Dämpfer glauben Manager noch nicht. Die Erwartungen für 2011 sind so optimistisch wie seit 2007 nicht mehr, heißt es bei der Bundesvereinigung Logistik, die sich verstärkt dem Fachkräftemangel widmet.

Maschinenbau: Aus der Tiefe

Die Vorsitzende der Quelle: dpa

Die letzte Bilanz war verheerend: Umsatzeinbruch von fast 20 Prozent, 70 Millionen Euro Verlust, 75 Millionen aus der Privatkasse hinzugeschossen. Doch nun hat der Werkzeugmaschinenbauer Trumpf aus dem schwäbischen Ditzingen die Krise 2009 „hinter sich gelassen“, sagt Chefin Nicola Leibinger-Kammüller. Das Familienunternehmen rechnet für das laufende Geschäftsjahr mit einem Ergebnis „im oberen zweistelligen Bereich“.

Nicht nur Trumpf, fast der gesamte Maschinenbau profitiert von einem gigantischen Auftragsschub vor allem aus Asien, der das Geschäft im kommenden Jahr bestimmen wird. Der Auftragseingang im Kerngeschäft Werkzeugmaschinenbau beim Bielefelder Gildemeister-Konzern stieg in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 58 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, beim Maschinenbauer Hermle in Gosheim am Fuße der Schwäbischen Alb sogar um 113 Prozent.

Zwar klingt der Branchenboom seit einigen Wochen wieder etwas ab, weil so manche Bestellung nur dazu diente, die Lager aufzufüllen, die während der Krise radikal geleert wurden. Trotzdem geht es 2011 weiterhin nach oben, plus acht Prozent sind beim Umsatz durchaus drin.

„Wir dürfen uns von den Zahlen nicht blenden lassen“, relativiert Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Maschinenbauverbandes VDMA, die Aussichten. Die Branche komme von einem tiefen Ausgangsniveau, erst rund die Hälfte des Einbruchs beim Auftragseingang während der Krise sei wettgemacht. „Wir bewegen uns in Summe etwa auf dem Level von 2006“, sagt Wiechers.

In den vergangenen fünf Monaten gab es rund 10.000 Neueinstellungen. Das ist erstaunlich für eine Branche mit 910.000 Beschäftigten, deren Unternehmen die Mitarbeiter trotz Krise auf Biegen und Brechen hielten. Und der Personalaufbau dürfte in den kommenden Monaten weitergehen. Denn auch im Maschinenbau ist die Beschäftigung ein Spätindikator.

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