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Autoindustrie Killt Klimaschutz die Tuningbranche?

Eine von Brabus getunte goldene G-Klasse ist vor dem Nobeleinkaufszentrum Harrods in London zu sehen. Quelle: ddp images

Tempolimit, CO2-Bepreisung, Fahrverbot: Maßnahmen zum Klimaschutz treffen häufig den Verkehr. Demgegenüber stehen die Autotuner. Ihr Credo: mehr Hubraum, mehr PS, mehr Drehmoment. Ist ihr Geschäftsmodell bedroht?

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Bottrop ist nicht gerade für Protz und Prunk bekannt. Die einst vom Bergbau geprägte Ruhrgebietsstadt kämpft noch immer mit den Folgen des Strukturwandels. Dabei begann dort, wo heute ein Rewe-Markt steht, die Erfolgsgeschichte eines Unternehmens, das mit Luxusprodukten weltberühmt wurde. Der Hauptsitz des Tuning-Marktführers Brabus findet sich heute in der gleichnamigen Allee direkt gegenüber der Gründungsstätte. Die Verkaufshalle glänzt in der Sonne, vereinzelt begutachten Leute in teuren Outfits die Luxuswagen. Ob G-Klasse, Mercedes-Oldtimer oder Maybach-Limousine: Die wenigsten Interessenten werden sich einen der hier ausgestellten Wagen kaufen. Denn sie legen Wert auf die persönliche Note: „Jedes unserer Fahrzeuge ist individuell. Leute kommen mit der Handtasche der Frau in ihrer Lieblingsfarbe und sagen, so soll das Leder aussehen“, berichtet Sven Gramm, Unternehmenssprecher von Brabus, während er zur Garage geht, wo jährlich rund 6500 Autos umgebaut werden.

Säuberlich aufgereiht steht hier ein Mercedes neben dem anderen. Allerdings nicht in der Standardausführung. Fast alle Wagen wurden zuvor bereits vom Werkstuner AMG aufgerüstet. Was viele Autofans begeistert, lässt die Tuner in Bottrop kalt: „Wir veredeln hier nur das Beste, was die Serie bietet. Bringen Sie uns Ihren Maybach und wir machen etwas Besonderes daraus“, sagt Gramm stolz. Zum Beweis zeigt er auf eine G-Klasse, das SUV von Mercedes – oder zumindest auf das, was davon übrig ist. Momentan ist das Auto kaum wiederzuerkennen: „Außer der Grundkarosse und dem Motor bleibt hier nichts drin“, erklärt Gramm. Dafür gibt es neben einem Leistungs-Boost auch optische Extras, wie etwa Goldstaub im Carbon der Motorabdeckung.

Brabus ist seinem Motto treu geblieben: „Wir schaffen modernen, individuellen Luxus“ heißt es auf der Unternehmenswebsite. Einen Absatz darunter wird die zweite Erfolgskomponente aufgegriffen: „Immer neue Modelle. Immer mehr Hubraum, mehr PS, mehr Drehmoment“. Diese Musik in den Ohren jedes Autoliebhabers ist für andere jedoch ein rotes Tuch.

Die Demonstranten von Fridays for Future sind eine Klimabewegung, die ihre Ansichten sichtbar und laut propagiert. Ihre Anhänger achten auf ihren ökologischen Fußabdruck und betrachten das Lastenrad als neues Statussymbol. Nachhaltigkeit ist en vogue – wer Teil des Trends sein will, muss aber Gewohnheiten ändern. Eine der auffälligsten Umstellungen, die zu beobachten waren, betrifft die tägliche Fortbewegung. Offenbar ist für viele die Umstellung auf E-Autos, E-Roller und öffentliche Verkehrsmittel ein akzeptables Opfer für den Klimaschutz.

Für die ohnehin unter Druck stehende Automobilbranche kommt dieser Stimmungswandel zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Mit dem Abgasskandal trugen sie selbst zum hohen Stellenwert der Verkehrswende in der politischen Debatte bei. Tempolimit, CO2-Bepreisung, Fahrverbot lauten die Stichwörter. Abgeschafft werden Verbrenner in absehbarer Zeit sicherlich nicht, mit stetig verschärften Emissionsgrenzen und weiteren Auflagen ist dennoch zu rechnen. Das könnte auch die Tuningbranche ins Mark treffen – schließlich ist die maximale Leistung aus Autos herauszuholen ihr Geschäftsmodell. Ist diese Industrie noch zeitgemäß oder bricht sie durch die Klimabewegung zusammen?

Während bislang viele politische Konzepte auf die Autohersteller abzielen, betreffen die neuesten Ideen vor allem die Fahrer. So wurde jüngst im Bundesrat über ein Tempolimit abgestimmt – kein abwegiger Vorschlag, gilt doch in keinem anderen industrialisierten Land der Welt die Devise „so schnell du kannst“ oder mit den Worten der Straßenverkehrsordnung „nur so schnell, […] dass das Fahrzeug ständig beherrscht wird“.

Doch die aus Klimaschutzgründen angeregte Debatte um CO2-Einsparungen prägten emotionale Argumente, der Vorschlag wurde im Bundesrat abgelehnt. Rückendeckung kam von Verkehrsminister Andreas Scheuer, nach dessen Einschätzung Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Autobahnen „gegen jeden Menschenverstand“ sind. Tatsächlich fühlen sich viele Deutsche offenbar durch ein Tempolimit in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Autofahren ist für sie weit mehr als Fortbewegung – es geht um Prestige und Lebensgefühl.

Das zeigt sich etwa, als KfZ-Mechatroniker Christopher Grau im Herbst vergangenen Jahres die Facebook-Gruppe „Fridays for Hubraum“ gründet, zum Protest gegen die ab 2021 geltende CO2-Bepreisung des Verkehrs. Innerhalb einer Woche finden dort 500.000 Mitglieder zusammen. Allerdings ging vielen die Kritik nicht weit genug und die Gruppe geriet außer Kontrolle: Bald tummelten sich Klimawandel-Leugner nebst Pegida-Unterstützern und Mitgliedern der AfD in dem Forum und teilten dort eifrig Hasskommentare, rechtes Gedankengut sowie Beleidigungen und Morddrohungen gegen die Klimaaktivistin Greta Thunberg. Grau distanzierte sich von diesen Nutzern und änderte die Administration der Gruppe, um Beitrittsanfragen zuvor prüfen zu können. Doch die Dynamik von „Fridays for Hubraum“ deutet darauf hin, dass die Bereitschaft zum Klimaschutz für viele beim Autofahren endet. Aber repräsentiert diese Gruppe wirklich das Stimmungsbild der Gesellschaft?

Tuner verzeichnen Rekordjahre

Die Zielgruppe für getunte Autos ist jedenfalls breit gefächert, „die Altersstruktur reicht von 18 bis 80 Jahre“, erläutert Harald Schmidtke, Geschäftsführer des Verbands der Automobil-Tuner (VDAT) im rheinland-pfälzischen Roßbach. Denn Tuning findet längst nicht mehr in schmuddeligen Hinterhofwerkstätten statt, in denen Hobbyhandwerker importierte Teile an Klein- und Mittelklassewagen anbringen. Durch die stetig steigende Nachfrage hat sich die Nische zu einem Markt für Profis entwickelt. Der VDAT geht davon aus, dass Anbieter von sportlichem Autozubehör allein in Deutschland einen Gesamtumsatz in Höhe von 1,8 Milliarden Euro erwirtschaften. Ohne die Geschäftszahlen der Fahrzeughersteller mit eigenen Tuningprogrammen seien es rund 750 Millionen Euro.

In der Branche läuft es gut: Die werkseigenen Tuningfirmen von Mercedes und BMW konnten für das vergangene Geschäftsjahr Rekordzahlen präsentieren. Mercedes-Tuner AMG steigerte den Absatz 2019 im Vergleich zum Vorjahr um fast zwölf Prozent, die Tuning-Serie M von BMW ihre Verkaufszahlen gar um mehr als 32 Prozent. Während AMG mit rund 132.000 Wagen im Vergleich zu 2015 nahezu doppelt so viele Autos verkaufte, hat sich die Zahl der verkauften BMW-M-Modelle in diesem Zeitraum tatsächlich verdoppelt: Setzten die Bayern 2015 noch rund 62.000 Sportwagen ab, waren es 2019 fast 136.000. Der größte Absatzmarkt beider Unternehmen ist die USA, gefolgt von Deutschland, dem größten Einzelmarkt in Europa.

Wer AMG oder BMW M fährt, hängt die Serienmodelle der Edelmarken mühelos ab. Mit der Leistung steigt laut dem Bundesministerium für Umwelt jedoch meist auch die Umweltschädlichkeit: Durch Motormodifikationen würden sich die Kraftstoffverbräuche häufig erhöhen und damit auch die Geräusch- und Schadstoffemissionen. „Erfolgen Tuning-Maßnahmen mit dem Ziel, die Geräuschemissionen zu erhöhen, sind diese getunten Fahrzeuge umweltschädlicher“, heißt es dazu aus dem Ministerium.

Kleinwagen im CO2-Stress: Sparen wird teuer
Der Smart fährt nur noch elektrisch. Quelle: Smart
Auch der Renault Twingo setzt auf E-Antrieb. Quelle: Renault
Suzuki nutzt Mildhybridsysteme, um den Verbrauch zu senken. Quelle: Suzuki
Toyota Yaris Hybrid Quelle: Toyota
 Der Honda Jazz wird nur als Hybrid angeboten Quelle: Honda
Den Renault Clio gibt es demnächst als Vollhybriden Quelle: Renault

Laut Verbandschef Schmidtke geht es beim Tuning allerdings nicht in erster Linie um mehr Pferdestärken: „Vielfach besteht der Irrglaube, der Markt bestehe zum größten Teil aus Motor-Leistungssteigerungen. Dabei sind die beliebtesten Produkte diejenigen, die optisch wahrgenommen werden“. Am häufigsten würden Fahrwerkskomponenten, Auspuffanlagen und Sonderräder verkauft, berichtet Schmidtke.

Doch auch die häufig eingesetzten breiteren Reifen führen laut dem Bundesumweltministerium in der Regel zu höherem Kraftstoffverbrauch gegenüber Standardreifen und somit zu einem höheren CO2-Ausstoß. Das scheint für die Käufer allerdings kein Problem zu sein. „Tuning ist ein Hobby – nicht der Wunsch nach Höchstgeschwindigkeit, sondern der Wunsch nach automobiler Individualität ist die Triebfeder“, erklärt Schmidtke. Schließlich seien deutsche Tuningfirmen auch in Ländern mit Geschwindigkeitsbeschränkungen wirtschaftlich erfolgreich.

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