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Ausgliederung der Werke Das ist Opels Tod auf Raten

Quelle: imago images

Die Opel-Mutter Stellantis forciert die Eigenständigkeit der Produktionswerke in Rüsselsheim und Eisenach. Opel erhofft sich so eine bessere Zusammenarbeit im Konzern und mehr Flexibilität etwa durch eine einfachere Produktallokation. Dabei könnte am Ende nur der Name der Marke bleiben. Ein Kommentar.

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In der Kommunikation von Opel hört sich der Plan toll an: Von einer „maximalen und effizienten Auslastung der Produktionskapazitäten“ ist da die Rede. So solle sichergestellt werden, dass alle Stellantis-Produktionsstandorte für alle Stellantis-Marken produzieren könnten. In Rüsselsheim etwa soll das mit dem Auto DS4 schon bald gelebte Praxis sein: Die ehemals zu Citroën gehörige Marke ist heute Teil des Stellantis-Konzerns mit 14 Marken (Peugeot, Citroën, Opel, Vauxhall, DS, Fiat, Alfa Romeo, Maserati, Lancia, Abarth, Chrysler, Dodge, Ram und Jeep) und soll schon bald in Opels Stammwerk Rüsselsheim produziert werden.

Das Vorhaben mit den eigenständigen Werken kann harmlos sein. Allerdings lief bei Opel seit der Übernahme des französischen Autobauers PSA im Sommer 2017 nichts mehr ohne Hintergedanken. Die Situation spitzte sich im Frühjahr 2020 zu, als PSA mit der italienisch-amerikanischen Fiat Chrysler Automobiles (FCA) fusionierte und unter dem Namen Stellantis zum weltweit viertgrößten Hersteller aufstieg. 

Permanenter Aderlass

Vor allem aber lief seit dem ersten Auftreten der Franzosen bei Opel nichts mehr ohne Aderlass. So schrieb die WirtschaftsWoche schon im Jahr 2018, dass ein hochrangiger Betriebsrat befürchte, „dass es Leute gebe, die aus Opel eine Abwicklungsgesellschaft machen wollten“. PSA könnte die Marke Opel behalten wollen – und von den deutschen Standorten wenig übrig lassen. Im schlimmsten Fall, hieß es damals, würde Opel entkernt. PSA wolle schließlich künftig die Motoren liefern, gar die gesamte technische Basis. Opels Autos sollten fortan auf der Plattform von PSA entstehen, das bringe Skaleneffekte und bessere Einkaufspreise. Den Opelanern aber würde noch das Design etwa von Karosserie und Innenraum bleiben. Die Zahl der Entwicklungsingenieure dezimierte sich nach der Übernahme zusehends. Hunderte wurden ausgegliedert, abgefunden oder in den Ruhestand begleitet. Da konnte Opel noch so oft betonen, dass das Entwicklungszentrum ein „zentrales Element“ bleibe und das Herz von Opel. In der Praxis deutete sich etwas anderes an. 

Die schlimmsten Befürchtungen wurden wahr: Bei Opel sind schon Tausende Menschen über freiwillige Programme ausgeschieden, Modelle wie Cascada, Adam oder Karl wurden wegen schlechter CO2-Werte gestrichen. Diverse Abteilungen sind schon verschwunden, neulich standen selbst Maschinen bei Ebay-Kleinanzeigen zum Verkauf

Klar, PSA rettete Opel vor der drohenden Insolvenz. Heute ist der Autobauer wieder profitabel. Doch zu welchem Preis? 

Kommt jetzt das Beerdigungsinstitut?

Nun prüft das Unternehmen, die beiden deutschen Werke in eine eigene Rechts- und Produktionsorganisation umzuwandeln. Ob das wirklich so harmlos wäre, wie es vom Unternehmen dargestellt wird, kann man glauben – oder auch nicht. Was in der Eigenständigkeit tatsächlich passieren soll, ist nicht bekannt. Denkbar ist aber sicherlich, dass die nun neue Mutter Stellantis die Werke an Auftragsfertiger verkauft. Stellantis könnte dann etwa in Eisenach den Grandland X beim neuen Eigentümer produzieren lassen. Und der könnte das Werk auslasten, wenn er weitere externe Aufträge von anderen Autobauern gewinnen könnte. Oder er könnte das Beerdigungsinstitut spielen – und nach einiger Zeit schulterzuckend sagen, dass er leider keine neuen Auftraggeber finden konnte und sich der Betrieb des Werkes nicht mehr lohnt. Dann würde der neue Eigentümer das Werk dichtmachen – und die Franzosen ihr Versprechen nicht brechen, dass sie keine Werke schließen würden. Schuld wäre dann ja der Käufer des Werkes.

Aktuell sorgen sich bereits viele vor allem um das Werk in Eisenach. Dort herrscht mindestens bis zum Jahreswechsel Kurzarbeit – angeblich wegen des Chipmangels. Produziert werden die bislang dort gebauten Autos nun vorübergehend in Frankreich. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Zwar hat PSA versprochen, keine Werke zu schließen – doch Experten sehen Überkapazitäten. Ein Problem sehen Insider besonders in Eisenach, weil der Standort über kein eigenes Presswerk verfügt – Pressteile für den dort gefertigten Grandland X kommen aus Rüsselsheim und dem über 500 Kilometer entfernten französischen Sochaux. 

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Opel droht zu verschwinden, schrieb die WirtschaftsWoche schon im Dezember 2020. Mit der geplanten Eigenständigkeit der deutschen Werke liegt die Befürchtung von einem Tod auf Raten heute näher denn je – egal, wie laut Opel verkündet, dass die Aktion dazu dienen sollte, Arbeitsplätze zu sichern. 

Mehr zum Thema: So will Opel seine Mitarbeiter loswerden: Briefe von Opels Personalchefs Ralph Wangemann an Beschäftigte sorgen in Rüsselsheim für Unmut. Die Mitarbeiter werden ziemlich unmissverständlich zum Abschied gedrängt. Das steht im Brief des Personalchefs.

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