Autoindustrie Fünf Autowerke sind überflüssig

Autoexperte Stefan Bratzel sagt Europas Autoindustrie eine düstere Zukunft voraus. Die Prognose für 2012 und 2013.

Ford macht drei Werke in Europa dicht
FordAls erster Autobauer zog Ford angesichts der Absatzkrise in Westeuropa die Notbremse und macht drei Werke mit Tausenden Beschäftigten dicht: Das Werk im belgischen Genk mit 4300 Mitarbeitern sowie die zwei Standorte Southampton und Dagenham in Großbritannien mit 1400 Beschäftigten. Abgesehen von Russland werde die Produktionskapazität in Europa um 355.000 Fahrzeuge verringert, eine Kürzung um fast ein Fünftel. Der wegen der weggebrochenen Verkaufszahlen für dieses Jahr erwartete Verlust werde über 1,5 Milliarden Dollar liegen, räumte Ford ein. Bisher war der Autobauer von lediglich über einer Milliarde ausgegangen. In Saarlouis hat Ford seine Produktion bereits gedrosselt: Sie soll von täglich 1.670 Fahrzeugen ab November 2012 auf 1.530 pro Tag sinken. Außerdem entlässt das Unternehmen Leiharbeiter. Schon im Sommer hatte Ford mehrere tausend Mitarbeiter seines Kölner Werks (Foto) in Kurzarbeit geschickt. Quelle: dpa/dpaweb
AudiStille Nacht in Neckarsulm: Über Weihnachten soll im dortigen Audi-Werk die Produktion der Modelle A7 (Foto) und A8 ruhen. Schon Anfang August stoppte der Konzern seine Fertigung in der Fabrik für eine Woche. Audi hatte bereits im Sommer 2012 angekündigt, sich schrittwiese in Neckarsulm von Leiharbeitern zu trennen. Quelle: obs
BMWBMW will sich vom europäischen Markt emanzipieren. Dabei setzt der Konzern auf vielversprechendere Märkte wie Asien, Süd- und Nordamerika. Laut der Nachrichtenagentur Reuters ist ein neues Werk in Brasilien geplant. Außerdem leitet BMW jene Modelle, die in Europas Autohäusern verstauben, nach Asien und in die USA um. Dieses wiederfuhr laut Vertriebsvorstand Ian Robertson in den vergangenen Monaten bereits mehreren zehntausend Autos, die in Europa nicht verkauft werden konnten. Quelle: REUTERS
PSA Peugeot CitroënEin eingesperrter Personalchef – das zeigt, wie kritisch die Lage von Europas zweitgrößtem Autobauer PSA Peugeot Citroën ist. Nachdem der Manager des Werks in Aulnay-sous-Bois die Löhne gekürzt hatte, sperrten ihn die Mitarbeiter am 17. Oktober ein. Eine Woche zuvor demonstrierten Werksmitarbeiter vor dem Pariser Autosalon (Foto). Das Unternehmen will die Fabrik 2014 still legen. Insgesamt sollen bei PSA Peugeot Citroën 8.000 Stellen fallen. Der französische Staat und mehrere Banken verhandeln mit der konzerneigenen Banque PSA Finance über eine Finanzspritze. Im ersten Halbjahr 2012 machte das Unternehmen 800 Millionen Euro Verlust. Quelle: Reuters
OpelDer sogenannte Deutschland-Plan soll Opel wieder auf die Beine helfen. Doch die Verhandlungen dazu sind ins Stocken geraten. Bis Ende 2012 will das Unternehmen seine Mitarbeiter in den Werken in Rüsselsheim (Foto) und Kaiserslautern an 20 Tagen in Kurzarbeit schicken. Quelle: dpa
VolkswagenDie Produktion des VW Passat in Emden (Foto) soll einige Tage ruhen. Bei Volkswagen leidet vor allem die Mittelklasse unter der Kaufzurückhaltung der Kunden. Quelle: dapd
PorschePorsche will seine Produktion im Jahr 2013 zurückfahren: Sie soll um fünf bis zehn Prozent sinken. Kurzarbeit ist jedoch nicht vorgesehen. Quelle: dapd

Stefan Bratzel sieht schwarz. „Die Marktsituation für die Autoindustrie in Europa wird sich 2013 weiter verschlechtern“, prophezeit der Leiter des Center of Automotive Management CAM. Auch in Deutschland sinkt nach seiner Prognose die Zahl der Neuzulassungen. In diesem Jahr sind es noch 3,1 Millionen Pkw, 2013 erwartet er weniger als drei Millionen.

Kapazitäten müssen runter
Die Autohersteller, die ihre Fahrzeuge hauptsächlich in Europa anbieten, müssen sich auf erhebliche Anpassungen einstellen. „Die Produktionskapazitäten in Westeuropa müssen um mindestens 1,5 Millionen reduziert werden.“ Mindestens fünf Werke seien langfristig überflüssig. Schon zwischen 2007 und 2012 schrumpfte die Zahl der Neuzulassungen europaweit um 20 Prozent. Das entspricht einem Minus von drei Millionen Autos.

Autoabsatzprognose für 2012 und 2013

Man müsse damit rechnen, dass der Pkw-Markt in Westeuropa im Jahr 2013 zum sechsten Mal in Folge schrumpft. „Wobei derzeit noch von einem moderaten Rückgang von 2,5 Prozent auf 11,5 Millionen Pkw gerechnet wird.“
USA als Wachstumslokomotive
Konzerne, die weltweit Autos verkaufen, können die Rückgänge in Europa teilweise durch höhere Absatzzahlen in anderen Regionen ausgleichen. „Insbesondere die USA sind die Wachstumslokomotive der Autoindustrie 2012 mit einem zweistelligen Absatzplus.“

BMW fährt Bestmarken ein
BMW steuert auf den nächsten Jahresrekord zu. Die Bayern fuhren von Juli bis September Bestmarken bei Umsatz, Ergebnis und Absatz ein. Der Konzernüberschuss wuchs im Jahresvergleich um 16 Prozent auf 1,29 Milliarden Euro. Den Umsatz stieg um 14 Prozent auf 18,82 Milliarden Euro. BMW verkaufte neun Prozent mehr Autos der Marken BMW, Mini und Rolls-Royce - insgesamt fast 435.000. Ein geringes Plus in Europa machte der Konzern durch starke Zuwächse in Nordamerika und vor allem in Asien mehr als wett. Im Rekordjahr 2011 hatte BMW einen Nachsteuergewinn von 4,9 Milliarden Euro eingefahren und 1,67 Millionen Autos verkauft. In den ersten neun Monaten dieses Jahres lag der Absatz mit rund 1.335.000 verkauften Autos um 8,3 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. BMW büßte in seinem Kerngeschäft, dem Automobilmarkt, in den ersten neun Monaten Gewinn ein. So sank das Ergebnis vor Steuern im Vergleich zum Vorjahr von 5,6 Milliarden auf 5,3 Milliarden Euro. Der Konkurrent Audi hatte zuletzt ebenfalls an Profitabilität verloren, Daimler schraubte für seine Autosparte sogar die Erwartungen zurück. Quelle: dpa
Spanners are placed on a mat by mechanics for the photographer inside a Toyota service centre in Taipei Quelle: REUTERS
General Motors Quelle: dpa
Fiat stünde ohne Chrysler am Abgrund. Im dritten Quartal hätten die Italiener ohne den US-Partner einen Verlust von 281 Millionen Euro eingefahren. Mit Chrysler lässt sich das Ergebnis sehen: Die Gruppe verdoppelte den Nettogewinn spielend auf 286 Millionen Euro. Chrysler steigerte seinen Umsatz um 18 Prozent auf 12 Milliarden Euro. Der Gesamtumsatz der Fiat-Gruppe stieg um 16 Prozent auf 20,4 Milliarden Euro. Die Mailänder aber müssen in der EU 16,8 Prozent weniger Neuzulassungen verkraften. Fiats Anteil am europäischen Automarkt, der 2009 noch bei etwa 8 Prozent lag, ist im dritten Quartal auf 5,9 Prozent gefallen. Die Nachfrage in Italien ging sogar um 23 Prozent zurück. Schon seit einiger Zeit wird darüber spekuliert, ob Fiat, ähnlich wie Peugeot in Frankreich, Hilfe vom italienischen Staat benötigt. Quelle: REUTERS
Ford hat zwischen Juli und Ende September rekordverdächtig verdient. Vor Steuern hat der Konzern mit knapp 1,7 Milliarden Euro soviel Gewinn verbucht wie noch nie in einem dritten Quartal. Das Nordamerika-Geschäft gleicht das ruinöse Europageschäft mehr als aus. In diesem Jahr wird Ford in Europa nämlich rund 1,5 Milliarden Dollar Verlust einfahren. Um dem Desaster in Europa Herr zu werden, hat Ford angekündigt drei Werke zu schließen: Genk, Dagenham und Southhampton. Das soll jährlich rund 500 Millionen Dollar einsparen. Bis einschließlich September hat Ford in Europa 12 Prozent weniger Autos verkauft als im Vorjahreszeitraum. Die Absätze der bisher erfolgreichen Kleinwagen Fiesta und Ka brachen bis einschließlich September um 15,5 bzw. 18 Prozent ein. In Italien hat Ford zwischen Januar und September nur noch halb so viele Autos verkauft wie in den ersten neun Monaten des Jahres 2011. Der Marktanteil schrumpfte um 1,3 Prozentpunkte auf sieben Prozent. Quelle: dpa
Der Sportwagenhersteller Porsche steigerten die Erlöse in den ersten neun Monaten im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum 2011 um 28 Prozent auf 10,15 Milliarden Euro. Der Absatz legte um ein Fünftel zu und knackte die Marke von 100.000 Fahrzeugen. 1,88 Milliarden Euro operatives Ergebnis sind 23 Prozent Plus und ergeben eine in der Branche ungeschlagene Marge von 18,5 Prozent. Porsche ist mit einer Umsatzrendite von 18,5 Prozent der profitabelste weltweit tätige Autohersteller. Auch die Stuttgarter machen mittlerweile außerhalb Europas die besten Geschäfte. So wächst der Absatz in China um 35 Prozent, in den USA immerhin noch um 22 Prozent. Quelle: dapd
Audi hat im dritten Quartal mehr Autos verkauft, aber weniger Gewinn verbucht. Das operative Ergebnis der VW-Tochter sank von 1,4 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum auf 1,3 Milliarden Euro. Das Ziel, in diesem Jahr 1,4 Millionen Autos auszuliefern, bleibt aber davon aber unberührt. Der Umsatz stieg um fast 16 Prozent auf 12,7 Milliarden Euro. Nach neun Monaten liegt das operative Ergebnis immer noch über Vorjahr: Bis September verdiente Audi 4,2 Milliarden Euro, vor einem Jahr waren es knapp 4 Milliarden. Die Krise in Südeuropa ging auch an den Ingolstädter nicht spurlos vorbei. In Italien brachen die Umsätze seit Jahresbeginn um fast 17 Prozent ein. Dafür legte Audi aber in China um 30 Prozent zu. Der vierte Audi wird mittlerweile im Reich der Mitte ausgeliefert. Quelle: REUTERS

Nach der Prognose des CAM steigen die Absätze im USA Markt in diesem Jahr auf 14,25 Millionen Pkw und leichte Nutzfahrzeuge. Das ist der höchste Stand seit 2007. Für 2013 rechnen die Experten weiter mit einem wachsenden Markt – allerdings nur noch im einstelligen Prozentbereich.


Russland läuft Deutschland den Rang ab

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Der chinesische Markt wird sich nach Meinung von Bratzel weiter abkühlen und 2013 und rund drei Prozent wachsen. Für Indien, Russland und Brasilien rechnet Bratzel ebenfalls mit weiter steigenden Absatzsätzen. Russland könnte 2013 mit einem geschätzten Absatz von drei Millionen erstmals Deutschland als fünfgrößten Einzelmarkt ablösen.
Weltweit prophezeit Bratzel der Autobranche für 2012 allerdings ein Wachstum von vier Prozent. Für 2013 sagt er ein Plus von 1,5 Prozent voraus. Damit würden weltweit 69 Millionen Fahrzeugen verkauft.
Bratzel: „Als Erfolgsfaktoren für Automobilhersteller werden die „globale Aufstellung“ als auch „Flexibilität“ immer wichtiger. Einerseits um Schwankungen von einem Markt durch Absatz in anderen Regionen auszugleichen, andererseits um schnell auf Marktveränderungen z.B. durch Anpassungen der Produktion reagieren zu können.“

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