Daimler-Hauptversammlung Fünf kritische Fragen an Dieter Zetsche

Daimler schreibt Rekordzahlen, die Stimmung auf der Hauptversammlung wird gut sein. Einige Punkte für die nahe und ferne Zukunft des Autobauers sind aber ungeklärt. Was die Aktionäre hinterfragen sollten.

Zetsche auf Daimler-Hauptversammlung. Quelle: Getty Images

Rekordabsatz, Rekordumsatz, Rekordergebnis und Rekorddividende: 2015 war für Daimler das Jahr der Superlative. So zeigte sich bei der Vorstellung der Jahreszahlen denn auch ein gutgelaunter, ja fast gelöster Konzernchef Dieter Zetsche auf dem Podium. „Wir wissen aus eigener Erfahrung: Es ist schwer, an die Spitze zu kommen. Aber es ist noch schwerer, vorne zu bleiben. Das ist unser Anspruch: Daimler gehört dauerhaft an die Spitze“, sagte er im Februar.

Selbstbewusst, mit einem wohldosierten Schuss Demut – so dürfte Zetsche auch am Mittwoch in Berlin auftreten, wenn Daimler seine Aktionäre zur Hauptversammlung lädt. Angesichts der sehr guten Kennzahlen und der um 80 Cent gestiegenen Dividende werden die meisten Anleger fröhlich im CityCube erscheinen.

Dennoch sollten sie sich nicht zu sehr von der guten Stimmung mitreißen lassen. Auch nach dem außergewöhnlichen Geschäftsjahr 2015 sind einige Punkte in Stuttgart-Untertürkheim ungeklärt.

Wie Daimler 2015 abgeschnitten hat

Fünf kritische Fragen, mit denen sich der Vorstand über kurz oder lang auseinandersetzen muss:

1. Hat auch Daimler Diesel-Leichen im Keller?

Diese Frage müssen sich Vorstand und Aufsichtsrat gefallen lassen. Trotz der mantraartigen Beteuerungen, bei Daimler werde nicht getrickst, kommt der Konzern nicht aus den Schlagzeilen – was die Anleger zu Recht verunsichert.

Bei Emissionstests der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sind Mercedes-Fahrzeuge wiederholt negativ aufgefallen. Laut geleakten Dokumenten hat das Kraftfahrt-Bundesamt im Zuge der Tests nach dem VW-Skandal bei einem Smart auffällig hohe Werte gemessen – auf dem Prüfstand, nicht auf der Straße. Zuletzt zeigte ein Bericht der WirtschaftsWoche, dass bei zumindest einer Diesel-Variante der C-Klasse der Tank für das sogenannte Adblue, ein Additiv zur Abgasreinigung, viel zu klein ist – und die Abgasreinigung so auf der Straße dauerhaft gar nicht richtig funktionieren kann.

Die erhöhten Stickoxid-Messwerte der DUH hat Daimler mit einem vom Gesetz erlaubten Bauteilschutz erklärt, wonach die Abgasreinigung bei Temperaturen von unter zehn Grad vermindert sei. Die US-Umweltschutzorganisation ICCT, die auch den VW-Skandal ins Rollen brachte, kommt in einem Gutachten zu dem Schluss, dass „die öffentlichen Erklärungen aus technischer Sicht schwer nachvollziehbar“ seien. „Wir können uns nicht vorstellen“, sagte ICCT-Europa-Chef Peter Mock, „dass dieses Betriebsverhalten der Fahrzeuge mit US-Recht vereinbar ist.“

Business-Limousine ab 45.303 Euro
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Mercedes E-Klasse Quelle: Daimler
Günstig wird das Vergnügen in der Business-Klasse von Mercedes aber nicht: Bereits für das Einstiegsmodell, den E 200 mit dem 184-PS-Benziner, werden mindestens 45.303 Euro fällig. Der günstigste Diesel steht mit 47.124 Euro in der Preisliste – dafür gibt es den E 220 d mit 195 PS. In diesem Modell arbeitet der neu entwickelte OM654-Motor. Für den V6-Dieselim E 350 d verlangt Mercedes mindestens 55.603 Euro. Letzterer kommt im Juni in den Handel, die beiden Vierzylinder bereits im April Was der E 400 mit V6-Benziner (im Bild) kosten wird, ist noch nicht bekannt. Quelle: Daimler

Diese Einschätzung muss jeden Daimler-Aktionär aufhorchen lassen. Welche verheerenden Auswirkungen ein solcher Skandal und Klagen in den USA auf den Aktienkurs haben können, lässt sich bei Volkswagen beobachten. Und auch, was mit dem US-Absatz passiert: Beides geht extrem nach unten. Von globalen Folgen – auch auf die Beschäftigten in Deutschland – und möglichen Milliarden-Strafen ganz zu schweigen.

2. Daimler erzielt mit seinen aktuellen Modellen hohe Gewinne. Was bietet die Modellpalette der Zukunft?

Noch vor wenigen Jahren fuhren die deutschen Premium-Konkurrenten Audi und BMW Daimler bei fast allen Kennzahlen davon. Der Vorstand der Stuttgarter traf unter Dieter Zetsche einige grundlegende Entscheidungen, die sich heute als goldrichtig herausgestellt haben.

Die aktuellen Rekordzahlen, vor allem beim Absatz, kommen nicht von ungefähr: Galt die Modellpalette der Stuttgarter um 2010 als angegraut und langweilig, ist heute das Gegenteil der Fall: Die Kompakt-Offensive mit dem neuen Konzept für die A-Klasse samt der Anhängsel CLA und GLA, der richtig antizipierte SUV-Boom vom genannten GLA bis hin zum großen GLS und den fortschrittlichen Umgang mit Fahrassistenten und teilautonomen Funktionen bei der S- und aktuell der E-Klasse zahlen sich aus.

VW bleibt trotz Dieselgate vor Toyota
Toyota – 1. Halbjahr 2016Der japanische Branchenprimus, zu dem auch der Kleinwagenbauer Daihatsu Motor und der Nutzwagenhersteller Hino Motors gehören, verkaufte zwischen Januar und Juni global 4,99 Millionen Autos. Das ist ein Rückgang zum Vorjahreszeitraum von 0,6 Prozent. Die ganze Halbjahres-Bilanz auch mit Umsatz- und Gewinnkennzahlen legt der japanische Konkurrent am 4. August vor. Quelle: AP
Volkswagen (Konzern) – 1. Halbjahr 2016Krise? Welche Krise? Die Abgas-Affäre scheint die Auslieferungen bei Volkswagen nicht zu bremsen. Pünktlich zum Halbjahr setzt sogar die schwächelnde Kernmarke zur Wende an. Mit 2,925 Millionen verkauften Volkswagen blieb die Marke zwar knapp unter dem Vorjahresergebnis, die Tendenz im Juni zeigte aber um fast fünf Prozent nach oben. Mit dem starken Juni stehen nach sechs Monaten die Zeichen bei den Verkäufen klarer als zuvor auf Zuwachs: 5,12 Millionen Fahrzeuge – vom VW-Up bis zum schweren Scania-Lkw – sind 1,5 Prozent Verbesserung im Vergleich zum ersten Halbjahr 2015. Trotz Diesel-Krise steuert der Konzern damit 2016 bisher auf ein Auslieferungsplus zu. Nach fünf Monaten Ende Mai hatte der Zuwachs lediglich bei 0,8 Prozent gelegen. Zumindest als Momentaufnahme scheint der Autobauer damit zehn Monate nach dem Ausbruch der Diesel-Krise eine Durststrecke zu verlassen. Quelle: dpa
BMW – 1. Halbjahr 2016Zwischen Januar und Juni diesen Jahres wurden weltweit 986.557 BMW verkauft. Damit konnten die Münchner im Vergleich zum Vorjahr um 5,8 Prozent zulegen. Allein im Juni stieg der Absatz um 9,7 Prozent auf 189.097 – mit den Marken Mini und Rolls-Royce kommt der Konzern sogar auf 227.849 Autos (+9,1 Prozent). Für das Plus sorgte demnach vor allem die hohe Nachfrage in Europa und Asien. In den USA dagegen schrumpfte der Absatz. Mit den knapp 190.000 Fahrzeugen im Juli lag BMW vor den beiden Dauer-Konkurrenten Audi (169.000 Autos) und Mercedes (188.444 Fahrzeuge). Doch wie sieht es im gesamten ersten Halbjahr aus? Quelle: dpa
Audi – 1. Halbjahr 2016Zumindest Audi konnte BMW hinter sich lassen. Die Ingolstädter konnten zwar zulegen, mit 5,6 Prozent fiel das Wachstum aber geringer aus als bei der Konkurrenz aus München – genauso die absolute Zahl an Auslieferungen von 953.200 Fahrzeugen. Dennoch ist die Bilanz für Audi positiv. Man habe den Absatz in allen Weltregionen steigern können, sagte Vertriebsvorstadn Dietmar Voggenreiter. Spaß-Modelle wie das TT Cabrio im Bild tragen traditionell wenig zum Volumen bei. Zu den größten Treibern gehörten die Baureihen A4 mit einem Plus von 12,3 Prozent und das Oberklasse-SUV Q7, das es nach dem Modellwechsel im Vorjahr auf ein Plus von satten 73,6 Prozent bringt. Auch für das zweite Halbjahr ist Voggenreiter optimistisch: Dann stehen die Premieren des überarbeiteten A3 und der komplett neuen Baureihen A5 und Q2 an. Quelle: obs
Daimler – 1. Halbjahr 2016BMW und Audi waren gut, Mercedes war besser. So lässt sich das erste Halbjahr zusammenfassen – sowohl beim Wachstum als auch beim Absatz konnte die Marke mit dem Stern die Konkurrenten abhängen. In den ersten sechs Monaten gingen 1.006.619 Mercedes-Benz an die Kunden – das entspricht eine Zuwachs von 12,1 Prozent. Ganz nebenbei der 40. Rekordmonat in Folge für die Marke. Dabei profitiert Mercedes vor allem von den SUV-Modellen, die inzwischen ein Drittel des weltweiten Absatzes ausmachen. „ Das zeigt, dass sich unsere Produktoffensive auszahlt und unser rundum erneuertes SUV-Portfolio hervorragend bei den Kunden ankommt“, sagt Vorstandsmitglied Ola Källenius. Zusammen mit den 73.510 verkauften Smart kommt die Pkw-Sparte des Daimler-Konzerns so auf 1,08 Millionen Fahrzeuge. Quelle: dpa
Porsche – 1. Halbjahr 2016Drei Prozent Wachstum auf 117.963 Fahrzeuge. Das sind die Eckdaten des ersten Halbjahres bei Porsche. Der Sportwagenbauer zeigt sich damit zufrieden und spricht von einer „Stabilisierung auf hohem Niveau“. Viele Modelle wie die Baureihen Cayman, Boxster, Macan und der 911er konnten zwar zweistellig wachsen, bei der Limousine Panamera hielten sich die Kunden wegen des anstehenden Modellwechsels aber spürbar zurück. „Die durchweg positive Resonanz auf die Weltpremiere des neuen Panamera Ende Juni stimmt uns sehr optimistisch. Wir erwarten uns davon einen deutlichen Schub“, sagt Marketing- und Vertriebsvorstand Detlev von Platen. Der neue Panamera kann seit dem 28. Juni bestellt werden und steht in Europa ab November beim Händler. In den USA und im chinesischen Markt ist das Auto ab Januar 2017 verfügbar. Quelle: dpa
Toyota – Gesamtjahr 2015Der japanische Autokonzern Toyota hat seine Stellung als weltgrößter Fahrzeughersteller im vierten Jahr nacheinander behauptet und den durch den Abgasskandal gebeutelten Konkurrenten VW auf Distanz gehalten. 2015 verkaufte das Unternehmen 10,15 Millionen Autos, wie Toyota am Mittwoch mitteilte. VW kam im vergangenen Jahr auf 9,93 Millionen verkaufte Autos, General Motors auf 9,8 Millionen. 2016 rechnet Toyota mit einem Absatz von 10,11 Autos. Im vergangenen Jahr lag die Prognose bei 10,1 Millionen Fahrzeugen für 2015 und wurde durch die Realität übertroffen. VW hatte Toyota bei den Verkaufszahlen im ersten Halbjahr 2015 überholt, war dann aber infolge des Abgasskandals wieder zurückgefallen. Die Autoverkäufe auf den großen Märkten in den USA und Japan haben sich verlangsamt. Darüber hinaus hat sich auch das in den vergangenen Jahren stetige Wachstum auf aufstrebenden Märkten abgeschwächt. Das schlägt sich auch in den Toyota-Zahlen nieder: 2014 hatten die Japaner noch 10,23 Millionen Autos verkauft. Quelle: dpa
Volkswagen Quelle: dpa
Volkswagen Quelle: dpa
Skoda Quelle: AP
Porsche Quelle: dpa
Audi Quelle: dpa
Daimler Quelle: REUTERS
BMW Quelle: dpa
Opel Quelle: AP
Renault – Gesamtjahr 20152015 hat Renault dank neuer Fahrzeugmodelle 2,8 Millionen Autos und Transporter ausgeliefert – so viel wie niemals zuvor. Damit wuchs der französische Autobauer mehr als doppelt so stark wie der weltweite Automarkt, der ein Plus von 1,6 Prozent verzeichnete. Die Franzosen bauten ihren Marktanteil in Europa aus und verteidigten ihre Position in den Schwellenländern. In Deutschland konnte Renault über 110.000 Autos verkaufen. Nach dem Rekordjahr setzen sich die Franzosen auch neue Ziele: "Unser Wachstum wird sich 2016 beschleunigen und wir werden unsere Position in all unseren Regionen verbessern", so Vertriebschef Thierry Koskas. Gleichzeitig sieht sich Renault aber auch mit einem Problem noch unbekannten Ausmaßes konfrontiert. In der vergangenen Woche war bekanntgeworden, dass es bei Renault im Zusammenhang mit dem Abgasskandal bei Volkswagen zu Durchsuchungen kam. Die Aktien verloren zeitweise knapp 23 Prozent an Wert. Welche Folgen – etwa Rückrufe, Schadenersatz- oder Strafzahlungen – daraus resultieren, ist noch unklar. Quelle: REUTERS

Nicht nur deshalb rechnet das Unternehmen damit, aufgrund „des in allen Geschäftsfeldern sehr attraktiven und besonders wettbewerbsfähigen Produktangebots“ vom dem erwarteten leichten Wachstum der globalen Automobilnachfrage „überdurchschnittlich“ profitieren zu können. Sprich: Der Absatz soll weiter steigen.

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