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Autoindustrie Es wird kein „V“

Verläuft die Coronakrise in Europa wie in China: ein schneller Absturz der Verkaufszahlen, gefolgt von einem steilen Anstieg? Wohl kaum, sagen Experten. Quelle: dpa

Wie heftig trifft Corona die Autoindustrie wirklich? Folgt auf den Absturz der Verkaufszahlen ein steiler Anstieg? Wohl kaum, analysiert die Unternehmensberatung AlixPartners. Ein Blick auf die Szenarien.

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Die Manager der deutschen Autoindustrie ticken nicht anders als die Bürger – anfangs unterschätzten viele die Gefahr durch das Coronavirus. Nicht wenige Manager äußerten sich hinter vorgehaltener Hand schwer verärgert über die Schutzmaßnahmen in Asien, die die dortigen Produktionen ausbremsten und Lieferketten abreißen ließen. Inzwischen verstünden aber die meisten von ihnen die Notwendigkeit der einschneidenden Maßnahmen, heißt es aus dem Umfeld der deutschen Autobauer VW, BMW und Daimler, bei denen die Produktion – wie bei fast allen anderen Autoherstellern – weltweit zum Erliegen gekommen ist.

Was die Firmen nun vor allem umtreibt: Wann endet die Ruhe in den Werken und Autohäusern? Und was braucht es zum Wiederanfahren?

Lange war in den Chefetagen eine Hoffnung weit verbreitet: Dass es in Europa und USA so ähnlich läuft wie in China. Dass es nach rund einem Monat Shutdown wieder steil bergauf geht; eine Kurve wie ein enges V also. Diese Hoffnung jedoch stirbt gerade. Denn immer klarer wird, dass die USA viel schwerer getroffen ist, als bislang angenommen. In Europa wird es aufgrund unterschiedlicher Verläufe der Pandemie in den einzelnen Ländern wohl noch Monate dauern, bis die länderübergreifenden Lieferketten wieder funktionieren. Deutschen VW-Werken etwa würde es wenig nützen, wenn sie wieder funktional wären, wenn aber Zulieferungen aus süd- oder osteuropäischen VW- oder Zuliefererwerken nicht einträfen.

Die auf Krisensituationen und Firmensanierungen spezialisierte Unternehmensberatung AlixPartners kann die V-Kurve für China in einer aktuellen Studie exakt belegen: Bis Ende Februar stürzten dort Produktion und Verkäufe um 80 Prozent ab. Seither geht es wieder steil bergauf. Minus 50 Prozent waren es noch in der ersten März-Woche gegenüber dem Vorjahreszeitraum, in der zweiten Woche noch minus 44 Prozent. Geht die Entwicklung so weiter, ist China schon im Mai wieder auf Vorkrisen-Niveau. VW bestätigt: Die Produktion werde in den 33 chinesischen Werken gerade wieder hochgefahren.

Die Studie, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, rechnet Szenarien nach unterschiedlichen Verläufen der Pandemie und wird regelmäßig aktualisiert. Sah die Beratung in der vergangenen Woche das China-Szenario auch für Europa und USA als eine mögliche Variante, hat sie dieses optimistischste Szenario inzwischen gestrichen: „Wir sehen jetzt noch zwei Varianten“, sagte Studienautor und Managing Director der Beratung, Elmar Kades: „Eine Rezession für 2020 mit einem weltweiten Absatzrückgang um 16 bis 21 Prozent. Oder eine längere Rezession mit einem Minus von 22 bis 27 Prozent im laufenden und schwacher Erholung im nächsten Jahr, wenn man die Pandemie nicht schnell unter Kontrolle bringt.“

Das erste Szenario geht davon aus, dass die europäischen und amerikanischen Werke im Mai wieder laufen und die Kunden bis spätestens Juni in die Autohäuser zurückkehren. Nur vereinzelt kommt es zu Lieferketten-Problemen und finanziellen Schieflagen von Zulieferern oder Autobauern. Ergebnis: Die europäischen Autobauer erzielen 2020 keine Gewinne, die Konsolidierung beschleunigt sich und die Absatzkurve wird kein „V“ wie in China, sondern ein „U“. Das zweite Szenario nimmt einen Produktionstopp von drei Monaten und eine monatelange Kaufzurückhaltung von Kunden und Unternehmen an. In diesen Fall komme es zu einem Absatzeinbruch in Europa von bis zu 30 Prozent für zwei Jahre, Lieferkettenabrissen und etlichen Insolvenzen in der Branche.

Unabhängig davon, welches Szenario eintritt, werden die Folgen unterm Strich gravierend sein: „Es werden in diesem Jahr zwischen 16 und 21 Millionen Fahrzeuge weniger verkauft als 2019“, sagt Kades. „Frühstens 2022 wird wieder Vorkrisenniveau erreicht. Das ist ein weitaus stärkerer Einbruch als nach der Finanzkrise von 2008.“

Um den Schaden zu begrenzen, bereiten die Unternehmen jetzt schon mit Hochdruck das Wiederanfahren vor. Sie arbeiten an neuen Arbeitsschutzvorschriften, kaufen Millionen Schutzmasken ein oder denken sogar – wie bei einem deutschen Hersteller – über eine eigene Masken-Produktion nach, sie bauen die Fabriken so um, dass mindestens zwei Meter Abstand zwischen den Arbeitern eingehalten werden kann und sie brüten über Schichtplänen, die den Arbeitern genügend Zeit geben, trotz der Erschwernisse ihre Aufgaben zu erfüllen.

Auch auf den Management-Etagen herrscht trotz Produktionsstopp alles andere als Stillstand: Der Vertrieb denkt über Online-Verkäufe nach, der Einkauf über Stützungsmaßnahmen für angeschlagene Zulieferer, die Personalabteilungen beantragen Kurzarbeit und diskutieren mit den Belegschaftsvertretern verpflichtende Gesundheitskontrollen wie etwa Fiebermessen vor und nach Schichtende. Vorstände und Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen haben noch eine weitere Aufgabe: Sie müssen klären, ob ihr Unternehmen durch den angestürzten Aktienkurs zum Übernahmeziel wurde und was gegen eine Attacke zu unternehmen wäre.

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