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Baustelle Gigafactory In Texas geht es für Tesla schneller voran

Das Tesla-Werk in Grünheide, Brandenburg, sieht schon fast fertig aus, doch für den Betrieb fehlen wichtige Genehmigungen. Deshalb könnte die neue Tesla-Fabrik in Austin im US-Bundesstaat Texas früher an den Start gehen.  Quelle: AP

Wegen Verzögerungen im Werk in Grünheide kann Tesla die Nachfrage nicht bedienen. Aber es naht Rettung aus Texas, wo eine weitere Fabrik entsteht. Peinlich für Brandenburg: Texas hat später mit dem Bau angefangen, wird aber wohl früher fertig.

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Für Elon Musk ist es ein Mix aus Erfolg und Dilemma. Erfolg, „weil wir derzeit die beste Nachfrage haben, die wir je gesehen haben“, freut sich der Tesla-Chef. Dilemma, weil sein Unternehmen große Probleme hat, diese zu befriedigen. Bei seinen Bestsellern Model 3 und Model Y beträgt die Wartezeit derzeit je nach Region bis zu acht Wochen, bei den neu überholten Model S und Model X müssen sich Käufer sogar bis zu einem halben Jahr gedulden.

Im Gegensatz zur Konkurrenz liegt das nicht nur am Mangel an elektronischen Bauteilen wegen der weltweiten Chip-Knappheit. Bei Tesla mangelt es derzeit schlicht an Produktionskapazität. Das machen die Verzögerungen in Grünheide, Teslas erstem Werk in Europa, für Musk so ärgerlich. Beim offiziellen Spatenstich im Juni 2020 hatte man intern geplant, schon im Sommer 2021 mit der Produktion des Kompakt-SUV Model Y zu starten und diese dann über die nächsten zwölf Monate voll hochzufahren.

Bislang hat Musk Hoffnung, „dass wir mit der Herstellung Ende des Jahres beginnen können“. Das sagte er am Montag bei einem Besuch in Deutschland. Doch da es wegen eines zusätzlichen Batteriewerks, das eine neue Bürgerbeteiligung erfordert, noch immer an der offiziellen Baugenehmigung hapert, könnte das einfach der berühmt-berüchtigte Optimismus des Tesla-Chefs gewesen sein. Denn selbst wenn es klappt, werden es zunächst nur geringe Stückzahlen sein.

Das bedeutet für den Autobauer, dass er auch die Nachfrage in Europa weiterhin aus seinen Werken im Silicon Valley und Shanghai befriedigen muss. Ausgerechnet jetzt, wo Verfolger wie Volkswagen mit seiner ID-Reihe und Daimler mit seiner Marke Mercedes-Benz EQ in größerem Stil angreifen. Der Kompakt-SUV VW ID.4 zielt auf Model-Y-Käufer, hat in den USA die volle Steuerförderung und bietet außerdem für US-Käufer drei Jahre Gratis-Strom an den Ladestationen der VW-Tochter Electrify America. Und Daimler visiert mit seinem EQS die Zielgruppe von Model S und Model X an. Vor allem im Stammwerk Fremont würde man gerne den Luxusmodellen mehr Priorität einräumen, denn diese werden dort weiterhin exklusiv gefertigt.

Texanische Rettung

Abhilfe kommt aus Texas. Seit Ende Juli 2020 baut Tesla dort, schräg gegenüber vom Flughafen Austin, sein zweites Autowerk in den USA. Es ist nur fünfzehn Minuten von der Innenstadt entfernt. Die Rohbauten für das 1,1 Milliarden Dollar teure Projekt stehen, gigantische Pressen für Fahrzeugteile werden gerade installiert. Sogar Führungen – etwa für Studenten von der nahe gelegenen Universität von Texas – finden bereits statt. Rein äußerlich sieht es zwar so aus, als ob das sieben Wochen früher gestartete Werk in Berlin einen Vorsprung hat. Während in Berlin die Gebäude von außen weitgehend verkleidet sind, geschieht das gerade erst in Austin.

Doch das täuscht. Bereits seit Anfang des Jahres laufen bei Tesla intern Wetten, dass das Werk in Texas früher als das in Deutschland eingeweiht wird. Geplant war, mit der Fahrzeugfertigung in Texas Ende des Jahres zu beginnen. Jetzt könnte es schon im Oktober so weit sein. Dann sollen hier vor allem Model Y vom Band rollen, von denen Musk meint, dass es „wahrscheinlich schon Mitte nächsten Jahres das bestverkaufte Fahrzeugmodell der Welt“ werden könnte. Danach sollen Cybertrucks hergestellt werden und – falls genügend Akkukapazität vorhanden ist – auch der Sattelzug Semi.

Die Model Y aus Texas waren ursprünglich vor allem für die US-Ostküste gedacht, jetzt werden sie die verzögerten Lieferungen in Berlin ausgleichen müssen, zumindest bis in die zweite Jahreshälfte 2022. Der Fortschritt in Texas ist umso beachtlicher, da nicht nur die Bauarbeiten in Grünheide sieben Wochen früher starteten, sondern der Planungs- und Genehmigungsprozess schon im Sommer 2019 begann.



In Texas lagen hingegen nur wenige Wochen zwischen Genehmigung und Baustart. Noch im Juni 2020 machten sich die Gouverneure von Oklahoma und Tennessee Hoffnungen auf ein Tesla-Werk. Die Wahl fiel dann auf Austin. Texanische Wirtschaftsförderer winkten mit Steuererleichterungen in Höhe von mindestens 50 Millionen Dollar. Zudem hatte Tesla die Region schon mal 2014 unter die Lupe genommen, als Musk das erste Akku-Werk plante. Damals erhielt Reno in Nevada den Zuschlag. In Oklahoma hätte Tesla sogar noch höhere staatliche Zuschüsse bekommen können. Doch der Standort in Texas machte vor allem wegen seiner Nähe zur Landeshauptstadt Austin das Rennen.

Dort ist im Schatten des IT-Technologiekonzerns Dell ein zweites Silicon Valley entstanden, das Talente aus aller Welt anzieht. Apple hat dort einen Campus ebenso wie der Halbleiterkonzern AMD. Der SAP-Wettbewerber Oracle, gegründet von Tesla-Aufsichtsrat Larry Ellison, hat jüngst sogar gleich seinen Hauptsitz aus dem Silicon Valley nach Austin verlegt. Das Hauptquartier von Hewlett Packard Enterprise ist ebenfalls nach Texas gewandert. Am Nordrand der Ölmetropole Houston wird gerade ein neuer Campus gebaut.

Das neue Silicon Valley?

Die Flucht aus Kalifornien hat vor allem zwei Gründe: Steuern und Bürokratie. Texas erhebt keine zusätzliche Landes-Einkommenssteuer für seine Einwohner wie Kalifornien. Auch die Steuern für Unternehmen sind niedriger. Und obwohl die Grundsteuer in Texas höher ist, werden Baugenehmigungen innerhalb von Wochen erteilt, unter anderem weil die Auflagen für den Umweltschutz und die Vorgaben für die Gebäude liberaler sind.

Musk ist nicht nur ein Fan von Texas geworden, sondern ist im Herbst vergangenen Jahres privat dorthin gezogen. Er wohnt abwechselnd in Austin und in Boca Chica. In dem Ort am Golf von Mexico unterhält sein Raumfahrtunternehmen SpaceX ein Testgelände. Mehr noch, dort plant Musk sein eigenes Sternenstädtchen namens „Starbase“. Dafür kauft er momentan in großem Stil Grundstücke zusammen – auch gegen den Widerstand Einheimischer.

Um das neue Werk in Austin, am Colorado River gelegen, soll wiederum ein parkähnlicher Campus entstehen, laut Musk ein „ökologisches Paradies.“ Derzeit wird eine zusätzliche Fabrik geplant – Projektname Bobcat – in der wahrscheinlich Akkus produziert werden. Das Gelände schließt direkt an „Giga Austin“ an. Die Genehmigung ist erst am 30. April bei der Stadt Austin eingereicht worden, doch anders als in Brandenburg ist hierfür kein Bürgerbegehren nötig.

Teslas Präsenz in Austin ist nicht unumstritten. Langjährige Bewohner fürchten, dass ihre einst so heimelige Stadt wie das Silicon Valley endet – mit verstopften Highways, exorbitanten Hauspreisen und Lebenshaltungskosten. Und dass die „Invasion aus Kalifornien“ nur hoch bezahlte Hightech-Jobs schafft, während geringer Qualifizierte wegen der galoppierenden Kosten immer weiter ins Umland ziehen müssen. Genau wie im Silicon Valley, wo Unternehmen wie Facebook mittlerweile sogar Wohnungen für Feuerwehrleute, Lehrer und Polizisten subventionieren, damit die Infrastruktur nicht zusammenbricht.

Kürzlich hat Musk getwittert, statt der ursprünglich versprochenen 5000 Arbeitsstellen bei Tesla in Austin „über zehntausend Leute allein in 2022 zu benötigen.“ Allerdings offeriere Tesla auch viele Jobs, für die kein Studium nötig sei. Bei anderen Stellen will der Konzern mit örtlichen Schulen kooperieren, um eine berufsbegleitende Ausbildung anzubieten. Ob Musk all diese Zusagen halten kann, muss sich zeigen. Die staatlichen Zuschüsse sind jedenfalls an das Schaffen von Jobs geknüpft. 

Auch sonst ist in dem Ölstaat nicht alles eitel Sonnenschein: Landespolitiker haben dem Elektroautohersteller im Bund mit traditionellen Autobauern und deren Händlern immer wieder Steine in den Weg gelegt. So kann Tesla im Gegensatz zu vielen anderen US-Bundesstaaten in Texas seine Fahrzeuge nicht direkt über seine Niederlassungen an Kunden verkaufen. Ein kürzlich von sowohl Republikanern als auch Demokraten eingebrachtes Gesetz soll das ändern. Es hätte sonst zu der absurden Situation geführt, dass Tesla seine in Austin produzierten Autos in andere Bundesstaaten hätte transportieren müssen, um sie von dort aus texanischen Käufern zu offerieren. Beobachter erwarten, dass das Gesetz passiert.

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Es scheint, als habe die stattliche Tesla-Präsenz in Texas einiges bewirkt. Auch vor diesem Hintergrund ist der Bau in Brandenburg zu verstehen: Musk hatte Deutschland bewusst als Standort für seine erste europäische Fabrik gewählt, obwohl ihm dessen berüchtigte Bürokratie bewusst war. Musks Kalkül war, nicht nur Talente von Volkswagen, BMW und Daimler abzuwerben, sondern auch mit „Made in Germany“ die Herzen von deutschen und europäischen Autokäufern zu gewinnen. 

Ob das die Verzögerungen beim Bau ausgleicht, wird die Zukunft zeigen.

Mehr zum Thema: Tesla hat Probleme – aber ganz andere als von Skeptikern prophezeit. Der verzögerte Bau der Fabrik in Brandenburg wird diese verschärfen.

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