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Daimler-Investor Wie Li Shufu Volvo umkrempelt

Geely-Chef Li Shufu. Quelle:

Daimler-Großaktionär Li Shufu kommt nach Deutschland – um zu erklären, was er langfristig vorhat. Wie der Geely-Chef tickt, lässt sich schon an seinem ersten Auto-Projekt in Europa ablesen: dem Umbau von Volvo.

Li Schufu ist einer, der gerne für Überraschungen sorgt. Nicht erst seit dem Einstieg bei Daimler. Als er 2010 zum ersten Mal die globale Bühne der Autowelt betrat, glaubten viele, es handle sich um übliche Schema: Reicher Chinese schluckt berühmte europäische Marke, um sich dem guten Ruf zu schmücken. Der Hintergrund: Li, mit dem Aufbau des einzigen nicht-staatlichen chinesischen Autobauers Geely reich geworden, hatte Volvo gekauft.

Eine Marke mit viel Tradition, zweifelsohne. Aber ein Unternehmen, das am Boden lag. Der vormalige Eigentümer Ford hatte 2006 beschlossen, die schwedische Beteiligung zu verkaufen. Weil das Unternehmen als unreformierbar und chronisch defizitär galt, wurde seitdem nicht mehr investiert. Vier Jahre ohne frisches Geld und Technik – in der Autowelt ein Todesurteil. Der Verkauf an Li war in den Augen vieler der Gnadenstoß. Wenn das Unternehmen schon eingeht, soll wenigstens die Marke in China überleben, so der Tenor.

Acht Jahre später lebt Volvo immer noch – und das besser denn je. 2017 verkauften die Schweden über 570.000 Autos, das Betriebsergebnis lag bei 14,1 Milliarden Schwedischen Kronen (1,43 Milliarden Euro). Beides Rekordwerte. „Unser Geschäft hat sich seit 2010 komplett verändert und wir kommen nun in eine Phase des weltweiten nachhaltigen Wachstums“, sagt Håkan Samuelsson, von Li installierter Präsident und CEO der Volvo Car Group. Viel bedeutsamer ist allerdings Samuelssons Nachsatz: „Wir investieren in alle Bereiche unserer Organisation und haben klare Strategien rund um die Elektrifizierung, autonomes Fahren und Konnektivität entwickelt.“

Das ist die Handschrift von Li Shufu: Er treibt seine Vision konsequent voran, wonach Autos in Zukunft mehr werden als reine Fortbewegungsmittel. Ist die Strategie bei Volvo also eine Blaupause für Daimler, wo Li sich mit 7,5 Milliarden Euro auf einen Schlag zum größten Einzelaktionär eingekauft hat? Ja und nein.

Die privat geführte Geely Holding und die börsennotierte Geely Auto Group haben in den vergangenen Jahren vor allem zwei Dinge bewiesen: unternehmerischen Mut mit Augenmaß und ein wahnsinniges Tempo bei der Umsetzung. In Volvo zu investieren, war ein Wagnis, der Rückstand auf den Rest der Autowelt war groß. Anstatt dem Rückstand hinterherzurennen, trafen die Chinesen eine klare Entscheidung: Die Altlasten werden so schnell wie möglich aussortiert, alle neuen Modelle der Ober- und Mittelklasse basieren auf einem eigens entwickelten Baukasten. Eben jene Autos, die sich heute wie geschnitten Brot verkaufen. Parallel dazu entwickelte Volvo gemeinsam mit Geely eine Plattform für kleinere Modelle. Der erste Ableger davon, das Kompakt-SUV XC40, kommt in diesem März in den Handel – und dürfte den Volvo-Absatz weiter antreiben.

Schweden-Kombi mit neuem Selbstbewusstsein
Neuer Volvo V60 - Der kleine (Zwillings)bruder Quelle: Volvo
Bei den Antrieben setzen die Schweden wie schon bei den anderen SPA-Abkömmlingen zunächst auf aufgeladene Vierzylinder Quelle: Volvo
. Schalter und Knöpfe sind hier Mangelware, dafür gibt es zentral im Armaturenbrett einen 9,2-Zoll-Touchscreen Quelle: Volvo
Wie auch die anderen V- und XC-Geschwister bietet der V60 innen ein sehr übersichtliches und schnörkellos schickes Interieur Quelle: Volvo
Auch einen Plug-in-Hybriden gibt es Quelle: Volvo
Optisch scheint das Downsizing eher ein Vorteil, denn die Proportionen sind weniger ausladend als beim fast schon überwuchtigen V90 Quelle: Volvo
Im Vergleich zum V90 schrumpft der 60er-Bruder um 18 Quelle: Volvo

Das Geld, das Volvo inzwischen verdient, landet aber nicht wieder in China, um Lis Investitionen auszugleichen. Der Geely-Chef will nicht das Unternehmen melken, sondern für die Zukunft fit machen. Dabei scheut er auch keine radikalen Schritte: Volvo geht konsequenter als andere Premium-Autobauer auf den Elektroantrieb, bald soll kein Volvo mehr ohne Elektromotor verkauft werden. Mit Polestar, bislang die hauseigene Tuning-Schmiede, wird eine Premium-Elektromarke aufgebaut. Basis bildet der Volvo-Baukasten, auch das Design ähnelt den schwedischen Autos. Es zeichnet sich ein Erfolg ab: Die Nachfrage übersteigt die potenzielle Produktion in China bei Weitem.

Ähnlich konsequent geht Li die Digitalisierung an – er wird von der Befürchtung getrieben, dass Unternehmen wie Tesla und Google die klassischen Hersteller zu Zulieferern degradieren. Auch den deutschen Autobauern ist bewusst, dass der Vertrieb digitaler wird. Carsharing-Autos werden schon heute per Smartphone geöffnet, ganze Flotten selbstfahrender Taxen machen künftig das eigene Auto möglicherweise überflüssig. Will der Kunde doch noch ein Auto selbst besitzen, wird er es wohl eher über das Internet kaufen als beim Händler. Wollen Audi, BMW und Co etwas am tradierten Vertriebsmodell mit Niederlassungen und Händlern ändern, laufen Händlerbetriebe und -verbände Sturm.

Li hat das Problem nicht: Er hat mit Lynk&Co gleich eine eigene Marke aufgebaut, die ihre Autos nur noch über das Internet vertreibt, ohne Händlernetz. Innerhalb einer Minute hatte er beim Start im November 6000 Autos verkauft.

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