Arbeitsmarkt Der große Streit um Leiharbeit und Werkverträge

Werkvertragsdienstleister scheinen ein Wundermittel der Industrie zu sein. Aber Arbeitsgerichte und Politik setzen Grenzen. Vor allem Autokonzerne müssen nun ihre Fabriken neu organisieren – zulasten von Flexibilität, Marge und Jobs.

Produktion des Panamera bei der Porsche AG in Leipzig Quelle: dpa

Wie ein Raumschiff überragt das Kundenzentrum im Leipziger Norden das Porsche-Werk unweit der A14. Ein Symbol des Stolzes für die 7800 Menschen, die hier für den Sportwagenbauer arbeiten. Zumindest für den Großteil von ihnen. Manchen dürfte eher Neid beschleichen, wenn er das imposante Gebäude erblickt. Denn ein Sechstel der Arbeiter geht zum Schichtbeginn nicht mit den anderen Kollegen durchs Porsche-Werkstor zur Arbeit, sondern steuert unspektakuläre Hallen auf der anderen Straßenseite an. Manche fahren auch ins gut einen Kilometer entfernte Güterverkehrszentrum. Es sind Mitarbeiter und Leiharbeiter von Porsche-Werkvertragsdienstleistern und -Zulieferern, insgesamt 1300 Menschen, die Achsen, Cockpits, Tanks und Abgasanlagen herstellen oder Räder vormontieren.

Belegschaftsstrukturen der BMW- und Porsche-Werke Leipzig

Menschen, die Porsche bauen, die aber nicht direkt bei Porsche beschäftigt sind. Davon gibt es nicht nur am Standort Leipzig insgesamt sehr viele, sondern auch auf dem Werksgelände des Autobauers selbst: Nicht einmal die Hälfte der Mitarbeiter dort ist Mitglied der Stammbelegschaft: 46 Prozent.

Womit man mittendrin ist in einer der fundamentalen Diskussionen über die Zukunftsfähigkeit von Arbeitsmarkt und Industrie in Deutschland. Nirgends lässt sich diese so gut verorten wie in den Leipziger Automobilwerken, wo neben Porsche auch BMW fertigt. Es geht um das Modell Werkvertrag: Unternehmen stellen für Aufgaben auch in der Produktion Mitarbeiter nicht selber an, sondern beauftragen Dienstleister. Diese dürfen nicht einfach in Arbeitsabläufe eingegliedert werden, sondern müssen selbstständig arbeiten. Der Personaleinsatz wird so flexibler, Unternehmen können sich ihrem Kerngeschäft widmen, in der Regel sparen sie Kosten – auch, weil für die Werkvertragsbeschäftigten in ihren Unternehmen lange Zeit andere Tarifverträge galten.

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) Quelle: dpa

Das machte das Instrument für die Arbeitgeber attraktiv. Auf mehr als eine Million Menschen schätzt die IG Metall allein die Zahl der Leiharbeiter und Werkvertragsbeschäftigten in der deutschen Metall- und Elektroindustrie – rund 30 Prozent der Beschäftigten der Branche.

Vielfach aber setzt die Industrie die an sich legale Beschäftigungsform, so beweisen Urteile der Arbeitsgerichte, illegal um. Deswegen ist ein Kampf entbrannt um die Zukunft dieses Instruments, der nun in die entscheidende Runde geht: Anfang März wollte die Bundesregierung eigentlich einen Gesetzentwurf beschließen, der den Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen unterbindet. Durch einen heftigen Koalitionskrach liegt das Projekt plötzlich aber auf Eis. Unter anderem wollte Berlin die Leiharbeit künftig auf 18 Monate pro Einsatz beschränken. Wer 24 Monate Verleihdauer herausholen will, sollte dafür einen Tarifvertrag abschließen. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) konstatierte, Leiharbeit und Werkverträge brauche die Wirtschaft zwar, „aber sie dürfen kein Deckmantel für Ausbeutung sein“.

Die größten Premium-Autobauer der Welt
Platz 14: TeslaDer Elektrofahrzeughersteller konnte seine Absatzzahlen im vergangenen Jahr um satte 75 Prozent steigern auf 50.500 Autos. Allerdings sind die Absatzzahlen teuer erkauft. Denn Tesla verdient an seinen Fahrzeugen bisher keinen einzigen Cent. Doch die Erwartungen sind umso höher. Bereits jetzt wird Tesla an der Börse mit einer halb so hohen Marktkapitalisierung wie BMW gehandelt. Mit dem Unterschied, dass BMW bereits jetzt knapp zwei Millionen Autos allein im Premiumsegment absetzt. Quelle: AP
Platz 13: JaguarDie traditionelle englische Nobelmarke hat ihren seniorenhaften Stil abgelegt. Die neuen Fahrzeuge von Jaguar sind modern, laut und sportlich. Der Strategieschwenk lohnt sich. 2015 verkaufte der Autokonzern 84.000 Fahrzeuge. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von drei Prozent. Quelle: REUTERS
Platz 12: LincolnDie amerikanische Luxusautomarke produzierte für zahlreiche US-Präsidenten die Staatskarosse. Roosevelt, Truman, Eisenhower, Kennedy und Bush Senior ließen sich mit den Limousinen von Lincoln kutschieren. 2015 stieg der Absatz um 7,1 Prozent auf 101.000 Fahrzeuge. Quelle: AP
Platz 11: Cadillac Quelle: REUTERS
Platz 10: AcuraHondas Sport- und Premiumableger Acura wird mit derselben Strategie vertrieben, wie die Nobelableger von Toyota (Lexus) und Nissan (Infiniti). Seit 2006 verkauft Acura seine Autos auch in China. Der Absatz lag im vergangenen Jahr bei 177.000 Fahrzeugen. Quelle: dpa
Platz 9: InfinitiDer Hauptsponsor des Formel-1-Teams von Red Bull versucht den etablierten Premiummarken Audi, BMW und Mercedes Marktanteile abzuknöpfen und will vor allem in Europa Fuß zu fassen – mit durchwachsenem Erfolg. 2015 wurden gerade einmal 215.000 Fahrzeuge verkauft. Immerhin lässt die Wachstumsrate hoffen. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Absatz um 16 Prozent. Quelle: REUTERS
Platz 8: PorscheSatte 19 Prozent mehr Fahrzeuge wurde Porsche im Jahr 2015 los. Insgesamt verkaufte der Hersteller von Supersportwagen 225.000 Fahrzeuge. Vor allem die SUVs Cayenne und Macan peppen die Bilanz der Stuttgarter auf. Quelle: dpa

Der mögliche Angriff des Gesetzgebers träfe zwar auch Chemieindustrie, Pharmakonzerne, Maschinen- und Anlagenbau. Vom Fleischkonzern bis zur Klinikkette, von Bertelsmann bis Lidl standen schon viele Branchen und Unternehmen im Fokus von Scheinwerkverträgen und Scheinselbstständigkeit. Die Autoindustrie aber, das Rückgrat des deutschen Exportwunders, „ist am stärksten von drohenden Restriktionen bei Werkverträgen betroffen und am verletzlichsten“, sagt Christian Kleinhans, Partner der auf die Autoindustrie spezialisierten Münchner Managementberatung Berylls Strategy Advisors. Er sieht Tausende Arbeitsplätze in Gefahr.

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