Automobilindustrie Große Autozulieferer bauen Vorsprung weiter aus

Immer weniger Konzerne vereinen immer mehr Umsatz auf sich und schöpfen dabei immer höhere Gewinne ab. Welche Trends diese Entwicklung begünstigen und vor welchen Umwälzungen die Zulieferer stehen, zeigt eine Studie von McKinsey.

Ein Arbeiter baut in einem Werk der ZF Friedrichshafen ein Getriebe für einen Omnibus zusammen Quelle: dpa

Die Großen werden immer größer und mächtiger: Die 100 größten Zulieferer der Automobilindustrie vereinen bereits die Hälfte aller Umsätze, die in der Branche weltweit gemacht werden, auf sich. Vor zehn Jahren war es erst ein gutes Drittel. Das belegt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung McKinsey.

"Die globale Belieferung von Autoherstellern führt dazu, dass die großen Zulieferer noch schneller wachsen, da sie überproportional vom Trend zu großen globalen Plattformen profitieren", erklärt Studienleiter Andreas Cornet. Die meisten Hersteller setzen auf Plattformen und Baukästen, die für viele verschiedene Modelle eingesetzt werden. Diese müssen global beliefert werden, was von Zulieferern eine gewisse Mindestgröße und globale Präsenz verlangt. Die großen Konzerne bauten ihren Vorsprung zudem durch Zukäufe und Übernahmen weiter aus, erklärt Cornet.

Auch die Gewinne der größten Branchenvertreter mit über 10 Milliarden Euro Umsatz liegen deutlich über denen der restlichen Hersteller in den Top 100. Ein Mega-Zulieferer wie Bosch, Denso, Magna, Continental oder ZF erwirtschaftet durchschnittlich 7,6 Prozent Ebit-Marge, beim Rest liegt der Schnitt bei 6,3 Prozent.

Womit die Zulieferer zu kämpfen haben

In den vergangenen zehn Jahren hat sich vieles in der Branche verändert. Der Anteil der asiatischen Hersteller unter den Top 100 nimmt zu. 2013 stellten sie mit 36 Unternehmen erstmals die größte Gruppe, vor den amerikanischen Konzernen mit 34 Vertretern und den europäischen mit 30. Cornet geht davon aus, dass in den nächsten Jahren mehr chinesische Zulieferer in die Top 100 drängen werden. "Noch beliefern viele westliche Unternehmen die chinesischen Hersteller, doch die einheimischen Lieferanten werden technologisch aufholen." Derzeit führen 27 japanische Konzerne die asiatische Riege an, dagegen schafften nur drei chinesische den Sprung in die Liste der größten Einhundert.

Allen Zulieferern gemein ist die große Abhängigkeit vom chinesischen Markt. 2014 gingen im Schnitt ein Fünftel der Erlöse auf China zurück. Der Markt wächst nun aber deutlich langsamer. Im ersten Halbjahr nur noch sieben Prozent über Vorjahr. Damit steigt der Preisdruck auf die Autokonzerne. Gegenüber 2013 sind die Pkw-Preise im Mai 2015 bereits um 7,5 Prozent gefallen. Und die Preise fallen von Monat zu Monat schneller.

Die zehn größten deutschen Autozulieferer
Platz 10: EberspächerUmsatz 2014: 3,60 Milliarden Euro Das aus Esslingen am Neckar kommende Familienunternehmen zählt zu den weltweit führenden Systementwicklern und -lieferanten für Abgastechnik, Fahrzeugheizungen und Klimasysteme Quelle des Rankings: Berylls Stretagy Advisors Quelle: dpa
Platz 9: BroseUmsatz 2014: 5,17 Milliarden Euro Aus Coburg kommen die Sitzsysteme, Türmodule, Fensterheber und Schließsysteme von Brose. 22.000 Menschen arbeiten für das Familienunternehmen, das bereits seit 1908 existiert. Quelle: Presse
Platz 8: HellaUmsatz 2014: 5,18 Milliarden Euro In Lippstadt in Nordrhein-Westfalen produziert Hella mit rund 29.000 Mitarbeitern Licht- und Elektroniksysteme für den Fahrzeugbau, wie hier die LED-Scheinwerfer für eine Mercedes E-Klasse. Das Unternehmen blickt auf eine lange Historie zurück. Der Grundstein wurde bereits 1899 gelegt. Quelle: Presse
Platz 7: Benteler AutomobiltechnikUmsatz 2014: 5,87 Milliarden Euro Fahrwerkteile, Abgassysteme, Umformtechnik und Rohre – das sind die Komponenten, die Benteler Automobiltechnik mit weltweit rund 20.850 Mitarbeitern entwickelt und produziert. Zum 1. September 2014 hat Benteler zwei Teilbetriebe aus der insolventen Wilco Wilken Lasertechnik übernommen, um seine Kompetenz in diesem Bereich zu verstärken. Quelle: Presse
Platz 6: SchaefflerUmsatz 2014: 8,89 Milliarden Euro Von Herzogenaurach aus schickt Schaeffler seine weltberühmten Wälzlager, aber auch Motoren- und Getriebeelemente, sowie Kupplungs- und Antriebstechnik rund um den Globus. Schaeffler übernahm 2008 Continental und bürdete sich damit einen riesigen Schuldenberg auf, den das Unternehmen in den nächsten Jahren nur mühsam abstottern konnte. Die Schaeffler-Gruppe hat rund 76.000 Mitarbeiter. Quelle: REUTERS
Platz 5: ThyssenKruppUmsatz 2014: 9,72 Milliarden Euro Der Stahlkonzern aus Essen verdient an der Automobilindustrie mit dem Verkauf von Karosserieteilen, Fahrwerksmodulen, Antriebssträngen, Lenksystemen und Aufhängungen. Im Bild die Achsmontage an einem Smart Fortwo. Insgesamt arbeiten 157.000 Menschen für ThyssenKrupp. Quelle: Presse
Platz 4: MahleUmsatz 2014: 9,98 Milliarden Euro Die Stuttgarter beliefern Autobauer weltweit mit Kolben, Lagern, Ventiltrieben, Filtersystemen, Turboladern und Klimaanlagen. Rund 65.000 Menschen arbeiten für das Traditionsunternehmen, das 1920 gegründet wurde. 2010 fusionierte Mahle mit dem Klimaanlagenbauer Behr und stieg damit damals unter die Top 4 der größten deutschen Automobilzulieferer auf. Quelle: dpa
Platz 3: ZF FriedrichshafenUmsatz 2014: 16,19 Milliarden Euro Der Zulieferer vom Bodensee lässt er derzeit richtig krachen. Für umgerechnet 9,6 Milliarden Euro übernimmt der Spezialist für Getriebe- und Lenksysteme den amerikanischen Konkurrenten TRW-Automotive, der 2013 einen Jahresumsatz von 17,4 Milliarden Dollar erzielte. Damit strebt ZF die größte Übernahme durch ein deutsches Unternehmen seit der Finanzkrise an. TRW fertigt in erster Linie Sicherheitsprodukte wie Airbags, Gurte, Brems- oder Fahrerassistenzsysteme und ergänzt damit ZF perfekt. Das US-Unternehmen TRW soll als separater Geschäftsbereich im ZF-Konzern geführt werden. Da es keine Überschneidungen gebe, blieben alle Standorte erhalten, erklärte ZF-Chef Stefan Sommer. Die Transaktion wurde im Mai 2015 abgeschlossen. Bisher arbeiten rund 72.000 Menschen für ZF, dazu kommen weitere 65.000 von TRW. Zu den knapp 16,2 Milliarden Euro Umsatz von ZF kommen künftig noch die 14,4 Milliarden Euro von TRW hinzu – womit ZF auf einen Schlag in der Top-Liga mitspielt. Quelle: dpa
Platz 2: BoschUmsatz 2014: 33,3 Milliarden Euro Der Stuttgarter Technologiekonzern stellt nicht nur Kühlschränke und Bohrmaschinen her. Kerngeschäft sind Komponenten für die Automobilindustrie wie Einspritzsysteme, Fahrwerke, Energieversorgungs- und Navigationssysteme. Für den Gesamtkonzern arbeiten weltweit über 280.000 Menschen. 2015 dürfte der Umsatz deutlich höher ausfallen: Wegen des ZF-TRW-Deals hat Bosch den Friedrichshafenern die Anteile am Gemeinschaftsunternehmen ZF Lenksysteme abgekauft. Als jetzt 100-prozentige Bosch-Tochter trägt die Lenkungssparte nochmals rund vier Milliarden Euro Umsatz bei. Quelle: dapd
Platz 1: ContinentalUmsatz 2014: 34,5 Milliarden Euro Der Konzern mit Sitz in Hannover stellen neben Reifen und Sicherheitssysteme auch Bremsanlagen und Türsysteme her. Etwa 180.000 Menschen arbeiten für Continental. Seit 2008 ist Continental Teil der Schaeffler-Gruppe. Quelle: dpa

Neben der sich abschwächenden Konjunktur in China müssen sich die Zulieferer großen Umwälzungsprozessen in der Autoindustrie stellen:

  • immer mehr Elektroautos
  • immer stärker vernetzte Fahrzeuge
  • Fahrzeuge mit Autopilot
  • eine digitalisierte und vernetzte Produktion - Stichwort Industrie 4.0
  • neue Materialien für Leichtbau und 3D-Druck-Technologie

McKinsey rechnet damit, dass bis 2030 Elektro- und Hybridfahrzeuge einen Marktanteil von 65 Prozent erreichen. Allerdings unter der Prämisse, dass bis 2050 ein CO2-Ziel von 40 Gramm pro gefahrenem Kilometer ausgegeben wird. 2025 sollen sich, so die Berater, gut 50 Millionen Neu-Fahrzeuge mit vernetzten Infotainment-Systemen durch den Verkehr schieben und sich die Anzahl des benötigten Software-Codes in den Steuereinheiten von Autos verdreifachen.

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Die größten Veränderungen ergeben sich für die Gruppe der Innenraum-Zulieferer. Autonome Fahrzeuge können etwa mit drehbaren Sitzen ausgestattet werden, große Bildschirme müssen ins Cockpit integriert werden. Verfahren wie 3D-Druck lassen ganze neue Designs zu und eine viel stärkere Individualisierung nach Geschmack des Kunden.

Schon jetzt ist der Wettbewerb um Fachkräfte entbrannt. Bosch, Continental oder Bertrandt beschäftigen im Schnitt bereits 11.000 Software-Ingenieure - Tendenz steigend. Damit liegen sich nur noch knapp hinter großen Software- und IT-Firmen wie SAP, Google oder Facebook die im Schnitt rund 14.000 dieser Experten haben. "Der Bedarf an Software-Entwicklern wird weiter steigen, denn immer mehr Funktionen des Autos werden über Software realisiert - beispielsweise gerade im Bereich autonomes Fahren und aktive Sicherheit."

Mit den Herausforderungen wächst der Bedarf an finanziellen Mitteln. Immer öfter beobachten die Berater, dass sich Zulieferer - vor allem neue Player wie Mobileye - Geld am Kapitalmarkt beschaffen. Der zunehmende Druck wird letztendlich in einer weiteren Konsolidierungswelle münden. Gibt es aktuell weltweit rund 2800 Zulieferer der ersten Garde - sogenannte Tier-1-Lieferanten - werden davon, so prognostiziert McKinsey, 2020 nur 2500 übrigbleiben.

Ein Teil wird auf die zweite Ebene absteigen - was keine Verschlechterung bedeuten muss - ein Teil wird von anderen, größeren Unternehmen aufgekauft werden und ein Teil wird das harte Geschäft schlicht nicht überleben. "Wir erleben derzeit sehr eindrucksvoll, wie schnell der technologische Wandel zu Veränderungen in der Industrie führen kann", so Cornet.

Die Adaptationsfähigkeit der Zulieferer sei traditionell groß. Viele hätten die Krise 2008 genutzt um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. "Auch dieser Wandel birgt viele Chancen für alle jene, die ihr Produktportfolio kontinuierlich weiterentwickeln und sich auf die Trends einlassen."

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