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Daimler-Hauptversammlung Zetsche kann noch lange

Dr. Z. ist wieder da. Daimler verkauft so erfolgreich wie nie zuvor. Trotzdem wollen Aktionärsvertreter, dass Zetsche das Amt des Mercedes-Benz-Chef abgibt, nur noch Daimler-Chef bleibt. Die Kritik kommt zur Unzeit.

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Die neue V-Klasse überzeugt mit zweigeteilter Heckklappe und eine zweiten Ladeebene im Kofferraum. Zur Auswahl stehen drei Dieselmotoren mit 136, 163 und 190 PS. Doch Qualität hat ihren Preis, wer sich die neue V-Klassen anschaffen möchte, muss 41.000 Euro oder mehr auf den Tisch legen. Marktstart ist Ende Mai. Quelle: dpa

Die Linke lässig in die Hüfte gestemmt, die Rechte an der schneeweißen Vordertür der neuen Großraumlimousine. Zetsche setzt sein smartestes Lächeln auf - die Journalisten drücken ab. Ein Star im Blitzlichtgewitter - die Vorstellung der neuen V-Klasse in München im Januar dieses Jahres war ein Termin ganz nach Dieter Zetsches Geschmack. Und sie muss ihm eine unsagbare Genugtuung gewesen sein.

Wenige Monate zuvor war Zetsche der Prügelknabe der deutschen Automobilindustrie. Nicht um fünf, sondern nur um drei Jahre hatte der Aufsichtsrat seinen Vertrag verlängert. Anhaltende Querelen mit dem Betriebsrat hatten dazu geführt, dass die Arbeitnehmerseite sich gegen Zetsche gestellt hatte. Danach galt er als angezählt. Doch weit gefehlt. Auf der Aktionärsversammlung am Mittwoch müssen die Zweifler und Kritiker neidlos eingestehen: Zetsche hat mehr als beachtliche Erfolge erzielt.

Allein im März hat Daimler im Vergleich zum Vorjahresmonat 13 Prozent mehr Autos verkauft. Von Januar bis März waren es sogar 15 Prozent mehr. In den USA findet der Kompakt-Sportler CLA so reißenden Absatz, dass Daimler mit der Produktion kaum hinterherkommt. Und in China - dem derzeit wichtigsten Absatzmarkt der Welt - legten die Schwaben um 43 Prozent zu. "Daimler gibt Gas", sagt Frank Schwope, Analyst bei der Nord LB.

Die rundumerneute Fahrzeugpalette, angefangen bei C-Klasse, über S-Klasse, GLA, CLA und B-Klasse gibt Zetsche Rückenwind. "Damit könnte Mercedes innerhalb der nächsten zwei Jahre beim Absatz an Audi vorbeiziehen." Auch für technologische Highlights wie den Müdigkeitsassistenten oder autonomen Staupiloten in der neuen S-Klasse erntete die Management-Riege von Fachpresse und Kundschaft viel Lob. Die Daimler-Aktie ist innerhalb von zwölf Monaten um rund 70 Prozent gestiegen - BWM brachte es nur auf 40, VW lediglich auf 30 Prozent. Alles wieder in Butter in Stuttgart?

Weit gefehlt. Anfang der Woche meldete sich Ingo Speich von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volksbanken und Raiffeisenbanken, zu Wort. Zetsche solle seine Doppelfunktion als Vorstandschef von Daimler und der Autosparte Mercedes-Benz Cars aufgeben. Es sei an der Zeit, einen Nachfolger aufzubauen und das geschehe am besten, indem Zetsche einen Teil der Verantwortung - sprich die Mercedes-Leitung - abgebe.

Humbug, finden zahlreiche Branchenbeobachter. "Daimler ist Mercedes", sagt etwa Willi Diez, Professor am Institut für Automobilwirtschaft im schwäbischen Geislingen, "es ist vollkommen richtig und wichtig, dass Zetsche beide Funktionen ausübt." Es gebe keinerlei triftigen Grund, das zu ändern.

"Ein guter CEO soll eben nicht in abgehobenen Managementsphären schweben, sondern im Kernbereich des Geschäfts die Fäden in der Hand halten", argumentiert auch Stefan Bratzel vom CAM Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Gerade die Bodenhaftung Zetsches sei ein Grund für seinen Erfolg.

Es bleibt zu wenig hängen


Sitzt wieder fest im Sattel - Baustellen gibt es aber noch genug für Daimler-Chef Zetsche. Quelle: dpa

Bratzel: "Die Forderung der Aktionäre kommt zur Unzeit und sie ist inhaltlich wie taktisch falsch. Gerade erst läuft es gut, "jetzt kommt neue Unruhe in den Konzern", kritisiert Bratzel. Die aktuellen Zahlen beweisen, dass die neuen Modelle funktionieren. Der plötzliche Abgang von Produktionschef Andreas Renschler ist eben erst verdaut.

Die Nachfolgedebatte käme zudem verfrüht. Zetsche ist 60 Jahre halt, kann also problemlos weitere drei oder fünf Jahre an der Spitze des Konzerns stehen. Und das, darin sind sich alle Experten einig - sollte er auch.

Wer Zetsche beerben könnte

"Daimler braucht eine Langfristorientierung", fordert Bratzel. Dazu müsse man nachhaltig am technologischen Fortschritt arbeiten. "Jetzt kritisch auf jeden Quartalsbericht zu schielen, das wäre falsch." Daimler braucht eine starke Gallionsfigur - ähnlich einem VW-Winterkorn oder Piech. "Was er sagt, muss gelten", fordert Bratzel. Dabei brauche es Einigkeit zwischen Management und Arbeitnehmervertretung. Eine interne Schwächung Zetsches wie vor einem Jahr war laut Bratzel „ein großer Fehler.“ „Das war nicht zielführend“, ergänzt er. Jetzt, wo es bergauf geht, darf es keinen Zweifel daran geben, wer am Steuer sitzt.

Einen Freifahrtschein stellt Zetsche aber keiner der Experten aus. Denn trotzt der aktuellen Erfolge steht noch viel auf dem To-Do-ABC des Daimler-Chefs.

Produktionskosten müssen runter

A wie Ausgaben: Größter Schwachpunkt der Schwaben ist die geringe Ebit-Marge. So machen die Stuttgarter zwar mehr Umsatz als die Ingolstädter, streichen aber weniger Gewinn ein als die Konkurrenz (siehe Tabelle).

BMW, Audi und Mercedes Benz im Vergleich

Kennzahlen des Geschäftsjahres 2013

BMWAudiMercedes Benz
Umsatz76 Mrd. Euro50 Mrd. Euro64 Mrd. Euro
Absatz 1.655.138 Pkw1.575.480 Pkw1.566.563 Pkw
EbiT¹7.9 Mrd. Euro5.3 Mrd. Euro4.0 Mrd. Euro
EbiT-Marge²10,4 %10,7 %6,2 %

¹Ergebnis vor Steuern; ²Umsatzrendite vor Steuern; Es wurden nur die jeweiligen Pkw-Sparten der betreffenden Automarke betrachtet; Quelle: Unternehmensberichte; Stand: 07.04.2014

Schuld daran sind zum einen die hohen Entwicklungskosten für die neuen Modelle. Doch das ist nur ein Grund. Daimler produziert deutlich teurer als BMW oder Audi. Die Ingolstädter profitieren von gemeinsamen Plattformstrategien und Entwicklungen mit Mutterkonzern VW. Doch auch BMW fertigt - ohne einen Volumen-Konzern im Hintergrund - günstiger. Die Bayern haben schon vor Jahren begonnen, möglichst viele Gleichteile einzusetzen. Das reduziert die Komplexität und Kosten. Die Münchener produzieren verschiedene Modelle auf ein- und derselben Montagelinie, sparen damit Zeit und Geld und können auf Nachfrageschwankungen extrem flexibel reagieren.

Daimler hat im Vergleich zur Konkurrenz recht spät damit begonnen, Baukästen für den Front- und Heckantrieb einzusetzen und so die Fertigung zu verschlanken. Eine erste Plattformstrategie gibt es nun mit CLA und GLA, die auf der A-Klasse aufbauen. "Diese Schritte sollten sich in den nächsten Monaten an der Rendite bemerkbar machen", meint Bratzel. Analyst Schwope hält eine Verbesserung auf neun bis elf Prozent für erreichbar. Bleiben noch ein paar weitere Baustellen:

B wie Brennstoffzelle: "Da muss Daimler endlich liefern", fordert Diez. Nicht nur einen Prototyp, sondern ein Serienfahrzeug mit innovativer Brennstoffzelle müsse endlich in Stuttgart vom Band rollen. Seit 2011 kündigen die Schwaben ein Modell an, das mit Wasserstoff betrieben wird. Auch wenn das Modell kein Massenprodukt werden wird (die Kosten dürften zehn bis 20 Prozent über einem Auto mit Verbrennungsmotor liegen), so sei es doch "eine Frage der Glaubwürdigkeit" meint Diez.

Neuer Smart muss einschlagen wie eine Bombe


Die neue Mercedes V-Klasse
Der Daimler-Chef Dieter Zetsche preist bei der Premiere in München die neue Mercedes Großraumlimousine V-Klasse als "Eierlegende-Wollmilchsau" an. Hält der Nachfolger des Viano was Zetsche verspricht? Quelle: dpa
Geräumig ist sie, das lässt sich nicht bestreiten. Hier ein Blick ins Innere mit Vollausstattung. Die V-Klasse bietet Raum für bis zu acht Personen. Im Fond sind verschiedene Sitzkonfigurationen möglich, zum Beispiel mit Einzelsitzen oder mit Zweier- und Dreiersitzbänken. Quelle: dpa
Mercedes hat drei Zielgruppe im Fokus: Familien mit zwei oder mehr Kindern, freizeitaktive Menschen, die viel Platz für ihr Sport- und Outdoor-Equipment brauchen und Betreiber von VIP- oder Hotelshuttles. Volker Mornhinweg, Leiter Mercedes-Benz Vans: „Wir sprechen ganz neue Kundengruppen an – darunter auch solche, die ein großes Platzangebot brauchen, aber nie eine Großraumlimousine fahren wollten, weil ihnen Stil, Wohlfühl- und Fahrkomfort in diesem Segment bislang zu kurz kamen.“ Quelle: dpa
Auf Wunsch steht erstmals in dieser Klasse auch ein Cockpit-Oberteil in Lederoptik mit aufwendig gearbeiteter Ziernaht zur Verfügung. Ziernähte mit Manufakturcharakter finden sich auch auf den Ledersitzen, den Armlehnen und im Mittelfeld der Seitenverkleidung. Quelle: Daimler
Die V-Klasse kommt mit vielen Neuheiten auf, die es in anderen Fahrzeug in diesem Segment bisher so nicht gibt: Serienmäßig ist ein Seitenwind-Assistent und der Aufmerksamkeits-Assistent an Bord. Neu ist zudem die moderne Multimediageneration mit einem Touchpad zur Bedienung aller Telematik-Funktionen im Auto. Quelle: dpa
Bedien- und Anzeigenelemente: Zu sehen ist das freistehende Zentraldisplay, die runden Lüftungsdüsen, das Multifunktionslenkrad mit 12 Tasten und Direct Select Wählhebel mit Schaltwippen bei Automatikgetriebe sowie die zentrale Bedieneinheit mit Controller (Dreh-Drück-Steller) und einem Touchpad, mit dem sich alle Telematik-Funktionen wie bei einem Smartphone über Gesten oder die Eingabe von Buchstaben und Zeichen bedienen lassen. Quelle: Daimler
Die dynamisch geformte und breiten­orientierte Instrumententafel ist zweigeteilt. Ober- und Unterteil werden durch ein großes dreidimensionales Zierteil getrennt. Quelle: Daimler

Beim Thema neue Antriebsformen präsentierten sich die Schwaben trotz mancher Innovation bislang schwach. BMW hat mit dem i3 und i8 eine eigene Elektro-Marke geschaffen, bei Daimler gibt es zwar einen Smart, einen Vito und sogar ein SLS AMG Coupé mit Elektroantrieb, doch bei den Kunden kommt das kaum an. Mit einem Brennstoff-Fahrzeug könnte sich Daimler etwas an Reputation in Sachen neue Antriebsformen zurückerobern. In diesem Jahrzehnt wird das allerdings kaum mehr der Fall sein, schätzt CAM-Leiter Bratzel.

C wie City-Flitzer: BMW hat eine kaum mehr zu überschauende Auswahl an Derivaten der britischen Lifestyle-Marke Mini im Markt etabliert. Dem kann Mercedes mit der "Ein-Produkt-Marke" Smart kaum etwas entgegensetzen. Die neuen Modelle Smart fortwo und Smart forfour werden zur Nagelprobe für Zetsche. "Die müssen einschlagen, da gibt es keine Ausreden mehr", sagt CAM-Leiter Bratzel. Denn bei der gemeinsamen Entwicklung mit Partner Renault soll vor allem Daimler die Themen gesetzt haben. Eine weitere Blamage wie beim Ko-Projekt-Transporter Citan, der beim europäischen Crashtest nur drei Sterne holte, scheint Zetsche unbedingt vermeiden zu wollen.

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Nachhaltiger Durchbruch in Asien steht noch aus

Ein Spazierging wird eine potenzielle dritte Amtszeit für Dieter Zetsche nicht. BMW, Audi und Mercedes liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Audi ist beim Thema Leichtbau eine Nasenlänge voraus, BMW hat die Karten beim Thema E-Mobilität geschickter gespielt - auch wenn die großen Erfolge hier noch ausblieben - Mercedes hat sich mit einer Reihe von Assistenz- und Sicherheitssysteme Respekt in der Branche verschafft. Auf der Welle der rundum erneuerten Modellpalette kann Zetsche noch eine Weile schwimmen, ein Garant für langfristigen Erfolg ist sie nicht. Die Märkte in Übersee - USA und China - müssen weiter beackert werden. In Asien hat die Aufholjagd unter Daimlers neuem China-Vorstand Hubertus Troska gerade erst begonnen. Nach einem guten Jahr im Amt kann von einem nachhaltigen Durchbruch noch keine Rede sein.

Fernab dieser operativen Probleme und der Suche nach einem neuen Chef - sei es jetzt oder in drei Jahren - erwartet den Daimler-Konzern in nicht allzu ferner Zukunft ein weiterer Donnerschlag. 2016 wird Aufsichtsratschef Manfred Bischoff sein Amt niederlegen. Die Frage, wer dann an der Spitze des Kontrollgremiums stehen wird, ist mindestens so spannend wie die Suche nach einem geeigneten Nachfolger für Dr. Z.. Da Daimler ein Ankeraktionär mit entsprechendem Durchsetzungsvermögen in Personalfragen fehlt, könnte sich das Auswahlverfahren durchaus hinziehen.

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