WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Autoindustrie im Stresstest So belastbar sind die deutschen Autobauer

Von nichts ist unsere Wirtschaft so abhängig wie vom Erfolg der Autoindustrie. Was bleibt von unserem Wohlstand, wenn die Autoindustrie in die nächste Krise fährt? VW, BMW und Daimler im exklusiven Stresstest.

Wer 2014 die meisten Autos verkauft hat
Suzuki Auto Japan Quelle: AP
Peugeot Absatz Auto Quelle: REUTERS
Auto Fahrzeug Honda Quelle: dpa
Fiat Chrysler Auto Quelle: REUTERS
Nissan Auto Absatz Quelle: AP
Ford Amerika USA Auto Quelle: dpa
Hyundai Auto Südkorea Quelle: AP

Wer in diesen Wochen mit Deutschlands Automanagern spricht, glaubt am Ende an die Existenz zweier Welten. In der einen Welt schwärmt Daimler-Chef Dieter Zetsche Ende April auf der Motorshow im chinesischen Shanghai: „Wenn man die Automobilindustrie abzieht, bleibt in Deutschland nicht so wahnsinnig viel übrig.“ In dieser Welt bewegt sich auch Volkswagen-Chef Martin Winterkorn, als er am vergangenen Dienstag vor den Teilnehmern der Hauptversammlung seines Konzerns sagt: „Volkswagen ist ein kerngesundes, gut aufgestelltes Unternehmen.“ Es ist die Welt, in der Männer wie Zetsche, Winterkorn oder auch der BMW-Vorstandschef Norbert Reithofer den Ton angeben. Meistens klingt der nach Superlativ.

Und dann gibt es da eine zweite Welt. Von den ganz Großen aus den obersten Etagen der Autoindustrie scheint dort nur einer zu leben: Ferdinand Piëch, bis vor Kurzem Aufsichtsratschef von VW. Es ist eine Welt voller Ungewissheit, in der sich abzeichnende Risiken in China, Russland und Südamerika sowie ein gewaltiger technologischer Wandel die Themen sind. Eine Welt, in der jemand wie Piëch auch mal versuchen kann, einen Vorstandsvorsitzenden zu stürzen, wenn er glaubt, dass dieser die Zukunft nicht gewinnt.

Wie die Autokonzerne aufgestellt sind
 Ein Schild mit einem Volkswagen Logo Quelle: dpa
BMW verkauft 38 Prozent seiner Autos auf dem alten Kontinent, Daimler immerhin noch 34 Prozent. Bei ausländischen Konzernen wie Hyundai, Toyota und General Motors spielt Europa – trotz eigener Werke in der EU – mit fünf bis neun Prozent Marktrelevanz nur eine untergeordnete Rolle.
Anders in den USA: Hier sind BMW, Daimler und Volkswagen die kleinen Importeure mit lokaler Fertigung. Während Daimler und BMW gut ein Fünftel ihrer Autos in den USA absetzen, sind es bei Volkswagen trotz des Werks in Chattanooga und eigenen US-Modellen nur sechs Prozent. Die US-Schwäche war auch einer der Gründe für die öffentliche Attacke von Ferdinand Piëch auf VW-Boss Martin Winterkorn. Was Europa für die deutschen Hersteller ist, sind die USA für die US-Konzerne: GM, Ford und vor allem Chrysler verkaufen den Großteil ihrer Autos auf dem Heimatmarkt. Für die japanischen Konzerne Honda und Toyota, die seit Jahrzehten in den USA aktiv sind, hat sich Amerika ebenfalls zu einem bedeutsamen Markt entwickelt.
In China liefern sich Genreal Motors und VW ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Beide kommen auf rund 20 Prozent Marktanteil, beide wachsen ungefähr gleich schnell. Beide sind aber auch sehr abhängig vom China-Geschäft, wie der Stresstest der WirtschaftsWoche zeigt. Ein Absturz der Verkäufe in China um 20 Prozent würde den VW-Konzern hart treffen: 750.000 weniger verkaufte Autos, selbst im entfernten Deutschland wären bis zu 8.000 Arbeitsplätze bei einer China-Krise bedroht. Momentan ist zwar kein Absturz in Sicht, das Wachstum schwächt sich aber etwas ab: Mittelfristig stellen sich die Autobauer auf einstellige Wachstumsraten ein. Einzig Daimler und BMW können derzeit im Premiummarkt rasant zulegen.
Die starke Marktposition von VW und China kommt nicht von ungefähr: Beide Konzerne sind über zahlreiche Joint-Ventures bereits lange in dem Riesenreich aktiv, beide stellen rund 35 Prozent ihrer Autos in China her. BMW und Daimler produzieren noch viel in Deutschland und dem Rest Europas. In den USA ist BMW etwas stärker als der Stuttgarter Konkurrent – wenn der Ausbau des SUV-Werks in Spartanburg abgeschlossen ist, steht das größte BMW-Werk nicht mehr in Dingolfing, sondern in den USA. VW ist dort besonders schwach: Lediglich 1,2 Prozent aller Volkswagen werden in Chattanooga gebaut.
Beim Absatz liefern sich Daimler und BMW ein enges Rennen um die Spitze unter den Premium-Autobauern, beim Umsatz hängen die Stuttgarter die Konkurrenz aus München ein ganzes Stück ab. Audi, in dieser Statistik in den VW-Konzern mit eingerechnet, würde mit einem Umsatz von 53 Milliarden Euro noch hinter BMW liegen. Der Vergleich hinkt allerdings, da bei Daimler ja nicht nur Mercedes-Benz Cars, sondern auch alle anderen Teile des Daimler-Konzerns zum Umsatz von 130 Milliarden Euro beigetragen haben. An der Spitze liegen aber VW und Toyota: Beim Absatz liegt Toyota einige tausend Autos vorne, beim Umsatz wiederum Volkswagen. Allerdings gelingt es den Japanern...
... aus dem geringeren Umsatz ein höheres EBIT zu erzielen. Der Gewinn vor Steuern lag bei Toyota im vergangenen Jahr bei 17,5 Milliarden Euro. Der VW-Konzern kommt bei dieser Messgröße nur auf 12,7 Milliarden Euro. Daimler (10,75 Milliarden Euro) und BMW (9,1 Milliarden Euro) folgen auf den Plätzen drei und vier. Da die beiden Premium-Hersteller aber jeweils einen deutlich geringeren Umsatz haben als die beiden Volumen-Hersteller VW und Toyota, stehen sie...

Was aber wäre, wenn das gar nicht zwei Welten sind – sondern eher eine Sicht auf die Welt von heute und eine Sicht auf die Welt von morgen? Wenn Piëch mit seinem gescheiterten Putschversuch gegen Winterkorn zwar charakterlich daneben, inhaltlich aber richtig lag? Hinter vorgehaltener Hand spricht ein Vorstand auf der VW-Hauptversammlung. Ja, die in der Öffentlichkeit genannten Probleme seien im Konzern schon länger bekannt.

Aber erst durch den Hinweis von Ferdinand Piëch hätten sie die nötige Aufmerksamkeit gefunden: „Es kommt immer darauf an, wer die Dinge ausspricht.“ Da ist es also, das Unwohlsein über all die euphorischen Erfolgsmeldungen, das sich nun unter den Stolz mischt, mit dem die beispiellose Erfolgsserie der großen drei Autokonzerne bisher verfolgt wurde.

Diese Autos kaufen Chinesen am liebsten
Platz 10: VW PassatEin Passat „nur“ auf dem zehnten Platz in der Zulassungsstatistik – in Deutschland undenkbar. Dennoch kann sich der Erfolg der NMS-Version des Passats (New Midsize Sedan), die in den USA und China verkauft wird, sehen lassen: Im ersten Halbjahr kam der Passat in China auf  135.954 Neuzulassungen. Zum Vergleich: In Deutschland kam der Passat, trotz oder wegen des anstehenden Modellwechsels ,in der Statistik von Januar bis Juni hinter dem Golf auf den zweiten Platz – allerdings reichen dafür hierzulande gerade einmal 35.533 Neuzulassungen. Quelle: Presse
Platz 9: Great Wall Haval H6Great Wall Motors gehört zu den größten SUV-Herstellern Chinas. Sein Bestseller ist der Haval H6, teilweise auch Hover H6 genannt. Das Kompakt-SUV ist mit 4,64 Metern etwa so groß wie ein Audi Q5. Mit  143.119  Zulassungen ist der H6 das beliebteste SUV Chinas im ersten Halbjahr 2014. Quelle: Presse
Platz 8: Nissan SylphyAb jetzt folgen nur noch die in China gefragteste Karosserieform – viertürige Stufenheck-Limousinen in allen erdenklichen Größen. Den Anfang macht auf dem achten Rang der Nissan Sylphy, der als Kompakt-Limousine für chinesische Verhältnisse geradezu klein ist. Mit 4,61 Metern ist er in etwa so lang wie hierzulande ein Golf Kombi. Im ersten Halbjahr konnte Nissan 145.214 Sylphys verkaufen. Quelle: Presse
Platz 7: Buick Excelle XTIhnen kommt der Buick Excelle XT irgendwie bekannt vor? Kein Wunder, schließlich ist es ein Opel Astra. Lediglich die Logos außen und innen wurden getauscht, ebenso der verchromte Kühlergrill – Badge-Engineering vom Feinsten. Mit dieser wohl einfachsten Art der „Modellentwicklung“ bringt es die GM-Tochter immerhin auf 147.404 Neuzulassungen. Quelle: Presse
Platz 6: VW JettaJetzt wird es etwas kompliziert: 152.621 Neuzulassungen in China gab es für den VW Jetta. Unter diesem Namen wurde auch in Deutschland jahrelang die viertürige Limousine auf Basis des Golf verkauft. Auf den aktuellen Jetta trifft das nur noch in Teilen zu. Um den Ansprüchen der amerikanischen und chinesischen Kunden zu entsprechen, übernimmt der Jetta von der Plattform des Golf VI zwar zahlreiche Teile, ist aber deutlich länger. Der Jetta wird in China allerdings auch noch unter anderen Modellbezeichnungen verkauft. Quelle: Presse
Platz 5: VW SagitarEin Beispiel dafür ist der VW Sagitar. Er entspricht zwar technisch und weitestgehend auch optisch dem Schwestermodell Jetta, wird aber nicht von VW selbst, sondern von dem Joint Venture FAW-VW zusammen mit First Automotive Works - gebaut. Und dieses formell eigenständige Unternehmen nennt seinen Jetta eben anders. Am Verkaufserfolg ändert sich wenig, der Sagitar kam im ersten Halbjahr auf 155.393  Neuzulassungen. Quelle: Presse
Platz 4: VW SantanaDer seit 2013 gebaute Santana ist eine Eigenentwicklung von Shanghai Volkswagen, speziell für den chinesischen Markt. Damit ist der Santana eines der wenigen VW-Modelle in China, das nicht auf einem bestehenden Fahrzeug basiert. Mit einer Länge von 4,47 Metern gehört der Santana zu den kleineren Limousinen. Er brachte es im ersten Halbjahr auf 161.957  Neuzulassungen. Shanghai Volkswagen ist übrigens ein weiteres VW-Joint Venture aus der Shanghai Automotive Industry Corporation und eben Volkswagen. Quelle: Presse

Schließlich hängt unser wirtschaftlicher Erfolg maßgeblich an dieser Branche. 770.000 Menschen bauen hier Autos, zusammen mit den Beschäftigten in den Zulieferbetrieben geht es um zwei Millionen Beschäftigte. Sie erarbeiten seit 2011 Wachstumsraten zwischen 4,5 Prozent (VW) und 10 Prozent (Daimler) pro Jahr. Gut 30 Prozent aller Gewinne im Dax jenseits der Banken gehen auf das Konto der Autokonzerne.

Erfolg aber ist so eine Sache. Er kann den Grundstein dafür legen, noch erfolgreicher zu werden. Oder er kann dazu verleiten, Probleme zu übertünchen.

Womit wir bei den Garanten für den Autoboom wären, im Wesentlichen drei an der Zahl. Erstens: China, wo deutsche Hersteller bis zu 40 Prozent ihrer Fahrzeuge absetzen – Tendenz stark steigend. Zweitens: Die Lust der Autofahrer auf große und teure und damit für die Konzerne hoch profitable Geländewagen (SUVs) ist ungebremst. Drittens: Niedrigzinsen und Leasingangebote beflügeln den Absatz von Neuwagen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%