Daimler-Chef Zetsche Elektroautos verschönern die CO2-Bilanz, aber nicht die des Konzerns

Ein elektrisch betriebener Mercedes Concept EQ steht während der Hauptversammlung der Daimler AG auf einem Podium. Quelle: dpa

Auf der Hauptversammlung spricht Daimler-Chef Dieter Zetsche von einer großen Produktoffensive und warnt gleichzeitig: Die Milliardeninvestitionen in die Elektro-Autos dürften Folgen für Daimlers Bilanz haben.

„Daimler kann mehr!“ war das Motto der Rede des Daimler-Chefs Dieter Zetsche bei der Hauptversammlung des Autobauers in Berlin .„Wir wissen alle, dass sehr, sehr viele und grundlegende Veränderungen, insbesondere auch durch neue technologische Möglichkeiten, in der Automobilindustrie zu gewärtigen sind“, sagte Zetsche zuvor. „Wir wollen unsere Spitzenposition, die wir uns in den letzten Jahren in unserem Kerngeschäft erarbeitet haben, auch in den neuen Geschäften in der Zukunft erreichen.“

Wie das gelingen kann, machte Zetsche in seiner Rede vor den Aktionärsvertretern deutlich: Daimler will auch künftig mit zahlreichen neuen Modellen Kunden locken und milliardenschwere Investitionen stemmen. „Das Tempo unserer Produktoffensive bleibt hoch“, erklärte der Daimler-Chef.

Der Autobauer aus Stuttgart hat sich mit der vor rund fünf Jahren gestarteten Überarbeitung seines gesamten Angebots an die Spitze des Premiumsegments weltweit gesetzt. Mit neuen Produkten, in diesem Jahr allein mehr als ein Dutzend neue Pkw-Modelle wie etwa die Neuauflage des Kompaktwagens A-Klasse, werde der Konzern sein wirtschaftliches Rückgrat weiter stärken, ergänzte Zetsche.

Neben der neuen A-Klasse stellte Daimler auch seine Elektro-Entwicklungen auf die große Bühne: Rechts und links parkten während Zetsches Rede das Mercedes-Benz Concept EQ und der Mercedes-Benz Elektro-Sprinter. Der Elektro-Antrieb als Alternative sei eine wichtige Zukunftsentwicklung, begründete Zetsche diese Entscheidung. Daimler wolle damit seine „Sowohl-als-auch“-Strategie betonen: „Wenn wir mit unserer Annahme in 2025 - jetzt auf der Pkw-Seite - zwischen 15 und 25 Prozent unserer Produkte vollelektrisch im Markt absetzen zu können, dann sind natürlich noch 75 bis 85 Prozent mit Verbrennungsmotoren ausgestattet“, so Zetsche. Ein hoch wettbewerbsfähiges Angebot von Verbrennern sei deshalb weiterhin Teil des Daimler-Konzepts. Denn die Milliardeninvestitionen in die Elektromobilität würden bei Daimler nicht ohne Folgen für die Bilanz bleiben. „Mehr Elektroautos sind gut für die CO2-Bilanz. Aber nicht so gut für unsere Konzern-Bilanz - jedenfalls vorübergehend“, sagte Zetsche.

Der Wandel hin zu einer emissionsfreien Mobilität sei eine betriebswirtschaftliche Herausforderung. „Deshalb geben wir beim Thema Effizienz keinen Deut nach“, sagte Zetsche. Daimler will das erste vollelektrische Auto der Marke EQ von 2019 an produzieren, neun weitere Modelle sollen folgen. Zudem soll es bis 2022 in jedem Mercedes-Segment eine elektrifizierte Variante geben. Um die Investitionen stemmen zu können, hatte Zetsche in der Pkw-Sparte Mercedes-Benz im vergangenen September bereits ein neues Sparprogramm aufgelegt, das über die kommenden Jahre einen Spielraum von zusätzlichen 4 Milliarden Euro liefern soll. Unter anderem sollen Produkte schneller auf den Markt gebracht werden, bei den Material- und Produktionskosten wollen die Stuttgarter effizienter werden. Spartenfinanzchef Frank Lindenberg hatte da bereits angedeutet, dass man zumindest für eine Übergangsphase auf etwas geringere Renditen vorbereitet sein müsse. Elektroautos hätten zumindest am Anfang eine deutlich kleinere Gewinnspanne als die Verbrenner-Modelle.

Zetsche plant zudem, den Autobauer in vier rechtlich selbstständige Einheiten aufzuteilen. Ziel sei es, Daimler damit insgesamt flexibler zu machen. Dies soll den Aktionären - wenn Aufsichtsrat und Vorstand zustimmen - auf der nächsten Hauptversammlung zur Entscheidung vorlegt werden.

Trotz der Rekordzahlen des vergangenen Jahres dürfte der Autobauer Daimler auf der Hauptversammlung wieder viele kritische Fragen seiner Aktionäre beantworten müssen. Aktionärsvertreter haben angekündigt, das Dauerthema Diesel und die möglichen Folgen für den Konzern zur Sprache zu bringen. US-Justiz und Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermitteln im Zusammenhang mit dem Vorwurf der Manipulation von Abgaswerten. Dazu kommt der Skandal um Abgastests an Affen in den USA. Außerdem stehen immer noch Fahrverbote in deutschen Städten im Raum. Zudem werden sich der Vorstand um Zetsche und der Aufsichtsrat wohl einige Fragen zu den Kartellvorwürfen gegen Daimler und andere deutsche Autobauer anhören müssen. Daimler hatte sich selbst bei den Behörden angezeigt, die EU-Kommission prüft den Fall aber noch. Daimler soll sich mit anderen Herstellern jahrelang über Technik, Kosten und Zulieferer abgesprochen haben.

Für Gesprächsstoff dürfte außerdem der neue Großaktionär aus China, Geely-Gründer Li Shufu, sorgen, der im Februar überraschend mit knapp zehn Prozent der Anteile bei Daimler eingestiegen war. Fraglich ist, wie sich das auf die Pläne zum Konzernumbau auswirkt, die Daimler ausarbeitet. Der Konzern soll in drei eigenständige Sparten unter einem gemeinsamen Dach umgewandelt werden. Daimler hatte 2017 so viele Fahrzeuge verkauft wie nie zuvor und damit auch bei Umsatz und Gewinn Bestwerte erzielt. 3,9 Milliarden Euro sollen als Dividende an die Aktionäre ausgezahlt werden, 400 Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

Kritik an der Unternehmenspolitik soll es auch vor der Tür geben: Ein Aktionärsbündnis aus Umweltschützern, Menschenrechtlern und Rüstungsgegnern hat zu einer Kundgebung aufgerufen. Außerdem will die IG Metall gegen die geplante Schließung der Forschungsabteilung von Daimler in Ulm protestieren.

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