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VW auf Cowboy-Kurs

Martin Seiwert
Martin Seiwert Redakteur Blickpunkte

VW will in den USA um jeden Preis zur Massenmarke werden und wird sein Produktportfolio deshalb radikal amerikanisieren: Mit einem großen Geländewagen und womöglich auch mit einem neuen Pickup-Truck.

Der Pritschenwagen auf Basis des T2 wurde in den USA von der „Chicken Tax“ ausgebremst. Quelle: Creative Commons

Einen Großangriff im US-Markt mit zweistelligen Wachstumsraten und einer Vervielfachung des Absatzes hatte VW 2011 angekündigt. Heute steht fest: Daraus wurde nichts. Die Absatzzahlen sind im Sinkflug (minus 13,4 Prozent in den ersten acht Monaten des Jahres), der Großangreifer von 2011, der damalige US-Chef Jonathan Browning, ist geschasst und sein Nachfolger Michael Horn darf erst einmal eine jahrelange Durststrecke managen, bevor sich durch neue Modelle das Blatt wenden könnte.

Umso spannender ist die Frage, mit welchen neuen Modellen Horn die jährlichen Verkäufe von derzeit gut 400.000 auf die von Wolfsburg vorgegebenen 800.000 Autos steigern will. Immer wahrscheinlicher wird ein Angriff nicht nur in den Segmenten Pkw und Geländewagen, sondern auch bei den Nutzfahrzeugen. Gut 50 Jahre nachdem die USA mit einer Sondersteuer VW-Nutzfahrzeuge vom amerikanischen Markt vertrieben, greifen die Wolfsburger mit Transportern und Pritschenwagen womöglich wieder an.

VW plant Crafter-Werk in Polen
Posen, PolenVolkswagen steht kurz vor dem Bau eines neuen Werkes in Polen für seinen Großtransporter Crafter. Die Konzernzentrale in Wolfsburg favorisiere den Standort im Großraum Posen, erfuhr die Nachrichtenagentur dpa aus Kreisen des Managements im VW-Nutzfahrzeugwerk Hannover-Stöcken, das auch auf den Zuschlag für den Crafter-Bau hoffte. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete ebenfalls von entsprechenden Plänen. Bisher lässt VW den Großtransporter bei Daimler bauen, der Crafter gleicht größtenteils dem Mercedes-Sprinter. Die Kooperation läuft 2016 aus. Nach dpa-Informationen könnte die Fabrik in Stöcken künftig Teile der Produktion des VW-Kompaktvans Touran bekommen. VW war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Quelle: dpa
Puebla, MexicoVW gilt in Mexiko als Erfolgsgeschichte. Rund zehn Millionen Autos haben die Wolfsburger bislang am Standort Puebla gebaut. Eine ganze Region hängt an dem Riesenwerk. Auf dem Weg zum größten Autokonzern der Welt soll der neue Golf nun den schwierigen US-Markt erobern. „Der Produktionsstart des Golf 7 wird Volkswagen in Nordamerika ordentlich Schub nach vorn geben“, sagt auch VW-Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn bei der Jubiläumsfeier. Bis 2018 will Volkswagen in der Region sieben Milliarden US-Dollar investieren. Ein Großteil davon dürfte nach Mexiko fließen. Quelle: AP
Foshan, China300.000 neue Golf-Modelle sollen in Foshan jährlich vom Band rollen - vorerst. Das neue Volkswagen-Werk in der südchinesischen Provinz Guangdong, nahe der Stadt Foshan soll in einer zweite Phase auf eine Kapazität von 600.000 Fahrzeuge ausgebaut werden. 6500 Beschäftige hat das Werk bisher. VW-China-Vorstand Jochem Heizmann erklärte, VW befinde sich zudem in "intensiven Gesprächen" mit seinem chinesischen Partner FAW. Dabei gehe es um eine Erhöhung des VW-Anteils am Joint-Venture FAW-Volkswagen auf von 40 auf 50 Prozent. Angesichts der Krise auf dem europäischen Automarkt wird für VW das Geschäft in China immer wichtiger. Im vergangenen Jahr produzierten die Wolfsburger mit ihren beiden chinesischen Partnern SAIC und FAW gut 2,6 Millionen Fahrzeuge. Bis 2018 sollen die Kapazitäten früheren Angaben zufolge in China auf vier Millionen Autos pro Jahr ausgebaut werden. Quelle: dpa
Changchun, ChinaModelle: VW Jetta, New bora, Golf, Sagitar, Magotan, Magotan CC, Motoren, Getriebe Das Joint-Venture mit FAW gingen die Wolfsburger 1991 ein. Fast 16.000 Menschen arbeiten in den gemeinsamen Werken. In Ningbo hat Volkswagen mit dem Bau eines neuen Werkes in China begonnen. Es soll 2014 fertig gestellt sein und eine Kapazität von 300.000 Fahrzeugen jährlich haben. Quelle: dpa/dpaweb
Puebla, MexikoModelle: Beetle, Jetta, Golf Variant In Puebla produziert Volkswagen seit 1964. Mehr als 15.000 Menschen arbeiten hier für Volkswagen. Werk Nummer 101 soll übrigens ebenfalls in Mexiko entstehen. Ab 2016 wird Audi hier den Q 5 produzieren. Quelle: dpa
Wolfsburg, DeutschlandModelle: Tiguan, Touran, Golf, Golf Plus Seit 1938 besteht das Werk Wolfsburg. Am Stammsitz des Volkswagen-Konzerns arbeiten fast 50.000 Menschen. Quelle: dpa
Chattanooga, USAIm Mai 2009 war in Chattanooga der offizielle Baubeginn des ersten amerikanischen VW-Werkes. Die Fertigung dort sollte laut Konzernangaben 2011 mit einer jährlichen Gesamtkapazität von bis zu 150.000 Fahrzeugen starten. Dieses Ziel hat der Autobauer erreicht: Mittlerweile ist dort der 250.000. Passat vom Band gelaufen. „Vor zwei Jahren haben unsere Leute gerade mal gelernt, Autos zu bauen“, erklärte Werksleiter Frank Fischer. „Ich bin sehr stolz auf dieses Team.“ Der US-Passat ist eine Erfolgsgeschichte: Die Produktion hatte am 18. April 2011 begonnen. Das auf den amerikanischen Geschmack abgestimmte Modell verkaufte sich auf Anhieb deutlich besser als der aus Europa importierte Vorgänger. Auch dank des Passat haben sich die Verkäufe der Marke VW in den USA von 2009 bis 2012 verdoppelt. Quelle: dpa

VW will in den USA das Nischendasein als originelle Marke für Deutschland-Fans beenden und zu einer echten Massenmarke werden. Soll das gelingen, bleibt VW nichts anderes übrig, als in den wichtigsten Massensegmenten präsent zu sein. Bislang wagte sich VW nur in zwei hart umkämpfte Massensegmente vor: Der US-Passat aus dem amerikanischen Werk Chattanooga attackiert bei den mittelgroßen Limousinen, der Jetta aus Mexiko bei den Kompaktwagen.

Doch das Segment der Kompakten wächst derzeit nur schwach, der Markt für die mittelgroßen Limousinen schrumpft sogar. Dort dagegen, wo die Post abgeht, im Segment der „Light Trucks“ (leichte Nutzfahrzeuge), ist VW nahezu blank – etwa bei den Cross-over-Modellen (eine Geländewagen-Variante, plus 13 Prozent in den ersten acht Monaten 2014 im Vergleich zum Vorjahr), bei den großen Geländewagen (plus 15 Prozent) oder den Pritschenwagen (drei der fünf meistverkauften Modelle in den USA sind Pritschenwagen).

Der „Cross Blue“ soll den US-Absatz retten

Ein neuer, großer VW-Geländewagen, der in Chattanooga gebaut wird, ist schon beschlossene Sache. Aber auch bei den Nutzfahrzeugen inklusive Pritschenwagen gibt es Bewegung, wie der Chef der Volkswagen Nutzfahrzeuge, Eckhard Scholz, unlängst anklingen ließ: „Unser weiteres Vorgehen beim Thema USA diskutieren wir derzeit sehr, sehr ernsthaft.“ VW sei mit Nutzfahrzeugen wie dem VW Caddy, dem Lieferwagen Transporter oder dem Pritschenwagen Amarok in den USA bislang noch nicht vertreten, was sich jedoch ändern könne. Vor allem bei Stadtlieferwagen und Transportern sieht Scholz Potenzial.

Doch wie amerikanisch wird VW? Wagen die Wolfsburger auch einen Angriff bei den amerikanischsten aller Autos, den Pickup-Trucks? Nachgedacht wird über den Schritt zumindest: „Wir überlegen, ob ein Einstieg für uns Sinn ergibt“, lässt sich VW-USA-Chef Horn entlocken. Das bereits vorhandene Modell Amarok, das in den USA nicht verkauft wird, sei allerdings etwas zu klein für US-Kunden.

Mit Argusaugen verfolgen die amerikanischen VW-Manager die Markteinführung der mittelgroßen GM-Pickup-Modelle Colorado und GMC Canyon in diesen Wochen. Kommen die Autos gut an, könnte das auch zum Startsignal für einen neuen VW-Pritschenwagen werden, heißt es im VW-Umfeld. Und tatsächlich, die Nachfrage sprengt alle Erwartungen: Mit 6000 Vorbestellungen der Händler hatte GM gerechnet, letztlich wurden es gut 42.000. Aufgrund des enormen Interesses wird GM Anfang 2015 eine dritte Schicht in den Werken starten, die die Wagen produzieren. Zwischen 100.000 und 130.000 Colorados und Canyons will GM 2015 bauen.

Wie die VW-Sparten 2013 abgeschnitten haben

Nie waren die Chancen größer, dass VW mit einem neuen Pickup-Modell, das etwas größer als der Amarok ausfallen dürfte und speziell auf den US-Markt zugeschnitten wäre, den Angriff wagt. Der Wagen müsste allerdings aus Chattanooga kommen, denn auf importierte Pickups schlägt die USA eine saftige Importsteuer: 25 Prozent des Verkaufspreises beträgt die „Chicken Tax“ genannte Steuer.

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Mit der Steuer, die US-Präsident Lyndon B. Johnson 1963 durchsetzte, rächte sich die USA einerseits für entgangene Hähnchen-Exporte nach Europa – deshalb der Name. Andererseits wollte Johnson gezielt VW daran hindern, mit einem als Pritschenwagen umgebauten VW Bully („VW Type 2“) den US-Markt aufzumischen. Die Steuer schützte GM, Ford und Chrysler vor ausländischer Konkurrenz und bremste in dem wichtigen Segment nach Ansicht von US-Ökonomen Wettbewerb und Innovation.

Die fiese Steuer allein sollte für Volkswagen Motiv genug sein, einen erneuten Angriff mit einem Pickup zu wagen. Mein Namensvorschlag: VW Type 3. Mit ein bisschen Glück muss Type 3 auch gar nicht in Chattanooga gebaut werden. Denn sollte das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA zustande kommen, hätte sich damit wohl auch die „Chicken Tax“ erledigt – und VW-Pritschenwagen hätten freie Fahrt in die USA, egal von welchem Fließband sie kommen.

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