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Chinesische Autos Jetzt geben die alten Hasen mit Qoros Gas

Der chinesisch-israelische Autohersteller Qoros wird das große Thema des Genfer Auto-Salons. Kein Aussteller bedient sich so exzessiv früherer Mitarbeiter der Konkurrenz, um diese anzugreifen.

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Qoros hat auf dem europäischen Markt so große Chancen, wie noch kein chinesischer Autobauer zuvor. Quelle: AP/dpa

Aus Klaus Schmidt sprudelt es nur so heraus. Wenn der 57-Jährige spricht, dann grinst er, bewegt Arme und Beine und rutscht auf dem Stuhl, also wolle er sich von den Massen draußen vor seinem Büro mitreißen lassen. Wie ein mächtiger Strom ergießen sich die Menschen und Autos zwischen die Wolkenkratzer des Businessviertels Lujiazui in Shanghai. Mittendrin, gegenüber dem futuristischen Wahrzeichen der 15-Millionen-Einwohner-Stadt, dem Pearl Tower, prangt ein riesiges Plakat und auf diesem ein Auto.

Es ist der Qoros 3.

Noch nie wurden einem Pkw aus chinesischer Fabrikation auf dem Weltmarkt solche Chancen eingeräumt wie der Limousine mit dem seltsamen Kunstnamen. Stets haperte es bei Autos made in China am Design und an der Sicherheit. Doch beim Qoros ist alles anders. Vom 6. bis zum 16. März ist das Fahrzeug das große Thema auf dem Auto-Salon 2014 in Genf. 2015 soll der Qoros in Deutschland auf den Markt kommen und bekannten Kompaktwagen wie dem VW Golf, dem Opel Astra oder der A-Klasse von Mercedes Konkurrenz machen.

Pionier statt Rentner

Schmidt kann sich vor Energie kaum auf seinem Stuhl halten. Er ist einer derjenigen, die den Qoros 3 bauen. 30 Jahre hatte der gelernte Ingenieur erfolgreich für BMW die M-Serie mit entwickelt. Eigentlich hätte er sich langsam auf den Ruhestand vorbereiten können, mit einem ordentlichen Gehalt, viel Freizeit und umgeben von angenehmen alten Kollegen.

Doch dann erhielt Schmidt 2010 das Angebot, in Shanghai ein ganz neues Auto zu bauen; ein Auto, von dem niemand wusste, ob es jemals wirklich das Werk verlassen würde; für ein Unternehmen, das 2007 von einem ehemals staatlichen israelischen Chemie-, Energie-, Schiffbau- und Logistikkonzern namens Israel Corporation und dem chinesischen Autobauer Cherry gegründet wurde und dessen Namen auch innerhalb Chinas kaum einer kannte; mit einer Belegschaft, die aus allen Teilen der Welt zusammengekauft wurde; und mit einer Führungscrew, deren Mitglieder einst bei den erlesensten Adressen der globalen Autoindustrie und damit den künftigen Konkurrenten von Qoros arbeiteten.

Friedrich Major. Quelle: Presse

„Wir sind Pioniere, wir konnten hier ein weißes Blatt Papier beschreiben“, sagt Ex-BMW-Manager Schmidt, der heute die Fahrzeugentwicklung von Qoros leitet.

Die Abtrünnigen

Wenn Schmidt „wir“ sagt, dann meint er nicht nur, aber auch die Gruppe der Top-Manager bei Qoros, die aus Sicht ihrer früheren Arbeitgeber Renegaten sind. So bezeichnen kommunistische Parteien die schlimmsten aus ihren Reihen, die Abtrünnigen.

Federführend und das Gesicht von Qoros ist ein 70-Jähriger: Volker Steinwascher, stellvertretender Vorsitzender des Unternehmens und ehemals in wichtiger Position bei Volkswagen. Steinwascher leitete das Amerika-Geschäft der Wolfsburger und hätte seinem ehemaligen Arbeitgeber gerne noch länger gedient. Doch er durfte nicht. Bis heute sieht er sich als „Opfer des Jugendwahns in deutschen Unternehmen“.

Seitdem Steinwascher für Qoros arbeitet, ist er für VW-Chef Martin Winterkorn, wohlwollend betrachtet, eine persona non grata, eine unerwünschte Person. Beim Genfer Auto-Salon vor einem Jahr soll es am Qoros-Stand zu einem „nicht netten Gespräch“ zwischen Winterkorn und seinem Ex-USA-Chef gekommen sein, berichten Beobachter.

Großer Handlungsspielraum

Ist der Qoros ein Kracher oder ein Blindgänger?
Chinesische Autos haben in Deutschland einen lausigen Ruf. Kollabierende Karossen bei Crashtests von ADAC bis NCAP fuhren bislang alle Bemühungen chinesischer Autobauer, hierzulande Fuß zu fassen, im wahrsten Sinn des Wortes bereits im Ansatz vor die Wand. Der "Landwind" ging 2005 erst gar nicht in den Verkauf, der "Brilliance" überlebte ab 2008 kaum ein ganzes Jahr. Was bislang sonst von chinesischen Auto-Bändern rollt, kann allenfalls als dreiste Design-Kopie von sich reden machen. Nun wird ab 2014/15 Qoros den nächsten Versuch starten, die Autos aus dem Reich der Mitte in unseren Breiten zu etablieren ... Quelle: Presse
QorosDer chinesische Autohersteller stellt den Qoros 3 in seiner Fließheck-Variante vor. Neu sind hier die geänderte C-Säule, das verlängerte Dach und die neugestaltete Heckpartie. Auch die Frontseite des Modells weist Neuerungen auf: Nebelscheinwerfer und eine geänderte Stoßstange. Bereits bekannt ist der 1,6-Liter-Vierzylinder wahlweise mit oder ohne Turboaufladung. Quelle: Presse
Chef ist der Chinese Guo Qian (re.). Als Vizechef agiert Volker Steinwascher (mi.), bis 2005 Vice Chairman von VW in America. Das Design in München und Shanghai leitet Gert Volker Hildebrand (li.), der schon das Design für den Mini verantwortete. Damit ist der Anspruch der neuen Marke klar: Man will mit einem sehr eigenständigen Design eine anspruchsvolle Kundschaft erreichen, die großen Wert auf Sicherheit, Komfort und modernste Technik legt. Quelle: Presse
Mit Volker Steinwascher haben die Chinesen eine weise Personalentscheidung getroffen. Der Ex-Manager von VW muss als Unruheständler niemandem mehr etwas beweisen und kann mit sportlichem Elan das Projekt zum Erfolg führen. Seine Devise für die technische Ausrichtung der neuen Marke könnte unter der Überschrift stehen: "Keine Antworten auf Fragen suchen, die niemand gestellt hat." Also kein Overengineering betreiben, wie das deutsche Marken gerne zelebrieren. Dass preiswerte, sichere, zeitlos gezeichnete und sauber gefertigte Autos immer noch ein gültiges Erfolgsmodell im Autobau sind, beweist zum Beispiel Skoda mit seiner beeindruckenden Entwicklung. Bei den Tschechen funktioniert die Autowelt ohne Schickimicki, Firlefanz und dem immer wieder beschworenen "Premium-Charakter". Quelle: Presse
Qoros aus China plant, alle sechs Monate ein neues Modell folgen zu lassen und arbeitet mit anerkannten Spezialisten wie Magna Steyr, Bosch, Continental und TRW zusammen. Um den neuen Limousinen, Kombis und SUV der Mittelklasse Formen zu verleihen, die auch in Europa gegen den starken Wettbewerb bestehen können, wurde Gert Hildebrand engagiert. Der 59-jährige Designer war nicht zuletzt für die Formsprache von Mini verantwortlich. Die neuen Modelle von Qoros sollen mit "German Sophisticated Design" überzeugen. Dafür arbeiten drei Teams in München, Graz und Shanghai mit insgesamt 75 Spezialisten bereits unter Hochdruck. Quelle: Presse
Die Scheinwerfer mit LED-Tagfahrlicht reichen weit in die Seite hinein, unterstreichen so ebenfalls die Breite, aber auch den langen Radstand und die kurzen Überhänge. Quelle: Presse
Die Bedienung von Fahrzeug und Infotainment soll nach Apple- und Smartphone-Art über ein Acht-Zoll-Touchscreen gesteuert werden. Das System verbindet den ersten Qoros mit dem Internet. Es können zum Beispiel Servicetermine verabredet, im Falle eines Unfalls ein automatischer Notruf abgesetzt und eine Point-of-Interest-Suche ausgelöst werden. Die Verkehrsinformation erfolgt in Echtzeit. Dieses Paket soll bei allen weiteren Modellen als Standard eingesetzt werden. Quelle: Presse

Steinwascher und Ex-BMW-Manager Schmidt bewegen sich meist unter ihresgleichen. An ihrer Seite arbeitet so manch anderer alter Autohase. Einer von ihnen ist der ehemalige Opel- und Volkswagen-Manager Friedrich Major. Der 63-Jährige leitet die Logistik und Produktion bei Qoros und stieß als einer der Ersten zu der chinesisch-israelischen Firma. „Nach meinem letzten Projekt bei Volkswagen in Wolfsburg wollte ich mich allmählich auf den Ruhestand in Südafrika einstimmen“, sagt Major.

Doch es kam anders. Ein Bekannter aus früheren Tagen fragte ihn, ob er Lust habe, das Projekt hier mitaufzubauen. Viel überlegte Major nicht, erinnert er sich. „Ich hatte seit Langem eine große Faszination für China.“ Also zog Major 2009 nach Shanghai.

Inzwischen schwärmt der Ex-VW-Manager von der Freiheit bei dem Autobauer auf der grünen Wiese. „Unsere Organisation ist nicht starr, viele Prozesse sind flexibel und noch nicht voll standardisiert“, sagt er. „Das gibt uns großen Handlungsspielraum.“

Platz für Neues

Auch Martin Meßler, heute 59 Jahre alt, hatte eigentlich begonnen, sich aufs Altenteil einzustellen. Nach einer Karriere beim Autobauer Ford mit mehreren Auslandsstationen wollte er es ein bisschen ruhiger angehen lassen. Es kam anders, denn er leitet jetzt die Produktionstechnik bei Qoros. „Für manche Kollegen und Freunde war mein Gang nach China befremdlich“, sagt Meßler.

Volker Steinwascher. Quelle: Presse

Der Endfünfziger bereut seinen Schritt nicht im Geringsten. „Für mich war es das Beste, was mir passieren konnte.“ Das Umfeld in Europa habe er langsam als „destruktiv“ empfunden, weil es nur noch darum gegangen sei, bestehende Prozesse kostengünstiger und effizienter zu gestalten. „Für wirklich Neues ist kein Platz mehr“, sagt er.

Die Altersgrenze, hinter der viele an dolce far niente denken, hat auch Gert Volker Hildebrand gerade überschritten. Der 60-Jährige ist der Designchef von Qoros. In seinem früheren Berufsleben war er für Opel und VW tätig und entwarf für BMW unter anderem den ersten Mini der neuen Generation, der 2001 die Wiederbelebung der britischen Kultmarke einleitete.

Gemütlich hat es der hochgewachsene Freund feiner Maßanzüge bei seinem neuen Arbeitgeber nicht. Immer wieder muss er von Shanghai nach München fliegen, wo das europäische Designzentrum des Konzerns sitzt. Ihm bleibt nur, den Jetlag zu ignorieren. „Das geht nicht anders“, sagt Hildebrand. Die meisten seiner ehemaligen Kollegen haben sich in den Ruhestand verabschiedet. „Ich wollte aber weiterarbeiten“, meint er. Das Projekt Qoros habe zwei Sorten von Leuten angezogen: alte Haudegen, die es noch einmal wissen wollten – und Pioniertypen, die das Abenteuer reizt.

Angesteckt vom "China Bug"

Zu Hildebrands jüngeren Kollegen gehören Alexander Wortberg, Philipp Eberl und Christian Classon. Wortberg, gerade mal 40 Jahre alt, leitet die Produktion von Qoros. Classon, nur vier Jahre älter, hat den Karosseriebau im Werk in Changshu, eineinhalb Autostunden nördlich von Shanghai, unter sich. Und Eberl, mit 36 Jahren der jüngste der drei, verantwortet das Qoros-Designbüro in München.

Das Trio ließ sich vom „China-Bug“ anstecken, wie Infizierte die suchtartige Faszination des Landes nennen. Produktioner Wortberg hatte sich den Virus in Shenyang in Nordostchina eingefangen, wo er zweieinhalb Jahre für BMW arbeitete. Ihn begeistert der Vorwärtsdrang der Chinesen und ihre Bereitschaft, dafür Entbehrungen in Kauf zu nehmen. „Etwas, das ich in Deutschland eigentlich nicht kenne“, sagt er. Als er seinen Kollegen und Freunden von Qoros erzählte, hätten die mit Verwunderung reagiert. „Warum willst du weg aus München? Es ist doch wunderschön hier“, hätten die gesagt.

Eine Riesenchance

Die Stars des Genfer Autosalons
McLaren 650S 650 PS und eine Spitzengeschwindigkeit von 333 km/h: Mit dem 650S präsentiert McLaren ein Fahrzeug für Tempofreunde und eine Weiterentwicklung des MP4-12C. Der schnittige Renner wird von einem 3,8-Liter-Biturbo-V8 zu Spitzenleistungen angetrieben: Von Null auf Tempo benötigt der 650S genau drei Sekunden. Die 200er-Marke knackt er in 8,4 Sekunden. Der Preis für den Sportwagen: mindestens 231.500 Euro. Quelle: dpa
McLaren 650S SpiderNeben dem Coupé bietet McLaren sein PS-Monster 650S auch als Cabrio an. Der Spider ist technisch identisch mit der geschlossenen Variante. In beiden Fällen ist der Innenraum mit Alcantara ausgekleidet. Wer den Fahrtwind im neuen McLaren-Cabrio genießen will, muss allerdings Abstriche bei der Spitzengeschwindigkeit machen. Statt 333 schafft die Cabrio-Variante "nur" 329 Stundenkilometer. Beim Verbrauch soll es hingegen keine Unterschiede zwischen Coupé und Cabrio geben: Beide schlucken 11,7 Liter. Quelle: AP
C4 Cactus Aventure "Auf ins Gelände", ruft Citroën mit dieser Fahrzeug-Studie. Der Aventure ist die Off-Road-Variante des C4 Cactus. Verstärkt, höhergelegt und mit geländetauglichen Reifen und Felgen soll der Fünftürer Abenteurer sicher durch die Wildnis bringen. Die kleinen Luftkissenpolster an der Seite dienen angeblich als zusätzlicher Schutz. Angetrieben wird der Aventure von einem Benzin- (82 oder 110 PS) oder Dieselmotor (92 oder 100 PS). Mehrere verbaute GoPro-Kameras sollen jedes Abenteuer im Bild festhalten. Quelle: AP
Jaguar F-Type Die britische Luxusmarke bringt den Super-Sportler F-Type als Coupé nach Genf mit. Gezeigt wurde er davor schon auf der LA Auto Show und in Tokyo. Jetzt steht er zum ersten Mal auf europäischen Boden. Im Mai 2013 hatte Jaguar den Nachfolger des legendären E-Type auf die Straße gebracht - bisher nur als Cabrio. Jetzt kommt das 550-PS-Geschoss (R-Version von 0 auf 100 km/h in 4,2 Sekunden) in der geschlossenen Version. Sie basiert auf dem 2011 auf der IAA vorgestellten Studie C-X16. Kostenpunkt: Zwischen 67.000 und 104.000 Euro. Quelle: AP
Ferrari California TMit dem Nachfolger des California geht Ferrari neue Wege. Erstmals arbeitet ein neu entwickelter V8-Turbo unter Haube. Der bringt den Sportwagen auf 560 PS und 755 Nm Drehmoment, ein satter Leistungsgewinn im Vergleich zum Vorgänger-Modell. Von Null auf Hundert schafft es der California T in 3,6 Sekunden. An der Optik hat Ferrari hingegen wenig geändert. Auch verwandelt sich der Sportwagen weiterhin auf Knopfdruck von einem Coupé in ein Cabrio. 14 Sekunden soll das Einklappen des Dachs dauern. Quelle: REUTERS
Volvo Concept EstateMit dem Concept Estate zeigt Volvo in Genf das letzte von drei Fahrzeugkonzepten. Wie bei den beiden vorherigen Studien Concept Coupé und XC Coupé wird die Frontpartie von den T-förmigen Scheinwerfer und den konkaven Kühlergrill geprägt. Das Kombi-Konzept orientiert sich am Design des als "Schneewittchen-Sarg" bekannten Volvo 1800 ES aus den 1970er Jahren. Der Innenraum ist schlicht gehalten: Ein Touchscreen auf der Mittelkonsole ersetzt die meisten Schalter und Regler und wird so zum zentralen Element im Cockpit. Quelle: REUTERS
Range Rover Evoque „Autobiography Dynamic” Von außen sind die Autobiography Dyamic Modelle der Briten durch ein höherwertig gestaltete Karosserie zu erkennen - unter anderem gibt es diamantgedrehte 20-Zoll-Alu-Schmiederäder, neue Designelemente in Atlas Silver und eine tiefer gezogene Frontschürze mit modifizierten Nebelscheinwerfereinfassungen sowie seitlichen Lufteinlässen. Im Innenraum gibt es viel Leder mit Bezügen in insgesamt sechs Farbkombinationen. Mit 285 PS und 400 Nm starkem 2,0-Liter-Benzin-Motor kommt diese Evoque-Variante noch sportlicher daher. Auch das Neungang-Getriebe wurde neu abgestimmt. Quelle: Range Rover

Wortberg räumt ein, dass es Abenteuerlust brauche, um in China etwas zu bewegen. Dafür werde man aber reich belohnt. „Bei Qoros ist das von vielen Firmen gewünschte ,Unternehmertum im Unternehmen‘ Realität“, sagt er. „Ideen werden hier sehr schnell umgesetzt, es gibt keine langen Gremiendurchläufe. Das fühlt sich unglaublich gesund an.“

Karosseriebauer Classon hatte bereits Auslandserfahrung in Europa und den USA, wo er für Ford arbeitete, zuletzt als Programmmanager für die Fertigung. Doch als er ankündigte, nach China gehen zu wollen, fragten ihn manche Kollegen, ob mit ihm etwas nicht stimme. „Aber ich wollte nicht mehr in einem reaktiven Umfeld arbeiten, in dem man bestimmt wird, anstatt etwas zu bestimmen“, sagt Classon. Für seinen Kollegen Eberl aus München war Qoros schlicht die Riesenchance. Wer schafft es im Alter von Mitte 30 schon an die Spitze eines Autodesignbüros?

Droge Innovation

Eberl, Steinwascher, Schmidt und Classon gehören bei Qoros zu einem internationalen Team mit insgesamt 138 nicht chinesischen Mitarbeitern. Davon sind 21 Deutsche. Sie bilden zusammen mit Schweden, von denen viele nach der Pleite des skandinavischen Autobauers Saab zu Qoros kamen, das größte Kontingent an Ausländern. Die Arbeitsbelastung der Zugereisten scheint enorm. Seitdem er bei Qoros sei, sagt Fahrzeugentwicklungschef Schmidt, habe er an kaum einem Tag weniger als zehn Stunden gearbeitet und zudem viele Wochenenden im Büro verbracht. „Das merke ich gar nicht“, sagt er, lacht wieder und zappelt auf seinem Stuhl.

Gert Hildebrand. Quelle: Presse

Offenbar entfaltet die Droge, etwas Neues schaffen zu können, nicht nur auf den Ex-BMWler eine stimulierende Wirkung. „Das Team um Qoros ist hoch motiviert“, sagt Autoexperte Jochen Siebert von der Unternehmensberatung JSC in Shanghai. Die meisten von ihnen hatten bereits eine beeindruckende Karriere in der Autobranche hinter sich. Sie suchten die Möglichkeiten und Freiheiten, die sie bei der Entwicklung eines neuen Autos haben. „Bei ihren ehemaligen Arbeitgebern hätten sie sich auf das Rentnerdasein vorbereiten müssen.“

Dabei verdienen die internationalen Spezialisten nicht einmal besonders viel Geld in China. Für das Qoros-Werk in Changshu sollen sie nur etwa 70 bis 80 Prozent des Budgets gehabt haben, das etablierte Autokonzerne für ein solches Projekt veranschlagen. Insgesamt standen Qoros-Vizechef Steinwascher 2,57 Milliarden US-Dollar für den Bau einer Fabrik mit einer Kapazität von maximal 150 000 Autos pro Jahr zur Verfügung, knapp ein Sechstel des Ausstoßes von VW in Wolfsburg. Erst langfristig soll die Produktion auf 450 000 Wagen pro Jahr steigen. In den 2,57 Milliarden US-Dollar sind alle wichtigen Investitionen enthalten, vom Marketing über die Produktion bis zum Vertrieb.

Geld war nicht der Grund

Für die angeheuerten Ausländer ist Geld offenbar nicht alles. Die Bezahlung sei gut, heißt es, aber auf keinen Fall exorbitant. Rechne man die vielen Heimflüge und die höheren Lebenshaltungskosten in China mit ein, hätten manche bei ihrem alten Arbeitgebern ein besseres Auskommen gehabt – so man sie gelassen hätte.

Geld, sagt Klaus Schmidt, sei auch nicht der Grund gewesen, für dieses Projekt noch einmal die Ärmel hochzukrempeln. „Bei Qoros haben Freiheit und Möglichkeiten, etwas zu gestalten, die Motivation ausgemacht.“ Ein Glücksmoment für ihn war es, als der erste Prototyp aus dem Werk fuhr. China verlassen möchte Schmidt noch nicht. Er hat noch ein paar Ideen, die er gerne umsetzen möchte.

Qoros wird erstmals ernst genommen

Chinas Autobauer auf dem Vormarsch
10. BAICDie Beijing Automotive Industry Holding ist die Dachgesellschaft des fünftgrößten Fahrzeug- und Automobilproduzenten der Volksrepublik. BAIC unterhält mehrere Joint-Venture etwa mit Daimler und Hyundai. Am 1. Februar 2013 unterzeichneten BAIC und Daimler eine Vereinbarung, nach der sich die Schwaben mit 12 Prozent an BAIC Motor, der Pkw-Sparte des Konzerns, beteiligen wird. Anzahl exportierter Fahrzeuge 2012: 50.869 Veränderung zu Vorjahr: +18% Quelle: AP
9. Chang'anDer Konzern existiert seit 1988 und baut jährlich über 300.000 Fahrzeuge in fünf über ganz China verteilten Werken. Seit 2001 unterhält Chang'an ein Joint-Venture mit Ford und produziert den Ford Mondeo und Focus für den chinesischen Markt. Auch der französischen Konzern PSA kooperiert mit Chang'an im Kleinwagensegment. Anzahl exportierter Fahrzeuge 2012: 51.933 Veränderung zu Vorjahr: -35% Quelle: Presse
8. GACDie GAC Gonow Auto Co gehört seit Frühjahr 2010 zur Guangzhou Auto Group und stellt vor allem Nutzfahrzeuge und SUV her. Die Autos laufen unter der Marke Gonow. Seit 2006 unterhält Gonow ein Joint Venture mit der italienischen DR Motor Company, gemeinsam produzieren sie zwei SUV-Modelle unter dem Namen Kata Gonow. Anzahl exportierter Fahrzeuge 2012: 52.952 Veränderung zu Vorjahr: +71% Quelle: Creative Commons-Lizenz
7. JACDie Anhui Jianghuai Automobile wurde 1964 gegründet und produziert aktuell mehr als 330.000 Pkw. Anzahl exportierter Fahrzeuge 2012: 57.210 Veränderung zu Vorjahr: -15% Quelle: Creative Commons-Lizenz
6. DongfengDas Unternehmen mit dem schönen Namen "Ostwind" entstand 1969 als Second Automotive Works. Heute beschäftigt Dongfeng rund 130.000 Mitarbeiter und ist als Aktiengesellschaft an der Börse Hongkong gelistet. Dongfeng gilt als einer der größten, wenn nicht der größte Lkw-Bauer der Welt. Seit 2003 baut der Konzern auch Pkw. Anzahl exportierter Fahrzeuge 2012: 84.783 Veränderung zu Vorjahr: +32% Quelle: Presse
5. LifanAuf Deutsch bedeutet der Name dieses Autokonzern "kraftvolles Segeln". Lifan begann 1992 mit der Produktion von Motorrädern und zählt heute zu den größten Zwei-Rad-Produzenten des Landes. Stück für Stück dehnte Lifan die Produktion auf Pkw, Lkw, und und Nutzfahrzeuge aus. Exporte in die Europäische Union sind bisher nicht geplant. Anzahl exportierter Fahrzeuge 2012: 87.014 Veränderung zu Vorjahr: +102% Quelle: Presse
4. SAICDie Shanghai Automotive Industry Corporation gilt als größte chinesischen Gruppe von Herstellern von Autos, Fahrzeugteilen und Motorrädern. Volkswagen und General Motors kooperieren mit SAIC. Rund 60.000 Menschen arbeiten für den Konzern, der bereits über 2,3 Millionen Fahrzeuge absetzte. Anzahl exportierter Fahrzeuge 2012: 95.653 Veränderung zu Vorjahr: +58% Quelle: REUTERS

Weltweite Aufmerksamkeit ist den Pionieren des zweiten Anlaufs jedenfalls sicher. Seitdem der Qoros 3 im September vergangenen Jahres beim Unfalltest Euro-NCAP in Europa die maximal erreichbaren fünf Sterne holte, wird das Projekt von der Konkurrenz ernst genommen.

Qoros ist der letzte Versuch Chinas, endlich einen international wettbewerbsfähigen Autobauer zu schaffen. Die drei Strategien, mit denen die Regierung dies in den vergangenen Jahrzehnten versuchte, gelten im Großen und Ganzen als gescheitert. Die erste Variante bestand aus Joint Ventures: Chinesische Autobauer sollten in Gemeinschaftsunternehmen mit westlichen Herstellern von erfahrenen Partnern lernen und sich nach und nach deren Know-how aneignen. Doch den zwangsverheirateten Westlern gelang es bisher gut, das Potenzial des gigantischen chinesischen Marktes zu nutzen, ohne dabei zu viel ihres Wissens preiszugeben.

Klaus Schmidt. Quelle: Presse

Im zweiten Anlauf entschieden die Chinesen, gleich ganze Autobauer aus dem Westen zu kaufen. Ein Beispiel ist die Übernahme von Volvo durch Geely im August 2010. Aber auch dieser Weg führt nicht zu den gewünschten Resultaten. Zu unterschiedlich sind die Unternehmenskulturen und die jeweiligen Heimatmärkte. Drittens stattete der chinesische Staat einheimische Unternehmen mit sehr viel Geld aus, um sie auf Weltniveau zu hieven. Auch das führte nicht zu den gewünschten Ergebnissen. „Qoros ist der vierte Versuch“, sagt Berater Siebert. „Man kauft sich ein international erfahrenes Team, das ein wettbewerbsfähiges Auto entwickelt.“

Keine Korruption, keine Ineffizienz

Qoros hieß zunächst Chery Quantum Automotive. Ende 2011 entschieden sich die Eigentümer dann für den heutigen Namen, der dem altgriechischen Wort „Kronos“ für „Zeit“ ähnelt. Das soll der Marke ein besseres Entrée auf dem europäischen Markt sowie Internationalität vermitteln.

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In seinem Innern ist das Multikulti-Unternehmen so weit von einem trägen, staatseigenen chinesischen Konzern entfernt wie der Jangtsekiang lang. Keine Korruption, keine Ineffizienz, keine Mitarbeiter, die sich scheuen, Verantwortung zu übernehmen: „Jeder von uns muss an irgendeiner Stelle mitanpacken, die vielleicht gar nicht in seinen Aufgabenbereich fällt“, sagt Karosseriebauer Classon. „Genau das schweißt das Team zusammen.“

Die größte Herausforderung war es, die vielen Nationen und fast ebenso vielen Unternehmenskulturen in einem Team zusammenzuführen. „Das Zusammenspiel der verschiedenen Kulturen – Deutsche, Schweden, Amerikaner und natürlich Chinesen – macht den Reiz aus“, sagt der ehemalige VW- und Opel-Manager Major. „Manchmal ist das wie ein Zoo.“

Auch deswegen sei Qoros vielmehr ein internationales Unternehmen in China. Bis auf den Vorstandschef Guo Qian und den Finanzchef sind die Führungspositionen mit Ausländern besetzt. Als Konkurrenz für westliche Autobauer sieht sich keiner der Deutschen. „Wir wollen nur Autos bauen“, sagt Design-Chef Hildebrand.

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