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Autozulieferer Magna "Verbrenner werden uns noch lange begleiten"

Beim Elektroauto werden viele Zuliefererteile nicht mehr benötigt. Dennoch hat Magna den Getriebespezialisten Getrag gekauft. Im Interview erklärt der Magna-Chefingenieur, warum er die Übernahme weiter für sinnvoll hält.

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Swamy Kotagiri ist CTO bei Magna International. Quelle: Presse

WirtschaftsWoche Online: Herr Kotagiri, Magna hat Anfang 2016 den deutschen Getriebehersteller Getrag gekauft. Mit der zunehmenden Elektrifizierung der Automobile scheint dieses Investment nicht zielführend.
Swamy Kotagiri: Ganz im Gegenteil. Getrag verfügt über ein breites Produktportfolio an manuellen und automatisierten Schaltgetrieben sowie Doppelkupplungsgetrieben, die weiterhin im zunehmenden Maße benötigt werden. Zudem verschiedene Möglichkeiten der Hybridisierung und Elektrifizierung von Getrieben.

Was bedeutet das für die Integration von Getrag in Magna?
Getrag ist bei Magna Powertrain eingebettet, einer Gruppe von Magna International, die über umfangreiche Kompetenzen in der Konstruktion, Entwicklung, Prüfung und Herstellung von Antriebssträngen verfügt. Die Integration kompletter Systeme anzubieten, ist unsere Stärke und hebt uns von unseren Mitbewerbern ab. Aufgrund der zunehmenden Umweltanforderungen fokussieren viele der Innovationen von Magna auf elektronisch gesteuerte Technologien zur Verbesserung des Leistungsvermögens und zur Reduktion von Emissionen.

Für Magna ist Getrag somit eine perfekte Ergänzung?
Ja, sozusagen 1+1=3. Mit der seit über 80 Jahren erarbeiteten Kompetenz von Getrag holten wir uns einen Partner an Bord, der als weltweit anerkannter Spezialist bei manuellen Getrieben und Doppelkupplungsgetrieben gesehen wird. Zudem bietet Getrag Hybridgetriebe an, für eine signifikante Erhöhung der Effizienz sorgen.

Das Übernahme-Karusell in der Zuliefererindustrie

Hybridgetriebe? Können Sie uns das bitte näher erläutern?
Hybridantriebe kombinieren im Automobilbau meist einen Verbrennungs- mit einem Elektromotor. Beide Antriebe können jeweils unterschiedliche Aufgaben übernehmen, etwa die Beschleunigung unterstützen, beim Bremsen Energie zurückgewinnen (Rekuperieren), eine Batterie aufladen oder das rein elektrische Fahren ermöglichen.

Getrag Doppelkupplungsgetriebe können mit einem technischen Eingriff, dem sogenannten Torque-Split-Prinzip, hybridisiert werden. Das bedeutet, dass der ursprüngliche Antriebsstrang mit dem Verbrennungsmotor nicht verändert werden muss, da der Elektromotor direkt am Getriebe angebracht ist.

Solch eine Bauweise ist für unsere Kunden kostengünstig und dabei äußerst flexibel. Es können beispielsweise Elektromotoren mit 15 kW Leistung (Mild-Hybride) oder auch Plug-In-Hybride mit 90 kW E-Motor-Leistung angeflanscht werden. Für den Endverbraucher ergeben sich erhebliche Verbrauchsvorteile. Mit dem Hybridgetriebe sinken diese bei einem Mild-Hybrid um bis zu 15 Prozent und bei einem Plug-In-Hybrid sogar bis zu 80 Prozent.

Die weltweit größten Autozulieferer

Kommen wir zurück zur Elektromobilität. Werden bei rein elektrisch betriebenen Fahrzeugen künftig überhaupt noch Getriebe benötigt?
Bei Fahrzeugen, die heute beispielsweise mit Elektromotoren ausgestattet sind, die bis zu 6.000 Umdrehungen pro Minute leisten, genügt der einstufige Antrieb. Wie man aber heute in der Formel E, der rein elektrischen Rennserie, beobachten kann, werden für diese E-Motoren, die bis zu 19.000 Umdrehungen erzeugen, mehrstufige Getriebe verwendet. Solche Hochleistungs-Triebwerke können künftig auch in Straßenfahrzeugen verwendet werden, die eine hohe Performance erreichen sollen.

Dreistufige Getriebe können wir uns auch bei kompakten Elektrofahrzeugen vorstellen, um diese mit niedrigeren Drehzahlen und einem damit einhergehenden besseren Wirkungsgrad betreiben zu können. Zudem werden mit mehrstufigen Getrieben höhere Endgeschwindigkeiten erreicht.

Die größten Auto-Zulieferer der Welt
Faurecia Quelle: Presse
Platz 9: Michelin (Frankreich)Umsatz 2016: 20,907 Milliarden Euro Umsatz 2015: 21,199 Milliarden Euro Veränderung: -1,4 Prozent Hauptprodukte: Reifen Michelin ist der zweitgrößte Reifenhersteller Europas. In dem Ranking der Beratungsgesellschaft Berylls zählt nur der Umsatz aus dem Geschäft mit Autoteilen – im Falle von Michelin bleiben also die Umsätze mit Straßenkarten sowie den Hotel- und Restaurantführern außen vor. Quelle: REUTERS
Bridgestone-Firestone Quelle: AP
Platz 7: Aisin (Japan)Umsatz 2016: 27,977 Milliarden Euro Umsatz 2015: 24,133 Milliarden Euro Veränderung: +15,9 Prozent Hauptprodukte: Getriebe, Bremssysteme, Karosserie- und Motorenteile Aisin gehört zum Teil zu Toyota, die restlichen Anteile liegen aber auch in den Händen japanischer Unternehmen und Banken. Neben manuellen und Automatikgetrieben stellt Aisin vor allem Bremsen und Navigationssysteme her. Quelle: PR
Platz 6: Hyundai Mobis (Südkorea)Umsatz 2016: 30,227 Milliarden Euro Umsatz 2015: 28,096 Milliarden Euro Veränderung: +7,6 Prozent Hauptprodukte: Cockpit-, Frontend- und Chassismodule Mobis gehört zum koreanischen Autobauer Hyundai. Mobis beliefert aber nicht nur die Konzernmarken Hyundai und Kia, sondern arbeitet auch mit anderen Autobauern zusammen. Quelle: PR
ZF Friedrichshafen Quelle: dpa
Magna Quelle: dpa

Wie stellt sich bei Magna die Elektromobilität künftig dar?
Wir haben mit dem „e1“-eDrive Demonstrationsfahrzeug ein für die Automobilindustrie interessantes Konzept entwickelt. Unser eDrive-Konzept erlaubt eine Vielzahl von Anwendungen, vom Sportwagen bis hin zu Nutzfahrzeugen. Ein innovativer Plattform-Ansatz mit einer skalierbaren E-Maschine macht es möglich, das entsprechend maßgeschneiderte eDrive-Konzept anzubieten.

Das „e1“-eDrive Demonstrationsfahrzeug wird von insgesamt drei Elektromotoren angetrieben. Einer auf der Vorderachse mit bis zu 140 kW Spitzenleistung, zwei auf der Hinterachse, bis zu 280 kW leistend. Wir haben bei der Elektronik zudem auf den Einsatz von Seltenen Erden Metallen verzichtet. Ein Aspekt, der sich künftig durch die Entwicklung neuer Materialien immer mehr durchsetzen wird.

"Verbrenner werden uns noch lange begleiten"

Die Mobilität der Zukunft wird also rein elektrisch sein?
Der Mix macht es. Wir sehen in den kommenden fünf Jahren eine extreme Entwicklung in der Hybridisierung und Elektrifizierung der automobilen Welt. Neue Mobilitätskonzepte wie die Zunahme des Carsharings um 80 Prozent vor allem in großen Städten sind vorprogrammiert. Die klassischen Verbrennungsmotoren werden uns trotzdem noch lange begleiten. Effizienter gestaltet beispielsweise durch die bereits erwähnten Hybridgetriebe von Getrag.

Außerdem wird das automatisierte Fahren deutlich schneller weiterentwickeln. Im Moment haben wir partiell einsetzbare Systeme wie einen Stauassistenten, der bei aller Hilfe immer noch die komplette Aufmerksamkeit des Fahrzeuglenkers beansprucht. Einen Schritt weiter wird es bei 2020 gehen. In diesem nächsten Schritt muss sich der Fahrer faktisch nur noch einer Position befinden, aus der er sofort eingreifen kann.

Ab 2025 sehen wir eine mögliche Umsetzung des vollautomatisierten Fahrens, in der ein Fahrzeuglenker nicht mehr tätig werden muss. Ab diesem Jahr erwarten wir auch einen sehr hohen Anteil an neuzugelassenen Fahrzeugen mit Hybrid- und reinem Elektroantrieb. Weitere 10 Jahre später können wir uns weltweit bis zu 54 Millionen selbstfahrende Automobile vorstellen.

Automatisiertes Fahren und Elektrifizierung müssen aber einhergehen mit gesetzlichen Bestimmungen und einer flächendeckenden Infrastruktur.
Das ist richtig. Wir bei Magna entwickeln die technischen Lösungen und stellen diese für die Automobilindustrie zur Verfügung. Mit einer Vielzahl von Assistenzsystem werden heute schon Unfälle vermieden oder in ihrer Wirkung vermindert. Denken sie zum Beispiel an Tote-Winkel-Warner, die 360-Grad-Kamera, den Kollisionswarner und den damit verbundenen Notbremsassistenten. Künftig werden auch Rückspiegel überflüssig, weil der rückwärtige Bereich durch Kameras beobachtet wird, die ein wesentlich größeres Blickfeld ermöglichen.

Bis 2025 soll in der EU der Schadstoffausstoß von Kraftfahrzeugen nur noch 75 Gramm pro Kilometer betragen. Wie trägt Magna zu diesem Ziel bei?
Mit den bereits angesprochenen E-Drive- und Hybridgetrieben , effizienten Allradantriebsarten, wie unser Flex4 sowie mit Leichtbau-Komponenten. Daneben wird die Entwicklung der 48-Volt-Bordnetze rasant voranschreiten. Diese können unabhängig vom Motor und damit nahezu emissionsfrei sämtliche Verbraucher, wie zum Beispiel die Klimaanlage betreiben. Daneben sorgen sie für eine bessere Rekuperation, die ein Plug-in-Hybrid-Automobil über längere Strecken rein elektrisch fahren lässt.

Womit die Zulieferer zu kämpfen haben

In China soll die Wandlung hin zur E-Mobilität vor allem in den Mega-Cities wie Peking oder Shanghai schnell vorangetrieben werden. Magna gab im April 2016 bekannt, dass Dongfeng Getrag Transmission Co., Ltd., ein 2012 gegründetes 50/50-Joint Venture zwischen Getrag und der Dongfeng Motor Group, mit der Serienproduktion von Getrieben in seinem Werk in Wuhan begonnen hat. Werden die in Zukunft noch gebraucht?
Wir gehen davon aus, dass mit Benzin betrieben Fahrzeuge in China noch eine ganze Weile gebaut werden. Getrag hat dieses Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe spezielle wurde für Front-Quer- Anwendungen in kleinen und kompakten Pkw entwickelt. Dieses Getriebe ist dank seiner Kompaktheit und dem geringem Gewicht ideal auf die Anforderungen des chinesischen Marktes zugeschnitten.

Darüber hinaus kann das automatische Getriebe einen Beitrag zu einem günstigen Flottenverbrauch leisten und die Kraftstoffkosten für den Endkunden senken. Das erste Fahrzeug mit diesem Getriebe ist die viertürigen Limousine Dongfeng A60, die einen Durchschnittsverbrauch von 5,8 Litern auf 100 Kilometer ausweist.

Magna sieht sich für die Zukunft mit Getrag also gut aufgestellt?
Absolut. Magna verfügt über die Systemkompetenz, um den Antrieb der Zukunft zu beherrschen. Dazu gehört ein vollständiges Produktportfolio für unterschiedlichste Antriebsarchitekturen – und die Expertise, diese Architekturen auf Systemebene zu integrieren und zu beherrschen.

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