Autozulieferer Leoni wird der Auftragsflut nicht Herr

Eigentlich freuen sich Firmen über eine viele Aufträge. Bei dem Kabel-Spezialisten Leoni sorgt eine Auftragsflut aber für steigende Personalkosten. Außerdem muss ein neuer Chef für die Bordnetz-Sparte gefunden werden.

Das Logo des Kabel-Herstellers Leoni AG ist am 25.03.2014 in Nürnberg (Bayern) am Rande der Bilanz-Pressekonferenz des Unternehmens zu sehen. Foto: Daniel Karmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Eine überraschende Auftragsflut bei Bordnetzen hat den Autozulieferer Leoni kalt erwischt. Hohe Mehrkosten unter anderem für neue Mitarbeiter drückten das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) im dritten Quartal binnen Jahresfrist um 14 Prozent auf 29,8 Millionen Euro, wie der Nürnberger Konzern am Dienstag mitteilte. Der Umsatz stieg dagegen um 9,7 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro, wozu allerdings auch Wechselkurseffekte beitrugen. Die Rendite lag damit bei 2,7 Prozent - angepeilt sind seit langem sieben Prozent. Auch dieses Ziel, das eigentlich 2016 erreicht werden sollte, hatte Leoni kürzlich über den Haufen geworfen. Jetzt wollen die Franken erst im März nächsten Jahres eine Gewinnprognose für 2016 abgeben.

Leoni begründete die Turbulenzen damit, dass in der Bordnetz-Sparte neue Projekte schneller und schwieriger als erwartet hochgelaufen seien. Kunden hätten kurzfristig mehr und größere Kabelsätze bestellt. Weil Leoni nicht darauf vorbereitet war, fielen demnach hohe Mehrkosten an, etwa für neue Mitarbeiter, denn das Legen von Bordnetzen muss größtenteils per Hand gemacht werden.

„Der Standort Rumänien ist uns im September regelrecht um die Ohren geflogen“, fasst Leoni-Chef Dieter Bellé die Ereignisse zusammen, die unter anderem zur Gewinnwarnung und einer abgeschwächten Prognose für 2015 und 2016 geführt haben. Am Standort Rumänien zweifle man deshalb aber nicht, stellte Bellé klar.

Sparten-Chef muss gehen

Leoni gab sich vor einigen Monaten eine neue Matrixorganisation. Diese sollte eigentlich dazu führen, dass nicht jede Entscheidung in der Zentrale getroffen werden muss, sondern die einzelnen Abteilungen im Bordnetzbereich eigenständiger arbeiten können.

Doch mangelnde Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Geschäftseinheiten haben dazu geführt, dass das Werk Rumänen „völlig überfordert war“, gab Bellé zu. Die verschiedenen Projektleiter hatten sich schlicht nicht abgesprochen und das Werk mit zu vielen Aufträgen bombardiert.

Unter anderem deshalb lagen die Anlaufkosten statt der geplanten sechs Millionen Euro tatsächlichen deutlich höher – etwa weil viel mehr neue Mitarbeiter eingestellt werden mussten und gleichzeitig der Mindestlohn dort stark gestiegen ist.

Die zehn größten deutschen Autozulieferer
Platz 10: EberspächerUmsatz 2014: 3,60 Milliarden Euro Das aus Esslingen am Neckar kommende Familienunternehmen zählt zu den weltweit führenden Systementwicklern und -lieferanten für Abgastechnik, Fahrzeugheizungen und Klimasysteme Quelle des Rankings: Berylls Stretagy Advisors Quelle: dpa
Platz 9: BroseUmsatz 2014: 5,17 Milliarden Euro Aus Coburg kommen die Sitzsysteme, Türmodule, Fensterheber und Schließsysteme von Brose. 22.000 Menschen arbeiten für das Familienunternehmen, das bereits seit 1908 existiert. Quelle: Presse
Platz 8: HellaUmsatz 2014: 5,18 Milliarden Euro In Lippstadt in Nordrhein-Westfalen produziert Hella mit rund 29.000 Mitarbeitern Licht- und Elektroniksysteme für den Fahrzeugbau, wie hier die LED-Scheinwerfer für eine Mercedes E-Klasse. Das Unternehmen blickt auf eine lange Historie zurück. Der Grundstein wurde bereits 1899 gelegt. Quelle: Presse
Platz 7: Benteler AutomobiltechnikUmsatz 2014: 5,87 Milliarden Euro Fahrwerkteile, Abgassysteme, Umformtechnik und Rohre – das sind die Komponenten, die Benteler Automobiltechnik mit weltweit rund 20.850 Mitarbeitern entwickelt und produziert. Zum 1. September 2014 hat Benteler zwei Teilbetriebe aus der insolventen Wilco Wilken Lasertechnik übernommen, um seine Kompetenz in diesem Bereich zu verstärken. Quelle: Presse
Platz 6: SchaefflerUmsatz 2014: 8,89 Milliarden Euro Von Herzogenaurach aus schickt Schaeffler seine weltberühmten Wälzlager, aber auch Motoren- und Getriebeelemente, sowie Kupplungs- und Antriebstechnik rund um den Globus. Schaeffler übernahm 2008 Continental und bürdete sich damit einen riesigen Schuldenberg auf, den das Unternehmen in den nächsten Jahren nur mühsam abstottern konnte. Die Schaeffler-Gruppe hat rund 76.000 Mitarbeiter. Quelle: REUTERS
Platz 5: ThyssenKruppUmsatz 2014: 9,72 Milliarden Euro Der Stahlkonzern aus Essen verdient an der Automobilindustrie mit dem Verkauf von Karosserieteilen, Fahrwerksmodulen, Antriebssträngen, Lenksystemen und Aufhängungen. Im Bild die Achsmontage an einem Smart Fortwo. Insgesamt arbeiten 157.000 Menschen für ThyssenKrupp. Quelle: Presse
Platz 4: MahleUmsatz 2014: 9,98 Milliarden Euro Die Stuttgarter beliefern Autobauer weltweit mit Kolben, Lagern, Ventiltrieben, Filtersystemen, Turboladern und Klimaanlagen. Rund 65.000 Menschen arbeiten für das Traditionsunternehmen, das 1920 gegründet wurde. 2010 fusionierte Mahle mit dem Klimaanlagenbauer Behr und stieg damit damals unter die Top 4 der größten deutschen Automobilzulieferer auf. Quelle: dpa
Platz 3: ZF FriedrichshafenUmsatz 2014: 16,19 Milliarden Euro Der Zulieferer vom Bodensee lässt er derzeit richtig krachen. Für umgerechnet 9,6 Milliarden Euro übernimmt der Spezialist für Getriebe- und Lenksysteme den amerikanischen Konkurrenten TRW-Automotive, der 2013 einen Jahresumsatz von 17,4 Milliarden Dollar erzielte. Damit strebt ZF die größte Übernahme durch ein deutsches Unternehmen seit der Finanzkrise an. TRW fertigt in erster Linie Sicherheitsprodukte wie Airbags, Gurte, Brems- oder Fahrerassistenzsysteme und ergänzt damit ZF perfekt. Das US-Unternehmen TRW soll als separater Geschäftsbereich im ZF-Konzern geführt werden. Da es keine Überschneidungen gebe, blieben alle Standorte erhalten, erklärte ZF-Chef Stefan Sommer. Die Transaktion wurde im Mai 2015 abgeschlossen. Bisher arbeiten rund 72.000 Menschen für ZF, dazu kommen weitere 65.000 von TRW. Zu den knapp 16,2 Milliarden Euro Umsatz von ZF kommen künftig noch die 14,4 Milliarden Euro von TRW hinzu – womit ZF auf einen Schlag in der Top-Liga mitspielt. Quelle: dpa
Platz 2: BoschUmsatz 2014: 33,3 Milliarden Euro Der Stuttgarter Technologiekonzern stellt nicht nur Kühlschränke und Bohrmaschinen her. Kerngeschäft sind Komponenten für die Automobilindustrie wie Einspritzsysteme, Fahrwerke, Energieversorgungs- und Navigationssysteme. Für den Gesamtkonzern arbeiten weltweit über 280.000 Menschen. 2015 dürfte der Umsatz deutlich höher ausfallen: Wegen des ZF-TRW-Deals hat Bosch den Friedrichshafenern die Anteile am Gemeinschaftsunternehmen ZF Lenksysteme abgekauft. Als jetzt 100-prozentige Bosch-Tochter trägt die Lenkungssparte nochmals rund vier Milliarden Euro Umsatz bei. Quelle: dapd
Platz 1: ContinentalUmsatz 2014: 34,5 Milliarden Euro Der Konzern mit Sitz in Hannover stellen neben Reifen und Sicherheitssysteme auch Bremsanlagen und Türsysteme her. Etwa 180.000 Menschen arbeiten für Continental. Seit 2008 ist Continental Teil der Schaeffler-Gruppe. Quelle: dpa

Das Unternehmen hat bereits personelle Konsequenzen aus dem Fiasko gezogen. Der für die Division Bordenetze zuständige Vorstand Andreas Brand hat das Unternehmen verlassen. Weitere personelle Konsequenzen seien nicht geplant, so Bellé. Im Vorstandskreis hätte man die Probleme bei den einzelnen Projekten leider erst „recht spät erkennen können. Das Projektmanagement hätte es sicherlich früher erkennen müssen.“

„Es geht ganz klar um interne Probleme im Bereich Projektmanagement, die wir jetzt lösen müssen“, sagte Bellé. Er betonte aber gleichzeitig, dass zu keinem Zeitpunkt Lieferprobleme bestanden hätten. „Unsere Kundenbeziehungen sind unbelastet und hervorragend“, so Bellé.

Nach den gemachten Erfahrungen geht Leoni nun nur noch von 130 Millionen Euro Gewinn vor Steuern aus. Auch die Umsatz- und Gewinnprognose für 2016 wurde gesenkt. Bellé schloss nicht aus, dass es auch 2016 zu weiteren Ergebnisbelastungen durch Neuanläufe kommen könne: „Aufgrund der gemachten Erfahrungen prüfen wir nun alle Projekte nochmals gründlich.“

Womit die Zulieferer zu kämpfen haben

Generell rechnet der Kabel- und Bordnetzhersteller mit guten Geschäftsaussichten für die nächsten vier bis fünf Jahre. Positiv sollten sich zum Beispiel die wachsende Zahl an Elektro- und Hybridfahrzeugen auswirken, da dort mehr Kabel und komplexe Bordnetze benötigt werden.

Aktuell liegt Leoni für die nächsten fünf Jahre ein Auftragsbestand von 12 Milliarden Euro vor.

Leoni hatte mit einer Gewinnwarnung Mitte Oktober einen Kursrutsch seiner Aktie ausgelöst. Analysten hatten bemängelt, dass das Traditionsunternehmen keine neuen Jahresziele benannt hatte, nachdem es die vorangegangene Ergebnisprognose gekippt hatte. Erst Mitte September hatte Leoni seine Ziele für 2016 wegen des Verkaufs der Hälfte an seinem chinesischen Bordnetz-Werk gesenkt.

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