Autozulieferer: An diesem Mann hängt die Zukunft von Continental
Als Continental an diesem Mittwoch die Zahlen für das dritte Quartal vorlegte, übte man sich einmal mehr in positiver Kommunikation: Im Unternehmensbereich Automotive habe man „das operative Ergebnis infolge der erzielten Preisanpassungen, einer hohen Kostendisziplin und einer Stabilisierung der Lieferketten im Vergleich zum ersten Halbjahr deutlich verbessert“, hieß es.
Deutlich verbessert? Ja, das kommt tatsächlich darauf an, woher man kommt. Doch ein Verlust bleibt trotzdem ein Verlust. Zum Konzernumsatz von knapp 31 Milliarden Euro steuerte die Autosparte in den ersten neun Monaten knapp die Hälfte bei. Während der Konzern beim Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) eine Marge von 4,4 Prozent erzielte, lag die im Bereich Auto 0,2 Prozent im Minus. Auf Sicht von neun Monaten machte die Autosparte damit 26,4 Millionen Euro Verlust. Das ist tatsächlich besser als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres – denn 2022 waren es da noch minus 1,14 Milliarden Euro.
Viertes Quartal wird stärker
Und so ist Finanzvorständin Katja Garcia Vila verhalten optimistisch: Im vierten Quartal würde es besser, denn es sei „traditionell das cashstärkste Quartal für Continental“, so Garcia Vila im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Denn Ende des Jahres bekommt der Konzern von den Kunden Geld für geleistete Arbeit, etwa in der Entwicklung. Zudem arbeite man daran, bis zu einer Milliarde Euro aus Kostensteigerungen wieder hereinzuholen. Noch sind nicht alle Verhandlungen mit den Kunden dazu abgeschlossen. „Wir wollen so viel wie möglich herausholen“, sagt Garcia Vila. All dies stärkt das Ergebnis. Wichtig ist der Finanzvorständin auch eins: „Wir gucken stark auf die bereinigte Marge“, sagt sie. Vor allem schlechte Wechselkurse drückten die Marge der Autosparte. Ohne solche Sondereffekte schnitt der Unternehmensbereich positiv ab. Die bereinigte Ebit-Marge bei Auto lag bei plus 1,0 Prozent. Doch eigentlich ist es das Ziel von Continental, diese bereinigte Marge mittelfristig in den Bereich von 6 bis 8 Prozent zu heben.
Philipp von Hirschheydt ist für Continentals wichtigste Mission zuständig: die Sanierung der Autosparte.
Foto: dpaUnd der Druck lastet auf ihrem Vorstandskollegen Philipp von Hirschheydt. Für ihn kann dieser 8. November allenfalls Anlass zur Hoffnung – aber bloß nicht zum Stillstand – geben: Er führt seit Mai die mit Abstand umsatzstärkste Sparte von Continental. Und die mit Abstand margenschwächste.
Von Hirschheydt muss jetzt schnell zeigen, was er kann. Immerhin, das Vertrauen von Conti-CEO Nikolai Setzer hat er: Die beiden Männer kennen sich lange, haben schon in der Reifensparte zusammengearbeitet. Als Setzer dort Vorstand war, ging von Hirschheydt zunächst nach Ecuador und Asien; ab 2018 leitete er dann das Reifengeschäft in Europa und im Mittleren Osten. Später stieg von Hirschheydt bei Continental zum Leiter des Bereichs User Experience auf, in dem es um die intelligente Steuerung etwa von Displays geht.
Verschlanken, beschleunigen und Hierarchien abbauen
Und seine Weggefährten bescheinigen ihm als Vorstand zumindest einen guten Start. Losgewirbelt sei der Mann, sagt einer. Prominente Berater haben ihm die Zahlen aufbereitet. Von Hirschheydt will verschlanken, beschleunigen und Hierarchien abbauen. Viel zu lange Entscheidungswege gebe es in der Autosparte, sagen Insider. „Wir müssen schneller werden“, so ein Kenner.
Ein erstes Zeichen hat von Hirschheydt im Expertengremium Auto-Board gesetzt, in dem die wichtigsten Manager der Autosparte sitzen: Das Gremium wurde verkleinert. Frank Petznick gab die Leitung des Geschäftsfelds Autonomous Mobility ab und verließ das Unternehmen. Und mit Thomas Eller schied der Head of Global Sales Continental Automotive aus. Auch CEO Setzer ist raus aus dem Board.
Und jetzt schaut man ganz genau auf die Kosten, vor allem bei den Einstellungen. Man habe die ausgeschriebenen Stellen „eingefroren“ und prüfe nun, ob sich dafür bevorzugt interne Bewerber finden ließen, erzählt ein Insider. Nur, wenn dies nicht der Fall sei, würden die Stellen wieder für externe Bewerber geöffnet.
Ehemaliger Investmentbanker muss liefern
Klar ist: Es führt kein Weg vorbei am Wandel. Alles steht auf dem Prüfstand. Sind die einzelnen Teile Continentals mehr wert als das Ganze? Droht dem Konzern die Aufspaltung, ein Verkauf von Geschäftseinheiten, der Teilbörsengang, eine Abspaltung? Solche Fragen stellen sie sich in Hannover schon länger. Und der ehemalige Investmentbanker von Hirschheydt muss liefern. Erfahrung in Sachen M&A hat er jedenfalls aus seiner Zeit bei der Bank WestLB.
Bei der Neuerfindung des Autos hat sich Continental für einen Sonderweg entschieden. Chef Setzer setzt voll auf Themen wie Software, Vernetzung und automatisiertes Fahren. Das Geschäft mit dem Antriebsstrang – auch für Elektroautos – hat er abgespalten. Es ist jetzt unter dem Namen Vitesco Technologies an der Börse und soll schon bald vom Autozulieferer Schaeffler aufgekauft werden.
Der Grund für die Abspaltung damals: Man kann nicht in alles investieren. Doch nun wird abermals deutlich, dass die zahlreichen Geschäftsfelder aus Software, Industrie, Vernetzung, Reifen, Bremsen oder dem automatisierten Fahren ebenso hohe Investitionen erfordern. Und viele der vermeintlich zukunftsträchtigen Geschäftsfelder erst in einigen Jahren Gewinne abwerfen können. Wenn überhaupt. Hoffentlich.
Gewinnspanne zwischen sechs und acht Prozent
Im Dezember 2020 versprach der damals frisch gebackene Konzernchef Setzer Investoren überproportionales Wachstum. Vorgabe: Die Autosparte solle jährlich organisch um sieben bis elf Prozent und damit stärker als der Markt zulegen, die bereinigte Gewinnspanne vor Zinsen und Steuern zwischen sechs und acht Prozent liegen. Spätestens 2025 müsste es so weit sein. Auch aktuell noch ist die Autosparte weit von diesen Vorgaben entfernt. Wieder einmal.
Als besonders ungeduldig gilt Conti-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle. Die Amtszeit des früheren Linde-Chefs läuft im April 2024 ab. Dann ist Hauptversammlung. Und es dürfte kaum mit seinem Selbstverständnis vereinbar sein, große Baustellen zu hinterlassen – zumal die aktuelle Strategie genauso seine Handschrift trägt wie die von Setzer. Geht die Wette auf die Software nicht auf, muss sich das auch Reitzle zurechnen lassen.
Und schon, munkeln sie in Hannover, könnte Reitzle für weitere zwei Jahre weitermachen wollen. Ein sogenannter Staffelvorstand, auch als Staggered Board bekannt, ist angeblich eine Option für den Aufsichtsrat von Conti. Denn dann müssten nicht alle Aussichtsräte auf einen Schlag verlängert werden und die Amtsperioden enden zeitversetzt. Reitzle und andere könnten dann für vorerst nur noch zwei Jahre verlängert werden. Ob der machtbewusste Reitzle weitermacht? Entschieden sei nichts, meint der. Und wenn, dann dürfte er das wohl auch eher unter nur vier Augen mit Großaktionär Georg Schaeffler klären.
Dabei ist es eigentlich fahrlässig, ein so großes Unternehmen wie Conti so kurz vor der Hauptversammlung weiter im Ungewissen über die Führungsspitze des wichtigen Kontrollgremiums zu lassen.
Baustellen hat der Dax-Konzern schließlich schon genug. Siehe die Autosparte – aber das muss jetzt Philipp von Hirschheydt lösen. Besser heute als morgen. Denn die Zukunft von ganz Conti hängt daran, ob es ihm gelingt.
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