ADAC-Affäre Wie ein Präsident sich verrennt

Der Rücktritt des Schatzmeisters erschüttert den ADAC bis hinauf zu Präsident August Markl. Dessen Umgang mit dem Problem hat die Provinzangelegenheit erst richtig schlimm gemacht. Die Sache birgt noch mehr Sprengstoff.

Die Kritik an ADAC-Präsident Markl nimmt zu. Quelle: dpa

Die Empörung ist groß im ADAC nach dem Rücktritt von Finanz-Vizepräsident Klaus-Peter Reimer. Doch sie richtet sich keineswegs alleine gegen den 62 Jahre alten Funktionär, der über Vetternwirtschafts-Vorwürfe in seinem Regionalclub Westfalen stolperte – dessen erster Vorsitzender Reimer zugleich ist. Vor allem nimmt die Kritik an ADAC-Präsident August Markl zu.

Markl hatte persönlich ein Gutachten bei der Großkanzlei Freshfields in Auftrag gegeben, um die Vorgänge in Westfalen zu untersuchen. Bei der Hauptversammlung Anfang Mai in Bochum, so berichten mehrere Delegierte, sagte Markl allerdings kein Wort, als Reimer den Delegierten verkündete, Freshfields habe alle Vorwürfe gegen ihn entkräftet – obwohl im Gutachten der Juristen etwas ganz anderes steht. In dem Dokument, das der WirtschaftsWoche vorliegt, stellen die Anwälte unter anderem eine „Pflichtverletzung des Vorstands des ADAC Westfalen“ fest.

Das Brisante dabei: In Bochum musste sich Reimer den Delegierten zur Wiederwahl als Schatzmeister stellen. „Das ist eine Schweinerei. Markl hätte einschreiten müssen“, sagt ein Delegierter, „für mich ist das Wahlmanipulation.“ Reimer siegte anschließend bei der Wahl mit 130 zu 80 Stimmen gegen seinen Herausforderer Volker Schwarz aus dem Regionalclub Württemberg.

Delegierte fühlen sich hinters Licht geführt

Nach einem Bericht der WirtschaftsWoche meldet sich ein weiterer Delegierter. Er fühle sich „getäuscht“, hält Markls Schweigen für „skandalös“ und „wenig weitsichtig“. Angesichts der Schwere der Vorwürfe sei absehbar gewesen, dass „diese tickende Zeitbombe früher oder später hochgehen muss“. Markl, so sagt der Delegierte, hätte Reimer deshalb von einer erneuten Kandidatur abbringen müssen.

Doch der Präsident habe Gespür und Geschick vermissen lassen. „Dass der ADAC jetzt mit dem Rücktritt des Schatzmeisters nur zwei Monate nach dessen Wahl wieder in den Negativschlagzeilen ist, hat auch Markl zu verantworten.“

Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club e.V.


Da die Vorwürfe gegen Reimer allesamt Vorgänge im Regionalclub Westfalen betreffen und nicht seine Tätigkeit als Schatzmeister des bundesweiten Dachverbands, hätte die Sache auch als Provinzaffäre enden könnten. Der Kernvorwurf lautet: Bei zwei zusammen 14 bis 15 Millionen Euro teuren Bauprojekten des Regionalclubs in Hagen und Gelsenkirchen hat der ADAC Westfalen keine Vergleichsangebote für Architektenleistungen eingeholt, sondern die Aufträge einem Schulfreund von Reimer zugeschanzt.

Der Saubermann im Sog der Affäre

Erst Markls desaströser Umgang mit dem Problem sorgt dafür, dass nun auch die Zentrale in München tief mit in den Schlamassel gezogen wird. Markl, der Saubermann, der stets die neue Transparenz und Wahrhaftigkeit beim ADAC predigt, hat nun selbst ein Problem. Erst im vergangenen Jahr hatte Markl das Spitzenamt nach dem Rücktritt von Peter Meyer übernommen, der im Zuge des Skandals wegen manipulierter Abstimmungsergebnisse beim Autopreis „Gelber Engel“ zurückgetreten war. Markls Mission: Den Pannen-Club wieder flott machen.

Nicht nur Delegierte werfen Markl nun jedoch vor, mit seinem Schweigen in der Hauptversammlung Reimer gedeckt und die Affäre vertuscht zu haben. Auch im Verwaltungsrat regt sich Unmut, dort sind die 18 Regionalclubs vertreten. „Wir haben bisher Null Informationen zu den Vorgängen in Westfalen und dem Gutachten von Freshfields erhalten“, sagt ein Verwaltungsratsmitglied der WirtschaftsWoche. „Das hat nichts mit dem Anspruch von Klarheit, Wahrheit und Transparenz zu tun.“

Auf die Frage der WirtschaftsWoche, ob und falls ja wann er das Präsidium und den Verwaltungsrat über die Untersuchungsergebnisse zu den Vorgängen in Westfalen unterrichtet hat, geht Markl in einer Stellungnahme nicht ein. Stattdessen verweist der Sprecher des ADAC-Bosses darauf, dass Markl im Februar dieses Jahres nach dem Eingang eines anonymen Hinweises über das Compliance-Meldesystem des Clubs „sofort die rückhaltlose Aufklärung beauftragt“ habe. Was in erster Linie bedeutete, dass Markl die Kanzlei Freshfields für die Aufarbeitung mandatierte.

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