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Autozoom

Der mühsame Weg zum Wasserstoffauto

Jürgen Rees
Jürgen Rees Ehem. Redakteur Technik & Wissen

Das Brennstoffzellenauto: Wie lange der Weg von der Vision zur Realität sein kann. 2015 sollen die ersten Serienautos mit der neuen Antriebstechnik auf den Markt kommen. Aber heute gibt es in Deutschland nur 15 Wasserstofftankstellen. Das soll sich jetzt ändern.

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Die Energie für morgen: Ein Brennstoffzellen-Auto wird mit Wasserstoff betankt. Quelle: obs

Es gibt keine Autos mit Brennstoffzellenantrieb, weil es keine Tankstellen gibt. Es gibt keine Tankstellen, weil es keine Autos mit Brennstoffzellenantrieb gibt. Beide Sätze sind mehr oder weniger richtig. Sie verhindern, dass eine interessante Technik mit zumindest lokal abgasfreien Motoren die Chance erhält, sich am Markt zu beweisen.

Ein Brennstoffzellenauto wird von einem Elektromotor angetrieben. Alles, was derzeit rein elektrisch fährt, braucht nach normalerweise etwa 150 Kilometern eine Steckdose. Sonst steht der Wagen still. Die geringe Reichweite und hohen Preise für Elektroautos führen zu eher homöopathischen Verkäufen der Stromer. Das Brennstoffzellenauto hätte da eine ganze Menge mehr zu bieten.

Die Brennstoffzelle an Bord produziert den Strom während der Fahrt - aus dem Sauerstoff der Umgebungsluft und aus Wasserstoff im Tank. Und mit einer Tankfüllung kommen die Autos rund 500 Kilometer weit, das Auftanken dauert ganze drei Minuten und nicht wie beim Elektroauto mehrere Stunden. Fahrspaß ist garantiert, denn die Elektromotoren haben eine imponierende Beschleunigung. Aus dem Auspuff kommt lediglich reiner Wasserdampf. So weit so gut.

Die Haken an der Technik:

- Die Autos sind noch sündhaft teuer, über 100.000 Euro sollen sie im Moment kosten. Wenn 2015 die ersten Serienautos auf den Markt kommen, sollen und müssen die Wagen deutlich weniger als 100.000 Euro kosten.

- Noch gibt es in Deutschland nur ganze 15 Tankstellen. Damit kommt niemand wirklich weiter.

Viel Enttäuschung statt technologischem Wunder

Deswegen haben mehrere Unternehmen jetzt beschlossen, bis zum Jahr 2023 rund 400 Wasserstoff-Tankstellen in Deutschland aufzubauen, die ersten 100 Stationen sollen in den nächsten vier Jahren in Betrieb gehen. Der Verbund aus Unternehmen nennt sich H2-Mobility-Initiative und umfasst neben Daimler, Linde, Air Liquide unter anderem auch die Mineralölunternehmen Shell und Total. Rund 350 Millionen lassen sich die Unternehmen den Aufbau der Tankstelleninfrastruktur kosten, weil ihnen wohl nach der Hängepartie der vergangenen Jahre klar geworden ist, dass ohne Tankstellen die Ära der Brennstoffzelle nie beginnen wird. Ziel ist es, dass die Autofahrer alle 90 Kilometer auf den Autobahnen rund um die Ballungsgebiete eine Station finden. In den Regionen Hamburg, Berlin, Rhein-Ruhr, Frankfurt, Stuttgart und München sollen sich bis 2023 jeweils mindestens zehn Wasserstoff-Tankstellen finden lassen.

Es ist der lange Weg von einer Vision in die Wirklichkeit: Vor den Augen der Weltöffentlichkeit präsentierten Autokanzler Gerhard Schröder und DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp einst, im November 2000, großspurig so etwas wie das Perpetuum mobile der Autoindustrie: "Das erste Null-Liter-Auto" der Welt, das brennstoffzellenbetriebene "New electric car 5", kurz: Necar 5. Der Autokanzler sonnte sich im Glanz des damals erfolgreichen Unternehmenschefs und lächelte wohlgefällig, als Schrempp die Serienreife der neuen Technologie für das Jahr 2004 versprach.

Auto



Die Daimler-Entwickler wussten damals schon, dass es so schnell nie gehen würde. Sie behielten recht. Statt eines technologischen Wunders produzierte die Brennstoffzellentechnik vor allem Enttäuschung: Sie war teurer als geplant, anfälliger als gedacht, und an ein Tankstellennetz war überhaupt nicht zu denken. Die Branche war blamiert, und es wurde still um Brennstoffzellenantrieb und Wasserstofftechnik.

Erst heute scheinen bezahlbare und alltagstaugliche Autos wirklich realistisch. Toyota hat für 2015 ein Serienauto mit der Brennstoffzellentechnologie angekündigt. Daimler hat seinen Serienstart vor einigen Monaten kleinlaut von 2014 auf 2017 verschoben. Lautes Marketinggetöse kommt derzeit aus Korea: Hyundai preist seinen SUV ix35 Fuel Cell als Serienmodell. Aber einen Preis erfährt man nicht, denn er wäre vermutlich immer noch abschreckend. Und tatsächlich sollen die ersten 1000 Autos nur an Flottenkunden verleast werden. Die Rate ist nicht bekannt. Richtig losgehen soll es auch bei Hyundai erst 2015.

Ein langer Weg von der Vision bis zum fahrbaren Auto. Aber vielleicht läuft ja das Wasserstoffauto dem akkustrombetriebenen Elektroauto am Ende den Rang ab, weil seine Reichweite einfach viel höher ist und das Nachtanken deutlich flotter geht.

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