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Autoindustrie in Europa Das Märchen von der Konjunkturkrise

Die Autoindustrie in Europa leidet nicht unter der schlechten Konjunktur, sondern unter selbst verschuldeten Überkapazitäten. Sie sollte sich endlich eingestehen: Stagnierende Märkte sind der Normalfall.  

Westeuropa ist das Sorgenkind der Autoindustrie. Quelle: dpa

Es ist offensichtlich. Dieser Satz hat den Präsidenten des Verbandes der Autoindustrie (VDA) Matthias Wissmann geärgert: „Stagnation wird zur neuen Realität in der westeuropäischen Automobilbranche“. Mit der provokanten Aussage war eine Pressemitteilung überschrieben, die die Unternehmensberatung Alix Partners unlängst verschickte. Heute kam von Wissmann die Replik: Ja, Westeuropa sei das Sorgenkind der Autoindustrie, denn das vierte Jahr in Folge gingen die Neuwagenverkäufe nun schon zurück. Jedoch sei es „völlig verkehrt, die jetzige Krise als Dauerzustand oder ‚Normalität‘ zu etikettieren“.

Ist es so verkehrt? Oder ist es nicht sogar dringend nötig, nach einem jahrelangen Niedergang des Marktes die Rückkehr zu alten Verkaufsrekorden abzuhaken, so wie Alix Partners es in einer Studie nahelegt? Die Untersuchung der Sanierungsexperten prognostiziert, dass die Autoverkäufe in Westeuropa im laufenden Jahr weiter zurückgehen. Für die Zukunft sei der „Stillstand ein realistisches Szenario, da die Veränderungen bei der Nachfrage eher strukturell als zyklisch zu sein scheinen.“

Die europäische Autoindustrie dümpelt nicht am Tiefpunkt eines Konjunkturzyklus. Durch eine permanente Überschätzung des Marktes hat sie Überkapazitäten aufgebaut und sich in eine Notlage gebracht, aus der sie kein Konjunkturaufschwung befreien kann: 58 der einhundert größten Autowerke in Europa haben nach Angaben von Alix Partners eine zu geringe Auslastung.

Die Alix-Partners Studie führt gleich mehrere Trends an, die für ein strukturelles Problem sprechen. Hohe Jugendarbeitslosigkeit, stagnierende oder schrumpfende Einkommen und die Überalterung der Bevölkerung dämpften die Nachfrage. Hinzu kämen die abnehmende Bedeutung des Autos als Statussymbol und die verringerte Fahrzeugdichte in Großstädten. Außerdem würden Neuwagen aufgrund steigender Emissions- und Sicherheitsstandards immer teurer und die Lebensdauer der Fahrzeuge nehme zu.

„Aufwärts heißt jetzt seitwärts“, lautet deshalb der Schluss von Alix Partners-Autoexperte Elmar Kades. „Ohne gegenläufige Trends glauben wir, dass Westeuropa eine längere Periode der Stagnation erleben wird. Unsere Prognosen zeigen, dass die westeuropäischen Autoverkäufe 2014 ein Niveau von zwölf Millionen Fahrzeugen erreichen und dort auf absehbare Zeit verharren werden – weit weg vom historischen Höchststand des Jahres 2007, als 16,8 Millionen Fahrzeuge verkauft wurden.“

Seitwärts ist also das neue Aufwärts. So etwas würde VDA-Chef Wissmann natürlich nicht sagen. Er muss das Wachstumsfähnchen hochhalten, auch wenn die Schlacht längst verloren ist Übel nehmen kann man ihm das nicht. Er macht nur seinen Job.

Doch es ist höchste Zeit, dass Europas Regierungen nun auch ihren Job machen und die Geschichte von der armen Autoindustrie im düsteren Konjunkturtal nicht länger  glauben. Beim letzten Mal, als die Politiker der Industrie-Rhetorik auf den Leim gingen – nach der Bankenkrise 2008 – kostete das die europäischen Steuerzahler etliche Milliarden in Form von Abwrackprämien.

Angesichts der finanziellen Lage der EU-Staaten ist die Gefahr gering, dass 2013 schon wieder ein unsinniges Subventionsfeuerwerk abgebrannt wird. Am besten, die Politiker lehnen sich zurück, lassen die Kräfte des Marktes walten, beobachten, wie die ein oder andere Automarke aus Europa verschwindet, wie fünf oder auch zehn Autowerke dicht gemacht werden und die Industrie danach mit dem derzeitigen Absatzniveau auskömmlich wirtschaftet.

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