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Aktien-Manipulation Doppelagent Piëch in geheimer Mission

Ist der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch in Manipulationen des Aktienmarktes verstrickt? Er selbst will nichts gewusst haben, die Staatsanwaltschaft Stuttgart dagegen vermutet, dass er mit dem bereits angeklagten Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking gemeinsame Sache machte.

Von den derzeitigen Ermittlungen gegen den ehemaligen Porsche-Aufsichtsrat sind alle damaligen Mitglieder, und somit auch der VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch betroffen. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt sie der Kursmanipulation. Quelle: dpa

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft nicht nur den Ex-Porsche-Vorständen Wendelin Wiedeking und Holger Härter vor, den Aktienmarkt durch falsche Aussagen manipuliert zu haben. Sie ermittelt in der Sache auch gegen sämtliche Mitglieder des Porsche-Aufsichtsrats im Jahr 2008 und damit auch gegen den VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe.

Neu ist das alles nicht - die WirtschaftsWoche berichtete schon vor knapp zwei Monaten exklusiv über die Ermittlungen gegen die Porsche-Aufsichtsräte - aber spannend ist die Angelegenheit allemal. Denn die Recherchen der Staatsanwälte zielen auf eine zentrale Frage: Wie sehr ist Piëch in die möglichen Manipulationen verstrickt?

Der Enkel des Porsche-Gründers ist Großaktionär von Porsche und VW und zugleich Aufsichtsrat bei Porsche sowie Aufsichtsratschef bei VW. In dieser Vierfachrolle war Piëch sowohl Teil des gescheiterten Übernahmeangriffs von Porsche auf Volkswagen in den Jahren 2005 bis 2009, als auch der führende Kopf der Abwehr des VW-Konzerns. Piëch griff sich, sozusagen, selbst an. Und als der Übernahmeversuch 2009 scheiterte, weil Porsche das Geld ausging, und der von der Insolvenz bedrohte Sportwagenbauer den VW-Konzern um Hilfe anflehte, saß sich Piëch am Verhandlungstisch faktisch selbst gegenüber. Diese Phänomen ist sonst nur bei katholischen Heiligen bekannt: Bilokation, die Existenz einer Person zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten.

Seine Karriere in Bildern
Der VW-Konzern eilt von einem Rekord zum nächsten. Mitverantwortlich für diesen fast märchenhaften Aufstieg: Der Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch. 2013 hat ihm der Automobilclub ADAC den "Gelben Engel" verliehen. "Mit der Ehrung würdigt das ADAC Präsidium die langjährige Innovations- und Visionskraft des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG, der heute als Aufsichtsratschef den zwölf Marken umfassenden Konzern zum erfolgreichsten Automobilhersteller der Welt entwickeln möchte", wie der Automobilclub mitteilte. Quelle: dapd
Zu seinem 75. Geburtstag erntet der mächtigste Mann der Automobilindustrie die Früchte seiner Karriere. Piëch ist der Kopf der Porsche-Eigentümer und Königsmacher von VW, MAN und Scania. Seine Karriere in Bildern. Quelle: dapd
Dabei hat es für Piëch gar nicht so einfach angefangen. Als sein Vater Anton starb, war er erst 15 Jahre alt. Da seine Mutter sich verstärkt um die Geschäfte kümmern musste, wurde auch die Legasthenie des nur mäßigen Schülers nicht erkannt. Stattdessen wurde er auf ein Schweizer Internat geschickt, als seine Noten immer schlechter wurden. Eine Zeit, die Piëch selber in seinem Buch als "finster" bezeichnete. Quelle: dapd
Aufgrund der Tatsache, dass seine Lese- und Schreibschwäche nicht erkannt wurde, traute man ihm die Nachfolge im Konzern nicht von Anfang an zu. Während seines Studiums an der ETH in Zürich änderte sich das. Piëch begeisterte sich zunehmend für Technik. Mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren schloss er sein Studium 1962 ab. Quelle: ap
Zur Ruhe kommt Piëch trotz seiner anhaltenden Erfolge nicht: „Ich kann nicht etwas Gewonnenes feiern. Das liegt mir nicht. Dann ist schon wieder das Nächste dran“, hat er einmal gesagt. Quelle: dpa
Und dabei konnte Piëch machen, was er wollte. Wann immer es kritisch wurde, erwies er sich als "Teflon"-Manager - denn an ihm perlt alles ab: Sei es die „Lopez-Affäre“ um gestohlene Disketten des US-Konkurrenten General Motors, ... Quelle: ap
... oder der Skandal um die Lustreisen des Betriebsrats auf Firmenkosten – dem kontrollfixierten Mann an der Spitze ließ sich nie etwas nachweisen. Damals ging es um Vergnügungsreisen, Bordellbesuche und Sexpartys. Unter anderem Betriebsratschef Klaus Volkert räumte nach dem Bekanntwerden der Affäre seinen Posten. Quelle: ASSOCIATED PRESS

In der Terminologie der Betriebswirtschaft drängt sich dagegen ein ganz anderer Begriff auf: Compliance. Kann es mit rechten Dingen zugehen, wenn der oberste Kontrolleur des größten deutschen Industriekonzerns Angreifer und Angegriffener, Käufer und Verkäufer, Kreditgeber und Kreditnehmer zugleich ist? Wem diente er in seiner Doppelagenten-Rolle? Den Interessen der VW-Aktionäre, wie es sein Amt als oberster Volkswagen-Kontrolleur vorschreibt? Den eigenen Interessen als Porsche-Aktionär? Oder den Interessen der Familien Porsche und Piëch?

Piëch ist sich der Brisanz dieser Fragen wohl bewusst und zieht sich vorerst auf eine beliebte Position zurück: Nichtwissen. Er habe gar nicht gewusst, was das Porsche-Management bei dem Übernahmeversuch so alles trieb, verkündete er im Mai 2009 vor Journalisten: "Es ist mir nie gelungen, Klarheit über die Risiken der Optionsgeschäfte zu gewinnen. Man versicherte mir stets, alles sei in Ordnung. Ich habe dann erst über den VW-Finanzvorstand, Herrn Pötsch, davon erfahren. Und das ist auch nicht der richtige Weg."

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