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China-Krise Wie ein deutscher Autozulieferer in den Evergrande-Sturm geriet

Elektroauto Sion des Münchner Start-ups Sono Motors: Das Solar-Elektroauto soll in einer schwedischen Fabrik von Evergrande gebaut werden. Quelle: Sono Motors

Der chinesische Krisenkonzern Evergrande setzte nicht nur auf Immobilien, sondern wollte auch zum „größten und stärksten“ Elektroauto-Anbieter der Welt aufsteigen – mit deutscher Unterstützung.

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Ein weißer Sportwagen düst durch grünende Landschaft, Wellen tosen, dazu ein paar Lichtreflexionen vom Potsdamer Platz und der Slogan: „Empower Sustainable Mobility of Tomorrow“. So sieht sie aus, die Homepage des Unternehmens Evergrande Hofer Powertrain. Die Gesellschaft mit Firmensitz in Berlin wurde Mitte 2019 zur Entwicklung und Produktion von elektrischen Antrieben gegründet.

Seither kümmert man sich um die Umsetzung von Zukunftstechnologien im Bereich elektrischer Antriebsachsen, um Batterielösungen, Software und Elektronik für E-Autos. Doch welche Zukunft das Unternehmen selbst hat, scheint derzeit offen: Denn der Autozulieferer gehört mehrheitlich zum Reich des hochverschuldeten chinesischen Immobiliengiganten Evergrande, der seit Tagen um sein finanzielles Überleben kämpft. 

Die rund 1300 Immobilienprojekte, die Evergrande in China betreibt und entwickelt, sind Kern des Geschäfts – und der Probleme. Doch um die Umsätze zu steigern, wucherte Evergrande in den vergangenen Jahren zum Konglomerat und investierte in Geschäftsfelder wie Versicherungen, Mineralwasser, Fußball und eben Elektroautos. 

Für seine E-Auto-Sparte hatte Firmengründer Xu Jiayin besonders hochtrabende Pläne und brachte den Ableger „China Evergrande New Energy Vehicle Group“ sogar separat an die Börse. Innerhalb von fünf Jahren wolle er Evergrande so zum „größten und stärksten“ E-Auto-Anbieter der Welt machen, berichteten Medien im vergangenen Jahr. Xu strebe den jährlichen Verkauf von einer Million Autos pro Jahr an, also einen doppelt so hohen Absatz wie Tesla. Dazu sollen 15 neue Modelle an den Start gebracht werden – bei Tesla sind es gerade Mal vier. 

Anders als Tesla hat Evergrande aber außer großen Tönen bislang nicht viel hervorgebracht. Auf ein in Serie gebautes E-Auto warten die Aktionäre bislang vergeblich. Die Elektroauto-Aktivitäten erschöpften sich im Wesentlichen im vorübergehenden Einstieg beim amerikanisch-chinesischen E-Auto-Startup Faraday Future sowie dem Zukauf der Überreste der schwedischen Automarke Saab. Mehrere Milliarden Dollar soll Xu in Zukäufe und den Aufbau von Produktionskapazitäten gesteckt haben. 

Dabei sollte auch die Kooperation mit der deutschen Hofer-Gruppe helfen. Beide Unternehmen gründeten Mitte 2019 das Gemeinschaftsunternehmen Evergrande Hofer Powertrain, an dem die Chinesen seither zwei Drittel der Geschäftsanteile halten. Das Joint Venture sei zustande gekommen, „um den Anlauf der Produktion in China zu gewährleisten“, teilt ein Sprecher der Hofer Powertrain auf Anfrage mit. Ziel war es demnach, die von Hofer entwickelte elektrische Antriebseinheit, Electric Drive Unit (EDU) „für Evergrande zu industrialisieren und bis zu 15.000 Stück lokal zu produzieren“. Doch dazu kam es bislang offenbar nicht.  

Wie es mit dem chinesisch-deutschen Joint Venture nun weitergeht, lässt der Unternehmenssprecher offen. Nur so viel: Das Joint Venture „ist offen für weitere Partnerschaften und gemeinsam mit Hofer Powertrain bereit, Engineering-, Industrialisierungs- und Produktionsprojekte anzunehmen.“ Das scheint auch notwendig. Die Verbindlichkeiten des Gemeinschaftsunternehmens lagen laut der letzten verfügbaren Bilanz bei rund 56 Millionen Euro. Dass Evergrande aktuell bereit und in der Lage ist, weiter zu investieren, scheint unwahrscheinlich.

Wenig Glück mit Evergrande hatte auch Faraday Future. Im August 2018 kauften die Chinesen für 854 Millionen Dollar 45 Prozent des E-Auto-Start-ups. Aber schon im Oktober stellte Evergrande den Deal wieder in Frage, was zu einem Gerichtsstreit der beiden Firmen führte. Es folgten Massenentlassungen bei Faraday Future und eine Insolvenz des Gründers Jia Yueting. Der frühere Chefentwickler des BMW i8, Carsten Breitfeld, löste ihn an der Spitze des Unternehmens ab.

Ein ähnlicher Wackelkandidat wie Faraday Future scheint der Saab-Nachfolger National Electric Vehicle Sweden (NEVS) zu sein. Evergrande war Anfang 2019 dort eingestiegen, Ende 2020 übernahmen die Chinesen die Firma dann vollständig. Der Zukauf dürfte Evergrande bis zu zwei Milliarden Dollar gekostet haben – eine erstaunlich hohe Bewertung angesichts der Tatsache, dass das Unternehmen bislang nur ein altes Modell auf Basis des Saab 9-3 im Angebot hat. Im Sommer 2020 präsentierte NEVS eine Reihe neuer Modelle der Marke Hengchi. 2021 sollten schon 100.000 Stück des SUV Hengchi 1 gebaut werden, versprach NEVS.

Bislang ist über einen Produktionsstart allerdings nichts bekannt. Vielmehr scheint Evergrande in der aktuellen Krise den E-Auto-Arm versilbern zu wollen. Angeblich verhandelt der Konzern über einen Verkauf des ganzen Segments an den chinesischen Smartphone-Hersteller und Apple-Konkurrenten Xiaomi. Der plant schon länger den Einstieg ins E-Auto-Geschäft und gab unlängst den Startschuss für die mit rund 1,3 Milliarden Euro ausgestattete E-Auto-Tochter Xiaomi EV Company Limited. 

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Neben dem Zulieferer Hofer dürfte noch ein weiteres Unternehmen der deutschen Autoindustrie die Krise bei Evergrande und den möglichen Verkauf der Auto-Sparte gespannt verfolgen: Das Münchner E-Auto-Start-up Sono Motors, das Elektroautos mit Solardächern baut, will sein erstes Modell Sion in der ehemaligen Saab-Fabrik in Trollhättan produzieren lassen. Die Fabrik gehört zur Evergrande-Tochter NEVS.

Sono Motors dürften die Turbulenzen in China reichlich ungelegen kommen. Das Start-up ist mit seinem ungewöhnlichen E-Auto nach jahrelanger Entwicklung endlich auf der Zielgeraden, konnte unlängst frisches Kapital einwerben und bereitet nun die Serienproduktion vor. Noch sind die Münchner optimistisch: „Die Produktion des Sion ist von der Restrukturierung unseres Partners NEVS nicht betroffen“, heißt es bei Sono Motors. Die Vorbereitungen der Serienproduktion ab 2023 liefen planmäßig.

Mehr zum Thema: Der chinesische Immobilienriese Evergrande wankt, das weckt böse Erinnerungen an Lehman Brothers. Doch die Furcht ist unbegründet. Ein Kommentar.

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