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Autoindustrie Killt Klimaschutz die Tuningbranche?

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Mehr Hubraum, mehr PS – mehr Umweltverträglichkeit?

Tatsächlich konnte die Branchen-Ikone Brabus ihre Bekanntheit in den vergangenen zwei Jahren ausbauen. Ihr begehrtestes Modell ist aktuell die auf zehn Exemplar limitierte G-Klasse. Statt der werksüblichen 422 PS haben die Bottroper Tuner dem SUV einen Motor mit zwölf Zylindern und 900 Pferdestärken verpasst. Die meisten Leute würden sich für den Preis von 666.000 Euro wohl eher ein Einfamilienhaus kaufen. Doch es müsse nicht immer der Komplettumbau sein, sagt Unternehmenssprecher Gramm: „Eine reine Leistungssteigerung auf 900 PS kann bei einem Maybach 90.000 Euro kosten, aber eine A-Klasse tunen wir auch schon für 1500 Euro.“

Dass der Umbau der wenigsten Autos, die zu Brabus gebracht werden, mit solch handlichen Summen finanziert werden kann, wird in der Sattlerei klar. Hier entfernen Arbeiter das Serienleder, um Platz für Exklusiveres zu schaffen. Besonders im Trend liegt gerade das perforierte Muschelmuster, das aus mehreren Schichten in verschiedenen Farbtönen besteht. Wem das Portfolio nicht gefällt, kann eine Eigenkreation in Auftrag geben: „Dinge wie das eigene Logo auf der Fußmatte oder dem Lenkrad, oder die Rückennummer des Trikots auf der Kopfstütze gehören noch zu den gewöhnlicheren Kundenwünschen“, erzählt Gramm. „Manche wollen zum Beispiel einen beleuchteten Sternenhimmel im Fahrzeug“.

Zum Preis des Interieurs wäre auch ein Mittelklassewagen erhältlich: Rund 40.000 Euro kostet allein die Ausstattung für eine G-Klasse. Dafür lasse sich jeder Schalter individuell anpassen – vom Fernlicht bis zum Tür-Pin, rechtfertigt Gramm: „Das sind bis zu drei Wochen Handarbeit.“ Außerdem könne der Gesamtpreis für einen Brabus durchaus siebenstellig sein: „Mit exquisiten Sonderwünschen geht das schnell.“ Doch wer bei den Tunern kauft, hat das nötige Kleingeld – laut Gramm reicht das Spektrum „vom Mitglied des Königshauses bis zum chinesischen Milliardär“.

Dieser Kundenkreis muss nicht auf den Preis achten – Gleiches scheint für den ökologischen Fußabdruck zu gelten. Ginge es um die klassischen Quartettkarten-Werte wie PS, Hubraum oder Beschleunigung, dürfte ein Brabus zu den Trümpfen gehören. Gäbe es dort auch die Kategorie Umweltfreundlichkeit, könnte er hingegen zum schwarzen Peter werden. Denn das Effizienzlabel, mit dem der CO2-Ausstoß eines Wagens im Verhältnis zum Gewicht angegeben wird, liegt bei den Luxusautos stets im unteren Bereich. So bekommt beispielsweise der neben der G-Klasse beliebteste „Brabus 800“, ein modifizierter Mercedes-AMG GT 63 S, auf einer Skala von „A – gut“ bis „G – schlecht“ ein „F“, genau wie die G-Klasse „Brabus 800 Widestar“. Ihr Ausstoß liegt damit weit über dem doppelten Wert, den in der EU zugelassene Neuwagen im Durchschnitt erreichen sollen, auch wenn die Emissionswerte laut Gramm nach dem Tuning meist auf Serienniveau bleiben.

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    Dabei komme die Berechnung der Effizienzklasse den Brabus-Modellen sogar zugute, sagt Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland: „Schwere Fahrzeuge werden eindeutig bevorzugt. Autos mit hohem Verbrauch bekommen ein gutes Label, wenn sie nur schwer genug sind.“ Der Effizienzwert verwässere daher den wahren Ausstoß: „Besser wäre es, den absoluten CO2-Wert als Maßstab zu nehmen, anderenfalls wird Autokäufern bei schweren Wagen eine gute CO2-Bilanz vorgegaukelt. Aber dieses Label interessiert sowieso fast niemanden, der sich ein Auto kauft“, sagt Müller-Görnert.

    „Die ganze Welt will SUV fahren“

    Constantin Buschmann hat blonde Haare, eine sportliche Figur und trägt eine nobel aussehende Uhr. 2006 bekam er seinen ersten Arbeitsvertrag in der Firma des Vaters und übernahm 2018 die Leitung von Brabus. Obwohl sein Büro hell und durchaus stilvoll eingerichtet ist, lassen die auf dem Boden stehenden Urkunden der Universitäten Witten und Stanford den Raum unfertig wirken.

    Buschmann sieht keinen Widerspruch zwischen Fahrspaß und Umweltverträglichkeit. Hersteller von Luxusprodukten stünden ständig vor der Herausforderung, dass ihre Produkte zwar niemand brauche, aber die meisten Leute sie gerne haben würden. Doch was derzeit politisch gewollt sei, stehe teilweise im Gegensatz zu den Wünschen seiner Kunden: „Chinesen, Amerikaner, Russen: Die ganze Welt will SUV fahren. Auch in Deutschland ergibt diese Fahrzeugform für viele Sinn – nicht aus Prestige, sondern um die Familien inklusive des Kinderwagens zu transportieren.“
    Er findet, dass die Politik den Konsumenten die Wahl nimmt: „Wir lehnen es ab, dass politisch vorgeschrieben wird, wer welches Auto fährt. Man sagt den Leuten ja auch nicht, wie groß die Wohnung sein soll, in der sie leben. Es ist eine freie Marktwirtschaft und das sollte auch so bleiben.“

    Trotz des exklusiven Kundenkreises und der PS-Monster in der Fertigungshalle geht der Trend zur E-Mobilität aber auch an Brabus nicht spurlos vorbei: „2011 haben wir die erste voll elektrische E-Klasse mit 350 Kilometern Reichweite und einer eigens entwickelten Batterie auf die Beine gestellt. Das war zu früh“, sagt Buschmann. „E-Mobilität ist eine spannende Sache. Aber wir brauchen erstmal entsprechende Basisfahrzeuge im Markt.“ Tatsächlich ist der EQC aktuell der einzige Mercedes, der als E-Auto erhältlich ist und Brabus arbeitet bereits an einem Tuning-Konzept für den Stromer.

    Auch VDAT-Mann Schmidtke sieht die Zukunft der Tuner nicht an eine Antriebsform gebunden: „Die Mobilitätswende ist keine Gefahr: Die Tuningbranche war schon immer kreativ und technisch innovativ“, sagt der Geschäftsführer des Verbands der Automobil-Tuner. Mit steigender Nachfrage dürften also auch immer mehr Autos mit neuen Antrieben zum Portfolio der Tuningbranche gehören. Oder mit den Worten des Brabus-Chefs: „Egal ob Hybrid, Elektro oder Wasserstoff: Es wird immer Menschen geben, die Performance wollen. Wir werden weiter Luxusprodukte herstellen, weil die Leute Spaß daran haben und es eben die schönen Dinge des Lebens sind.“

    Tatsächlich scheint das Geschäftsmodell Tuning sogar gegen die Coronakrise gefeit zu sein: „Es läuft nach wie vor hervorragend“, sagt Gramm. Die Produktion bei Brabus laufe normal weiter, auch die Nachfrage sei robust: „Wir spüren einen minimalen Rückgang der Anfragen seit der Pandemie, aber der Bestelleingang ist immer noch gut. Zudem haben wir ein kräftiges Auftrags-Polster, mit dem wir auch ohne neue Bestellungen noch ein halbes Jahr beschäftigt wären.“ Wichtig sei vor allem, dass Mercedes weiter produziere: „Ohne Basisfahrzeug kein Umbau. Aber aktuell sind wir sehr zufrieden.“

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