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Der E-Hype ist tot, es lebe das E-Auto

Martin Seiwert
Martin Seiwert Redakteur Blickpunkte

General Motors unterbricht die Produktion des Elektroautos Volt, weil es sich nur schleppend verkauft. Auch in Europa sind die Marktanteile der Stromer winzig. War’s das mit dem E-Auto?

Chevrolet Volt Quelle: dpa

Zum zweiten Mal in diesem Jahr unterbricht der Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) die Produktion seines Elektroautos Chevrolet Volt. Die Bänder werden wohl von Mitte September bis Mitte Oktober stillstehen. Bereits im Frühjahr hatte GM die Fertigung für etwa vier Wochen ausgesetzt. Ein Konzernsprecher erklärte nun, GM passe die Produktion der Nachfrage an. Damit ist es praktisch offiziell: Den für 2012 in den USA angepeilten Verkauf von 45000 Volt wird GM nicht schaffen. Bis einschließlich Juli konnte der Konzern auf dem Heimatmarkt nur 10.666 Volt verkaufen.

Die schleppenden Volt-Verkäufe passen ins Bild. Auch im Rest der Welt tun sich die ersten Großserien-Elektroautos schwer. In sämtlichen großen Industrienationen haben E-Autos – also Fahrzeuge, die nur über einen Elektroantrieb verfügen oder zusätzlich noch einen Verbrennungsmotor haben, der für mehr Reichweite sorgt (Plug-in-Hybride, Range Extender) – Marktanteile von unter einem Prozent.

Die beliebtesten E-Autos der Welt
FankreichFrankreichs Autobauer setzen voll auf Elektromobilität. Doch das E-Auto, das sich in der Grande Nation am besten verkauft, ist kein Renault, kein Peugeot und kein Citroen. Platz 1 geht an das Modell Bluecar des französischen Mischkonzerns Bolloré. Es wurde im ersten Quartal über 700 Mal abgesetzt. Insgesamt wurden schon über 1800 Bluecars in Frankreich zugelassen – die meisten jedoch nicht durch Privatkunden, sondern den Pariser Car-Sharing-Anbieter Autolib. Französische Privatkunden können das Bluecar ab Juni für 330 Euro pro Monat leasen – bei Fahrtkosten von 1,50 Euro pro 100 Kilometer kein schlechter Deal. Quelle: dapd
In Japan führt ein alter Bekannter das E-Auto-Ranking an: Der Nissan Leaf. Unter den Elektro-Großserienfahrzeugen der ersten Stunde gehört es zu den besten und erfolgreichsten. 2011 wurden wegen des Erdbebens in Japan nur 20.000 Stück gebaut, in diesem Jahr strebt Nissan 40.000 an. Im Heimatmarkt wurden im ersten Quartal knapp 2800 Leaf abgesetzt. Quelle: dapd
USAIn Frankreich ist ein französisches Modell top, in Japan ein japanisches – und in USA ein amerikanisches. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Industriepolitik. Die Länder fördern den Verkauf heimischer E-Autos mit Kaufprämien von einigen tausend Euro. So landet in den USA der Chevrolet Volt ganz oben auf dem Treppchen mit über 3700 neu zugelassenen Fahrzeugen im ersten Quartal. Weltweit wurde das E-Auto, das auch über einen benzinbetriebenen Zusatzmotor verfügt, schon 23.000 Mal verkauft. In Deutschland ist das fast baugleiche Auto auch als Opel Ampera zu haben. Quelle: dapd
China hat große Pläne mit dem Elektroantrieb. Weil der Rückstand gegenüber den großen Autonationen bei herkömmlichen Antrieben nicht aufzuholen ist, will China mit E-Autos angreifen. Doch das in der DDR erfundene Manöver „Überholen ohne Einzuholen“ (Walter Ulbricht) gestaltet sich schwieriger als gedacht. Technische Probleme werfen die chinesischen Autobauer immer wieder zurück, was sich auch an den Zulassungszahlen ablesen lässt. Im ersten Quartal war das Modell A-Class von Jianghuai Automobile Co (JAC) das meistverkaufte E-Auto – mit ganzen 213 Fahrzeugen. Quelle: AP
DeutschlandDie deutschen Kunden gehen das Thema E-Auto pragmatisch an. Platz 1 im ersten Quartal geht an den elektrischen Renault Kangoo. Für Gewerbe, die für einen begrenzten Radius einen Transporter brauchen und unter hohen Benzin-Rechnungen leiden, ist die E-Version des Kangoo eine echte Alternative. Bei 20.000 Euro Kaufpreis zuzüglich einer monatlichen Batteriemiete von 72 Euro (zzgl. MwSt) kann sich das Fahrzeug durchaus rechnen. Das dachten sich wohl auch die 280 Käufer, die im ersten Quartal zugriffen. Den eher klassischen Autokäufer darf man dagegen hinter dem zweitplatzierten Modell vermuten,… Quelle: REUTERS
…dem Opel Ampera. Der technische Zwillingsbruder des Chevrolet Volt wurde im ersten Quartal 250 Mal abgesetzt. Das ist nur gut ein Prozent der weltweit verkauften Volts und Amperas. Am Produkt selbst kann das geringe Interesse in Deutschland nicht liegen, denn der Ampera ist ein Auto, das die meisten Alltagsstrecken (bis 80 Kilometer) elektrisch und kostengünstig schafft, dank des zusätzlichen Benzinmotors aber auch alle Vorzüge eines herkömmlichen Autos der Golf-Klasse hat. Was die Kunden abschreckt, ist wohl eher der Anschaffungspreis (43.000 Euro) und die Frage, wie viel so ein Auto nach ein paar Jahren noch Wert ist. Quelle: dpa
Mit mageren 110 Autos liegt der Renault Fluence auf Platz 3 hierzulande. Auch hier muss man sich die Kunden als preisbewusste Pragmatiker vorstellen, denn der Fluence hat Passat-Größe und kostet dennoch nur 26.000 Euro plus 82 Euro monatliche Batteriemiete. Noch günstiger und mit frischer Cabrio-Brise kann man in einem anderen elektrischen Gefährt reisen,… Quelle: Presse

Für viele, die nie so recht an den Erfolg der Stromer glauben wollten, steht nun fest: Die Sache mit dem Batterieantrieb war bloß ein Hype, eine grüne Träumerei. Unkomfortable Verzichtsautos mit Reichweiten, die ein Benziner mit wenigen Litern Sprit schafft, für den Preis luxuriöser Mittelklasse-Limousinen – das könne nicht die Zukunft der Mobilität sein. In ein paar Jahren rede niemand mehr davon.

Dass ganze Industrien irren, ist unwahrscheinlich

Nachvollziehbar ist die Skepsis, richtig liegen die Zweifler aber deshalb noch lange nicht. Natürlich gab und gibt es einen Hype um das Elektroauto, der hier und da irrationale Züge hat. Aber die Übertreibungen sind noch lange kein Beleg dafür, dass das Thema in Gänze abgeschrieben werden kann.

Wie war es beim Internet-Hype vor über einem Jahrzehnt? Das Internet werde die vielleicht wichtigste Basis der Kommunikation und von Geschäftsprozessen, es werde eine enorm wichtige Drehscheibe fürs Shopping, für Reisebuchungen, für die Partnersuche. All das wurde von Experten vorausgesagt, Unternehmen und Anleger investierten massiv. Als die großen Erfolge auf sich warten ließen und überbewertete Internet-Startups die Luft ausging, wurde flugs der Abgesang auf das Internet an sich angestimmt. Doch mit dem Abgesang lagen die Skeptiker viel mehr daneben, als die Internet-Euphoriker mit ihren großen Träumen. Heute sehen wir: Viele der Visionen sind inzwischen selbstverständliche Bestandteile unseres Lebens, und die übrigen werden es wahrscheinlich irgendwann.

Die simple Wahrheit ist: Ein großer Hype entsteht, wenn viele Experten und Unternehmen große Chance sehen und richtig viel Geld investieren. Einzelne Unternehmen setzen oft aufs falsche Pferde. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ganze Industrien irren und kollektiv Milliarden in die falsche Richtung lenken, ist doch eher gering. Alle komplett doof, weltweit und über Jahre – das, liebe Hype-Skeptiker, ist doch ein eher seltenes Phänomen in der jüngeren Industriegeschichte.

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