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Autoindustrie im Stresstest So belastbar sind die deutschen Autobauer

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Einseitige Abhängigkeit von instabilen Boomländern

Auch das brasilianische São Paolo ist eine jener Städte, deren Boom in den vergangenen Jahren kein Ende zu nehmen schien. Und das Auto wurde zum Lebensgefühl jener, die es geschafft hatten. Wer etwas auf sich hielt, fuhr am Wochenende aus. Seit Anfang Januar erkundigen sich Autofahrer, die an die Strände nahe der Küste São Paulos fahren wollen, lieber erst einmal, ob die Schnellstraße dorthin frei ist. Meist sorgen Demonstrationen für Dauerstaus. Denn vor den dortigen Werken von Daimler und Volkswagen treten die Belegschaften immer wieder in den Ausstand. Beide Konzerne haben Anfang Januar angekündigt, rund 1000 Mitarbeiter entlassen zu wollen.

Diese Autos müssen am häufigsten in die Werkstatt
Wie oft ein Wagen in die Werkstatt muss, hängt auch von der Marke ab. Bei Premium-Modellen ist die Wartung nicht automatisch teurer, denn die verbauten Teile halten oft auch länger: Teure Teile wie Zündkerzen müssen dann laut ADAC zum Beispiel erst nach 60.000 oder 90.000 Kilometern ausgetauscht werden. Wer zudem ein flexibles Wartungssystem an Bord hat, hat den Vorteil, dass Sensoren wichtige Elemente der Motors überwachen und den idealen Zeitpunkt für die Inspektion individuell bestimmen. Dabei spielt auch das Fahrverhalten eine Rolle: Vollgas-Orgien und Fahren mit hoher Drehzahl verringern die Zeiträume der Inspektionen. Ohne flexibles Wartungssystem liegt die Vorgabe der Hersteller meist bei einem Jahr oder 20.000 Kilometern, je nachdem, was zuerst eintritt. Die Kosten für Wartungen und Service-Checks variieren stark. Als Faustregel gilt: Je größer der Motor, desto höher die Wartungskosten. Die Wartungsintervalle der wichtigsten Modelle von Kleinwagen-, Kompakt- und Mittelklasse im Überblick: Quelle: Focus Quelle: dpa Picture-Alliance
Kategorie KleinwagenAlfa Romeo MiToFür den Benziner liegt das Inspektionsintervall bei 30.000 Kilometern beziehungsweise zwei Jahren, je nachdem welches Ereignis zuerst eintritt. Ähnlich ist es beim Diesel, hier liegt lediglich die Kilometergrenze mit 35.000 Kilometern etwas höher. Quelle: Presse
Audi A1Hier ist das Ölwechsel-Intervall in Deutschland für alle Modelle und Motoren flexibel. Je nach Fahrweise liegt es zwischen 15.000 Kilometern und einem Jahr bis zu 30.000 Kilometern oder zwei Jahren. Das Inspektionsintervall liegt fest bei 30.000 Kilometern oder zwei Jahren, je nachdem was zuerst eintritt. Quelle: Presse
Citroёn C3Für die Varianten PureTech VTi 68 und e-HDi 90 liegt das Inspektionsintervall bei einem Jahr oder 25.000 Kilometern. Quelle: PR
Fiat Panda und Fiat 500Für diese beiden Modelle gilt das gleich wir für den Alfa Romeo MiTo: Für den Benziner wird die Wartung alle 30.000 Kilometer oder zwei Jahre fällig, beim Diesel liegt der Spielraum 5000 Kilometer höher. Quelle: Presse
Ford FiestaDeutlich häufiger in die Werkstatt muss der Fiesta. Schon alle 20.000 Kilometer oder zwölf Monate muss er in die Inspektion, je nachdem welches Ereignis zuerst eintritt. Quelle: Presse
Hyundai i10Noch etwas mehr schlägt der i10 zu Buche, der Benziner ab 2014 will schon nach 15.000 Kilometern beziehungsweise einem Jahr in die Werkstatt, danach erhöht sich das Intervall leicht auf 20.000 Kilometer oder ein Jahr. Der Diesel muss stets nach 20.000 Kilometern oder einem Jahr in Inspektion, je nachdem welches Ereignis zuerst eintritt. Quelle: PR

In Brasilien zeigt sich, wie gefährlich die einseitige Abhängigkeit von instabilen Boomländern ist: Der Automarkt des Landes ist die Nummer vier weltweit. Produktion, Verkäufe und Exporte sind 2014 erstmals geschrumpft. Für dieses Jahr rechnet die Schweizer Bank Credit Suisse damit, dass der Auto- und Busabsatz um 15 Prozent, der Lkw-Verkauf sogar um 30 Prozent sinkt. Vor allem Volkswagen verliert am Amazonas im schrumpfenden Massengeschäft.

Die deutschen Autofabriken laufen heiß

Noch schlimmer ist die Lage in Russland. Nicht nur, dass VW es nicht schafft, das eigene Werk in Kaluga 180 Kilometer südlich von Moskau auszulasten. Stand heute erweist es sich als strategischer Fehler, dass die Wolfsburger früher als die meisten anderen ausländischen Autobauer das Dekret 166 umgesetzt haben. Das zwang ausländische Autohersteller, bis 2016 Fabriken für den Bau von bis zu 300.000 Pkws in Russland zu errichten und 30 Prozent der Teile im Land zu kaufen, andernfalls mussten sie mit drastischen Steuern rechnen. Inzwischen aber hat sich die Zahl der Neuzulassungen, die laut Fachleuten eigentlich bald bei drei Millionen Fahrzeugen pro Jahr liegen sollte, auf 1,5 Millionen halbiert. Die Fabriken liegen brach, ob und wann es einmal spürbar bergauf geht, ist offen.

Neun Sonderschichten fahren die Arbeiter im VW-Stammwerk in Wolfsburg in der ersten Hälfte dieses Jahres für den neuen Golf. Bei Audi in Ingolstadt und Neckarsulm hat jeder Arbeiter im ersten Quartal mehr als 100 Überstunden geleistet. Und bei Daimler in Bremen rechnet die Werksleitung wegen der Riesennachfrage nach der neuen C-Klasse mit 36 Sonderschichten.

Die Baustellen des VW-Konzerns
VW in den USA Quelle: dpa
Winterkorn mit dem Chinesischen Vize-Premier Ma Kai Quelle: obs
VW Quelle: dpa
MAN Quelle: dapd
Hauptwerk in Wolfsburg Quelle: dpa

Auto um Auto verlässt die deutschen Werke. Im Jahr 2014 etwa wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt insgesamt 3,04 Millionen Autos in Deutschland neu zugelassen – allerdings gingen nur 36 Prozent davon an Privatleute. Der Rest läuft auf große Firmen und als Dienstwagen. Egal, ob privat oder gewerblich genutzt, ein wachsender Anteil – aktuell 39 Prozent – ist geleast.

Die Autobauer dopen ihren Absatz mit immer höher dosierten Geldspritzen. So wuchs das Geschäft der 31 Banken der großen Hersteller wie Volkswagen, Mercedes, BMW, Audi oder Toyota 2014 schneller als der Fahrzeugabsatz. Mit 95 Milliarden Euro hat das Volumen der von den Autobanken finanzierten Leasing- und Kreditverträge in Deutschland einen historischen Höchststand erreicht. Solange die Zinsen niedrig sind, wird dieses Geschäft florieren – aber dann?

Zum einen müssen die Autobesitzer nach einer bestimmten Zeit den Rest des Kredits entweder tilgen oder neu aufnehmen. Steigen die Zinsen, steigen die Ausfälle. Autofahrer müssen dann Restschulden zu teureren Konditionen abstottern oder ihr Auto verkaufen.

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