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Abgas-Manipulation Wer alles im Diesel-Skandal feststeckt

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Fiat und Bosch geben sich unschuldig

Fiat: Die unschuldigen Italiener

Im Zuge der Dobrindt-Tests ist unter anderem der Fiat 500 X mit zu hohem Schadstoffausstoß aufgefallen. Die „Bild am Sonntag“ hatte im Mai berichtet, mehrere Prüfungen durch das KBA hätten den Verdacht bestätigt, dass in bestimmten Fiat-Fahrzeugen die Abgasreinigung jeweils nach 22 Minuten vollständig abschalte. Abgastests dauern in der Regel nur 20 Minuten. Damit sei „ein hinreichender Nachweis einer unzulässigen Abschalteinrichtung“ erbracht, zitierte das Blatt aus einem vertraulichen Prüfbericht.

Gegenüber deutschen Behörden haben sich die Italiener bis heute nicht erklärt – einen entsprechenden Besprechungstermin bei Dobrindt ließ Fiat platzen. Aus Sicht des Unternehmens sind allein die italienischen Behörden für die Frage zuständig, ob die Fiat-Autos europäische Vorschriften einhalten oder nicht – weil dort die sogenannte Typgenehmigung beantragt und erteilt wurde.

Dobrindts Amtskollege Graziano Delrio hält offenbar wenig von den deutschen Messergebnissen. „Außer bei den schon bekannten Volkswagen-Modellen wurden bei keinen anderen Dieselfahrzeugen illegale Bestandteile gefunden“, sagte Delrio. Fiat-Fahrzeuge zeigten bei Tests volle Übereinstimmung mit den Abgas-Prozeduren, und zwar bei Tests während der Fahrt. Jegliche verfälschende Prozeduren seien ausgeschlossen.

Bosch: Der Lieferant

Wie „Spiegel Online“ unter Berufung auf einen Insider berichtet, soll eine US-Sammelklage gegen VW erweitert werden – und zwar gegen Zulieferer Bosch und den Unternehmenschef Volkmar Denner.

Neue Beweise aus dem VW-Prozess hätten angeblich Hinweise geliefert, um Bosch als Lieferant der Motorsteuerung eine Mittäterschaft nachzuweisen. Konkret geht es um einen internen Schriftwechsel mit Bosch-Managern, den Volkswagen in dem Verfahren vorgelegt haben soll. „Unterlagen belegen, dass Bosch wusste, wofür die Software zur Motorsteuerung genutzt werden sollte“, zitiert „Spiegel Online“ einen Informanten.

Der Zulieferer bestreitet allerdings weiter, vom Verwendungszweck der gelieferten Geräte gewusst zu haben – jeder moderne Motor mit Direkteinspritzung benötigt ein Motorsteuergerät. „Bosch beabsichtigt, sich in den Zivilgerichtsverfahren entschieden gegen die erhobenen Ansprüche zu verteidigten“, sagte ein Konzernsprecher. Bosch hat bislang nach eigenen Angaben 650 Millionen Euro Rückstellungen für Rechtsrisiken gebildet.

Die Adblue-Tanks sind zu knapp kalkuliert

Der Zulieferer Continental, der VW ebenfalls mit Motorsteuergeräten versorgt, ist davon nicht betroffen. Bei den betroffenen US-Motoren kam nur Bosch-Technik zum Einsatz – bei einer der drei in Deutschland betroffenen Varianten des Schummelmotors EA189 wurden aber auch Steuergeräte von Continental verbaut.

VW: Der ungelöste Problemfall

Der Rückruf in Deutschland läuft, mit den US-Behörden hat Volkswagen einen Vergleich geschlossen – auch wenn dieser mit bis zu 15 Milliarden Dollar teurer als erwartet war. Aus der Welt sind die Probleme für die Wolfsburger aber noch nicht: Der zuständige US-Richter muss dem Vergleich noch zustimmen. Und schließlich muss es VW schaffen, 85 Prozent der manipulierten US-Autos von der Straße zu bekommen – sonst wird es noch teurer.

Auch im Rest der Welt ist der Dieselgate-Skandal noch lange nicht ausgestanden. Zahlreiche Länder verlangen Aufklärung und Entschädigung, in Südkorea wurde sogar ein VW-Manager festgenommen. In Deutschland gehen nach und nach weitere Klagen ein – sowohl von einzelnen Kunden, Großabnehmern, Kleinaktionären und institutionellen Investoren. Ausgang und Kostenpunkt: ungewiss.

Immerhin: Bundesverkehrsminister Dobrindt verzichtet jetzt auch offiziell darauf, VW Bußgelder aufzubrummen. Volkswagen habe die Fahrzeuge auf seine Kosten zurückrufen und in einen rechtskonformen Zustand bringen müssen, heißt es aus dem Ministerium. Das soll dann auch reichen.

Es gibt da aber auch noch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen Ex-Chef Martin Winterkorn und den aktuellen VW-Marken-Vorstand Herbert Diess wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Die Finanzaufsicht Bafin hatte offenbar den gesamten VW-Vorstand angezeigt, die Staatsanwaltschaft sah aber nur bei den beiden Managern den Verdacht soweit begründet, dass im Juni ein Ermittlungsverfahren eröffnet wurde. Ob es überhaupt zu einer Anklage und einem Gerichtsverfahren kommt, ist noch unklar. Der jüngst beendete Porsche-Prozess in Stuttgart war jedoch ein mahnendes Beispiel dafür, wie schwer Marktmanipulationen wegen unterlassenen Ad-hoc-Mitteilungen zu beweisen sind.

Zu guter Letzt muss VW neben all den drohenden Zivil- und Strafprozessen noch erklären, wie es überhaupt zu dem Skandal kommen konnte. Auf die Ergebnisse, die die Kanzlei Jones Day bis Ende des Jahres vorlegen soll, wird nicht nur der Untersuchungsausschuss gespannt sein.

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