WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Audi-Chef Stadler "Wir geben heftig Gas"

Audi baut leichter, schneller, besser - und hat damit schon Mercedes überholt. Der Autobauer aus Ingolstadt möchte nun auch an BMW vorbei. Konzernchef Rupert Stadler im Interview.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Der Vorstandsvorsitzende der Audi AG, Rupert Stadler Quelle: dapd

WirtschaftsWoche: Herr Stadler, Audi wird derzeit mit Auszeichnungen überhäuft. Dennoch meinen einige Experten, bei Audi wäre die Luft raus. Was entgegnen Sie denen?
Rupert Stadler: Ich kenne keinen seriösen Experten, der das so sieht. Im Gegenteil: Sie erwähnen die vielen Preise und ich verweise auch auf unsere Fundamentaldaten. Audi stand wirtschaftlich noch nie so gut da, hatte noch nie eine so breite Modellpalette und hat sich sehr ehrgeizige Ziele in allen entscheidenden technischen Feldern gegeben. Was meiner Meinung nach in der Betrachtung zu kurz kommt ist die Kundensicht. Der Kunde muss den Nutzen einer Innovation spüren, schätzen und bereit sein dafür zu bezahlen. Und deshalb sind wir vielleicht nicht immer die Ersten und Lautesten, wenn es um eine neue Technologie geht, aber wenn wir damit auf den Markt kommen, wollen wir aus Kundensicht die Besten sein.

Wichtigste Produktneuheit 2011 war sicher der A1. Ist der Mini-Konkurrent wirklich ein Erfolg? Die Verkäufe waren wegen des hohen Preises anfangs schleppend.
Wir haben unser Jahres-Absatzziel bereits zwei Mal erhöht: Von 80.000 auf 100.000 und zuletzt sogar auf 120.000 Stück. Vielleicht werden es zum Jahresende sogar etwas mehr. Ich bin mit dem ersten vollen Jahr des A1 daher sehr zufrieden. Wir erreichen unsere ambitionierten Ziele und gewinnen neue Kunden. Drei von vier A1 Käufern besaßen zuvor keinen Audi. Und mit Blick auf Japan, wo wir gerade den Fünftürer vorgestellt haben, kann ich sagen: Dieses Auto hilft uns in diesem anspruchsvollen Markt deutlich voranzukommen. Wir liegen gut 20 Prozent über Vorjahr und wachsen schneller als der Premiummarkt.

Mit hohem Marketingaufwand.
Es ist eine alte Regel des Automobilgeschäfts, dass Kunden, die von anderen Marken abgeworben werden, etwas länger brauchen, bis sie überzeugt sind. Mindestens ein Gespräch mehr, eine oder zwei Probefahrten mehr. Dazu müssen unsere Händler natürlich in der Lage sein, mit Vorführwagen, mit Personal. Inzwischen sieht man das Auto überall auf den Straßen und diese Sichtbarkeit arbeitet für uns. Das sagt mir: Das Ding ist durch. Und nicht nur das: Die Markteinführung des neuen A6 ist sauber gelungen, der A7 auf allen wichtigen Märkten präsent und der A8 sensationell gut angekommen, obwohl er erst auf einigen Märkten verfügbar ist. Der C-D-Shift ist uns also sehr erfolgreich gelungen.

Was meinen Sie mit C-D-Shift?
Die Höherpositionierung der Marke Audi mit den Modellen A6, A7 und A8. Wir haben nahezu die gesamte Modellpalette runderneuert, die Verbräuche reduziert und die inneren Werte erhöht. Wir haben jetzt eine gute Ausgangsposition für die nächsten Jahre.

Vorsprung durch Technik gefährdet

Rupert Stadler (Audi), Katarina Witt, Dieter Zetsche (Daimler), Vitali Klitschko, Ulrich Hackenberg (VW), Norbert Reithofer Quelle: dapd


Um Ihren "Vorsprung durch Technik" fürchten Sie nicht? BMW scheint mit Efficient Dynamics und dem Thema Carbon derzeit stärker zu punkten.
Die Herausforderung nehmen wir an. Wir werden mit unserem neuen A2 den Wettbewerber packen – wir werden leichter sein.


Um wie viel?
Wir werden spürbar leichter sein. Um wie viel, wird sich zeigen, wenn BMW seinen i3 vorgestellt hat.


Und Audi den A2.
Sicher. Aber ich verfolge sehr genau, dass die Kollegen in München ursprünglich mal von einem Fahrzeuggewicht von 1000 oder 1100 Kilogramm sprachen, nun aber schon bei 1250 Kilo angekommen sind. Und der i3 ist ja noch nicht auf der Straße. Das Geheimnis des Leichtbaus liegt darin, jedes einzelne Bauteil einer Karosserie so zu gestalten, dass es bei der Festigkeit, den Komforteigenschaften und den Kosten optimal ist. Und da kann Carbon an einer Stelle sinnvoll sein, Aluminium oder hochfester Stahl an einer anderen. Wir haben einen intelligenten Leichtbau entwickelt, von dem nicht nur ein Modell, sondern alle Baureihen profitieren und der es auch erlaubt, die Autos nach einem Unfall zu vertretbaren Kosten zu reparieren. Ein Bauteil aus Carbon ist nicht prinzipiell leichter, das wird gerne übersehen.

Nach Stand der Technik auch nicht billiger. Wird der neue A2 den BMW i3 auch beim Preis übertrumpfen?
Das muss unser Ziel sein, weil wir wollen, dass Leichtbau auch beim Kunden im Portemonnaie ankommt. Offenbar liegen wir mit diesem Ansatz richtig. Wir sind strategisch gut aufgestellt und geben weiter heftig Gas. Mercedes haben wir dieses Jahr bereits überholt und sind an die Marke BMW sehr dicht herangekommen. Wir sind in Westeuropa die Nummer 1 und in China.

Dafür stehen die beiden anderen in den USA besser da.
Stimmt, und deswegen ist das im Moment noch ein Rennen gegen uns selbst. Aber vor rund drei Wochen , bezeichnenderweise an Thanksgiving, haben wir unsere Bestmarke aus dem Vorjahr mit 101.600 Autos übertroffen und legen noch einmal einen vollen Monat oben drauf. Wir haben in den vergangenen vier Jahren unser US-Geschäft qualitativ neu ausgerichtet. Wir haben ein exklusives Händlernetz aufgebaut, das Markenimage aufpoliert. Auf der Einkaufsliste der Amerikaner sind wir bei Premiumautos von Position sieben auf Position zwei vorgerückt. Und unser Ziel ist es, ganz nach vorne zu kommen.


In den USA?
Nicht nur dort, sondern weltweit. Wir wollen die Premiummarke Nummer 1 sein und zwar nicht nur beim Absatz.


Das will Mercedes auch.
Das macht den Weg dorthin auch so spannend.

Absatzziele und Schuldenkrisen

Autos der Marke Audi stehen im Hafen von Emden zum Verladen Quelle: dapd


Das Absatzziel von Audi für 2011 waren 1,3 Millionen Autos.
Und die Zahl werden wir auch ohne Probleme erreichen.


Trotz Euro- und Schuldenkrise?
Natürlich merken wir auch, dass die Schuldenkrise in einigen Märkten Spuren hinterlässt, aber die 1,3 Millionen stehen.


Das Absatzziel für 2015 lag bei 1,5 Millionen Autos. Bleibt es dabei?
Wir sind derzeit besser unterwegs als geplant. Das könnte bedeuten, dass wir unser Ziel früher erreichen. Wir haben den Planungshorizont bereits bis 2020 erweitert und wollen dabei auf veränderte Kundenbedürfnisse reagieren. Vor allem wollen wir noch internationaler werden, mit einer größeren, aber auch flexibleren Organisation, die Innovationen prägt, ihre soziale Verantwortung wahrnimmt und Investitionen ausschließlich aus dem eigenen Cash Flow finanziert. Als ich 2003 Finanzvorstand wurde, hatte Audi ein operatives Ergebnis von rund einer Milliarde Euro. Heute kommen wir auf vier Milliarden Euro – nach drei Quartalen. Und wir sind stabil, robuster denn je.

Aber BMW in München ist noch einen Tick besser.
Wir weisen in unserer Bilanz kein Ergebnis aus dem Finanzgeschäft aus, das liegt bei der Volkswagen-Bank. Wir sind jetzt nach neun Monaten bei einer Umsatzrendite von 12,2 Prozent. Aber das darf nicht alleine im Vordergrund stehen. Die Kernfrage ist: Wie kriegen sie das Unternehmen in der Werthaltigkeit entwickelt, zukunftsfähig gemacht? Wir messen uns ja auch nicht nur an den Wettbewerbern der Automobilbranche.


Sondern?
Von der inneren Haltung her auch mit anderen erfolgreichen Leadern, zum Beispiel Apple: Hoch innovativ, immer am Kunden und an der Zukunft orientiert.

Die Zukunft der Weltwirtschaft ist wegen der Finanz- und Schuldenkrise alles andere als klar. Wo sehen Sie die größten Risiken für Ihr Geschäft?
Die Welt ist in den letzten Jahren nicht stabiler, sondern fragiler geworden. Dennoch sehen wir nach unseren Prognosen im kommenden Jahr leichtes Wachstum in den USA, stabiles Wachstum in China um die acht Prozent. China wird nächstes Jahr der größte Automarkt der Welt werden mit etwa 13 Millionen Fahrzeugen. Wir sehen Wachstum in Südamerika, auch in Afrika, speziell Südafrika.


Und in Europa?
Da erwartet uns Stagnation. Vielleicht wird der Markt auch schrumpfen, da wird man in einigen Monaten klarer sehen. Das hat aber im Autogeschäft weniger mit der Kaufkraft zu tun, sondern ist eher Folge einer Kaufzurückhaltung, die auf Unsicherheit und Nervosität beruht. Der deutsche Markt wird sich innerhalb Europas noch am stabilsten entwickeln. Wachstum sehen wir in Osteuropa und in Russland. Aber alles hängt natürlich davon ab, ob es gelingt, die Euro-Krise zu managen.

Mit Speed durch die Krise

Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender der Audi AG Quelle: dpa

Lassen Sie Ihre Experten schon den Ausstieg Deutschlands aus der Währungsunion und die Rückkehr zur D-Mark durchkalkulieren?
Nein. Wir denken zwar in Szenarien, aber dieses gehört definitiv nicht dazu.


Warum das?
Weil ich überzeugt bin, dass der europäische Wirtschaftsraum den Euro braucht und es auch keine Alternative zu ihm gibt. Es ist unsere Aufgabe, diese Leitwährung zum Wohle unserer politischen und gesellschaftlichen Stabilität robust zu halten.


Koste es, was es wolle?
Deutschland ist keine Insel. Es exportiert mehr als die Hälfte seiner Wirtschaftsleistung, einen sehr großen Teil davon in Euro-Länder. Wir exportieren 40 Prozent unserer Autos in den Euroraum. Hinter dieser Wirtschaftsleistung stehen Menschen, Arbeitsplätze. Der Euro hat Deutschland als führender Export-Nation sehr geholfen. Der Fehlmechanismus der europäischen Gemeinschaftswährung der letzten zehn Jahre war, dass die unterschiedlichen Produktivitätsniveaus der teilnehmenden Märkte nicht in den Preisen und Löhnen abgebildet wurden. Außerdem haben sich alle schon vor der Finanzkrise ziemlich dramatisch verschuldet. Das muss jetzt schleunigst korrigiert werden.


Durch Eurobonds?
Wenn die Kreditaufnahme für jedes Land gleich billig ist, segelt man am Thema vorbei. Wo bleibt dann der Druck, Haushalte nachhaltig zu sanieren und die richtigen Wachstumsanreize zu setzen? Das ist kein einfacher Prozess, er wird auch schmerzhaft sein. Und vielleicht wird für die Reform ein Jahrzehnt nicht reichen. Aber da müssen wir durch.

Angst und bange wird Ihnen bei solchen Perspektiven nicht? Andere Unternehmen spüren bereits die Abschwächung des europäischen Markts und haben für einzelne Werke Kurzarbeit angeordnet.
Aufgabe eines Unternehmers ist es, die richtigen Antworten auf die Herausforderungen der Märkte zu finden. Da ist Angst kein guter Ratgeber. Wir haben im nächsten Jahr gute Chancen auf weiteres Wachstum. Wir werden deshalb auch weiter kräftig investieren und nicht zu sparen anfangen. Wir investieren auch noch stärker in den eigenen Nachwuchs und haben vor wenigen Tagen die Mitarbeiter-Erfolgsbeteiligung neu geregelt. Alles mit dem Ziel, die Leistung unserer Mitarbeiter zu honorieren und sie zu motivieren, unsere ambitionierte Wachstumsstrategie weiter so engagiert voranzutreiben wie bisher.


Dennoch würde es Ihnen wohl kaum jemand übel nehmen, wenn Sie bei der unsicheren Lage der Weltwirtschaft den Fuß kurz vom Gaspedal nähmen.
In jeder unübersichtlichen Kurve sollte man den Druck aufs Gaspedal fein dosieren. Das ist die Aufgabe eines jeden Unternehmers. Aber wenn Sie Gesamtsieger werden wollen, dann brauchen Sie einen gewissen Speed über eine längere Distanz.


Dabei wächst aber die Gefahr, aus der Kurve zu fliegen.
Wie gesagt, einen gefühlvollen Gasfuß in unübersichtlichen Kurven aber nie vergessen, dass man ein Rennen nicht nur mit der Bremse gewinnen kann.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%