Detroit Deutsche Autobauer erleben US-Renaissance

Vor zwei Jahren schien Amerikas Autoindustrie am Ende. 2011 aber war ein Super-Jahr für die Branche, ganz besonders auch für die deutschen Hersteller. Und auch 2012 sollen die US-Absatzzahlen der Deutschen weiter wachsen, wenn auch nicht so stark.

Die schönsten Modelle von der Detroit Show
Seine USA-Premiere feiert der überarbeitete Audi A4. Neben den äußeren Neuerungen an der Front gibt es unter der Haube frische Technik. Quelle: Audi
Sämtliche Motoren haben jetzt eine Turboaufladung, auch Start-Stopp-Technik ist serienmäßig an Bord. Quelle: Audi
Bentley betreibt in Detroit Downsizing auf hohem Niveau. Der Continental GT erhält den aus den Audi-Modellen S6, S7 und S8 bekannten V8-Benziner mit Zylinderabschaltung. Da spart es sich doch gern. Quelle: dapd
Wie Audi bringt auch BMW sein neuestes Mittelklasse-Modell nach Amerika. Der neue 3er soll helfen, den gerade frisch eroberten Thron des führenden Luxus-Autobauers in den USA zu verteidigen. Quelle: Reuters
Das der neue 3er ein paar Zentimeter zugelegt hat, dürfte die meisten Amerikaner wohl nicht stören. Quelle: Reuters
Mit dem neuen ATS zielt Cadillac auch auf den europäischen Markt. Die Limousine soll in der hierzulande beliebten Mittelklasse für frischen Wind sorgen. Quelle: Pressefoto
Apropos frischer Wind: Der turbogeladene Zweiliter-Vierzylinder entwickelt bis zu 270 PS. Mit 135 PS Literleistung hat das Triebwerk einen der besten Werte für aufgeladene Benziner. Quelle: Pressefoto
Chevrolet hat den Sonic überarbeitet. In Europa wird dieses Modell unter dem Namen Aveo verkauft, der in den USA bereits für eine andere Baureihe vergeben ist. Quelle: dapd
US-Präsident Barack Obama hat bei einer Werksbesichtigung bereits im Sonic Platz genommen. Prominent ist auch der Beifahrer: Südkoreas Präsident Lee Myung-bak. Quelle: Reuters
Ford schickt einen neuen Fusion ins Rennen. Der Fusion ist eines der wichtigsten Modelle für Ford in den USA und war 2011 das meistverkaufte Auto seiner Klasse. Quelle: Ford
An das in Europa etablierte Markengesicht hat Hyundai das Genesis Coupé angepasst. Bis vor kurzem trug der Genesis noch einen deutlich kleineren Kühlergrill und nicht die geschwungenen Elemente in den Scheinwerfern. Quelle: Hyundai
Am Heck ändert sich nicht so viel. Aber unter dem Blech: Der V6-Benziner leistet jetzt bis zu 350 PS (statt 306 PS). Quelle: Hyundai
Lexus gibt mit dem LF-LC einen Ausblick auf die künftige Design-Linie. Nicht nur optisch lehnt sich der 2+2-Sitzer an den Supersportwagen LFA an. Quelle: Toyota
Mercedes zeigt zwei Hybride auf Basis der E-Klasse. In dem E 300 Bluetec Hybrid wird der (sonst als 250 CDI bekannte) 2,2-Liter-Diesel mit 204 PS von einem 27 PS starken Elektromotor unterstützt. Der Verbrauch: 4,2 Liter. Quelle: Daimler
Im E 400 Hybrid unterstützt derselbe Elektromotor einen 306 PS starken V6-Benziner. Die antriebsstarke Kombination soll dann im Normverbrauch 8,7 Liter Superbenzin schlucken. Quelle: Daimler
USA-Premiere hat auch der neue SL. Erstmals ist der große Roadster fast komplett aus Aluminium gefertigt. Dies reduziert sein Gewicht je nach Modell um bis zu 140 Kilogramm. Quelle: Pressefoto
In Verbindung mit der neuen Motorengeneration soll der neue SL um bis zu 28 Prozent sparsamer als sein Vorgänger sein. Zur serienmäßigen Ausstattung des SL gehören ein semiaktives Fahrwerk - auf Wunsch kann der Kunde das aktive Fahrwerk (ABC) bestellen. Eine neue elektromechanische Lenkung mit über den Lenkwinkel verstellbarer Kennung und geschwindigkeitsabhängiger Lenkunterstützung soll den Geradeauslauf stabilisieren. Quelle: Pressefoto
Erstmals geht es auch für den Mini Roadster in die USA. Auf der IAA war nur das geschlossene Mini Coupé zu sehen. Quelle: BMW
In dem Mini Roadster kommen insgesamt vier Motoren von 122 bis 211 PS zum Einsatz. Quelle: BMW
Die Bilder sind schon seit ein paar Tagen veröffentlicht, am Wochenende feiert das Porsche 911 Cabrio Premiere auf einer Automesse. Quelle: Porsche

Was bedeutet eigentlich Fahrvergnügen? Seitdem ich in Amerika bin, fragen mich das immer wieder die Amerikaner. Die Reaktionen auf meine Übersetzungsbemühen sind dann recht verhalten: „Fun to drive“ – that’s all?“ Für amerikanische Ohren hört sich „Fahrvergnügen“ so exotisch an, dass die Amerikaner dahinter eine neue Supertechnik der Deutschen vermuten, eine neue Einspritztechnologie, ein neues Getriebe – jedenfalls etwas, das für „german engineering“ steht – und nicht nur einfach für Spaß am Fahren.

Dem Volkswagen-Konzern kann das egal sein, der Slogan kommt gut an bei den Amis. Trotz schlechter Konjunktur und hoher Arbeitslosigkeit in den USA haben sich die Amerikaner besonders viel Fahrvergnügen in 2011 gegönnt – und das nicht nur mit den VW-Marken.

Europas Schwächen wettmachen

Abwrackprämie oder Staatshilfe? Das war einmal. Im vergangenen Jahr erhöhte die Branche insgesamt ihren Absatz in den USA um zehn Prozent auf 12,8 Millionen Fahrzeuge. Auch für 2012 erwarten Experten ein leichtes Plus auf 13,6 Millionen. Das ist nicht mehr so rosig. Trotzdem wollen sich vor allem die deutschen Hersteller keine neue Krise herbeireden – schon gar nicht in Amerika, dem nach China weltweit wichtigsten und größten Markt.

Absatzmarkt Asien: China top - Indien flop

Wie sich VW, BMW und Mercedes in China schlagen
Der größte Automarkt der WeltMit mehr als 18 Millionen neuen Pkw alleine im Jahr 2014 ist China der größte Automarkt der Welt. Fast ein Viertel aller Neuwagen weltweit werden hier verkauft. Dabei kommen auf 1000 Chinesen erst 61 Autos. In Deutschland sind es 540 auf 1000 Einwohner. Bei 1,3 Milliarden Chinesen ist das Potenzial noch riesig. Allerdings verlangsamt sich das Wachstum zusehends. Der chinesische Branchenverband geht für 2015 nur noch von drei statt sieben Prozent Wachstum aus. Auch der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) erwartet, dass sich die Turbulenzen an den chinesischen Finanzmärkten und die Abkühlung der Konjunktur auf den Automarkt auswirken. "China schaltet einen Gang zurück. Für das gesamte Jahr rechnen wir nun mit einem Plus von maximal vier Prozent", sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann dem "Focus". Bisher war der VDA von sechs Prozent ausgegangen. Was das für die deutschen Hersteller bedeutet, sehen Sie in dieser Übersicht. Quelle: dpa
Volkswagen PkwFür die Wolfsburger ist China mit Abstand der wichtigste Markt. 2014 konnten die Wolfsburger 2,76 Millionen Autos im Reich der Mitte verkaufen – genau 35 Prozent aller Autos mit VW-Emblem. Im ersten Halbjahr 2015 setzte VW nur 1,3 Millionen Fahrzeuge ab (-6,7 Prozent). Wegen der schwachen ersten sechs Monate hat die Volkswagen AG ihre Absatzprognose für das gesamte Jahr gesenkt. Bisher war man von "moderatem Wachstum" ausgegangen, jetzt spricht das VW-Management nur noch von einer Zahl "auf dem Niveau des Vorjahres". Quelle: dpa
Noch große PläneTrotz sinkender Kaufleute möchte der Volkswagenkonzern seine Produktionskapazitäten weiter aufstocken. Bis 2019 sollen 22 Milliarden Euro in den Aufbau neuer und verbesserter Werke fließen. Der Absatz soll auf fünf Millionen Fahrzeuge steigen, 30.000 neue Jobs entstehen – dann hätte VW in China über 100.000 Mitarbeiter. Aktuell betreibt VW gemeinsam mit seinen Joint-Venture-Partnern FAW und SAIC 18 Werke in China – in acht rollen fertige Autos vom Band, die anderen stellen Bauteile her. Auf einer China-Reise mit Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2014 kündigte VW-Chef Martin Winterkorn an, in China zwei weitere Standorte eröffnen zu wollen. Quelle: dpa
AudiDie VW-Premiumtochter verkaufte 2014 genau 578.900 (+18 Prozent) Fahrzeuge in China. Mit "nur" 274.000 verkauften Audis nach den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres (+2 Prozent) sieht es für die geplanten 600.000 Verkäufe bis Jahresende schlecht aus. Chinesischen Medien schreiben, Audi habe das Ziel auf das Vorjahresniveau gesenkt, davon berichteten Händler. Seinen rund 400 chinesischen Vertragspartnern hat Audi Ausgleichszahlungen in Höhe von insgesamt 193 Millionen Dollar zugesagt. Wegen der schwachen Nachfrage in China hat Audi hat seine weltweiten Absatzziele für 2015 zurückgeschraubt. Statt einem Plus zwischen fünf und 9,9 Prozent rechnet Audi nur noch mit drei bis vier Prozent. Anfang des Jahres glaubte Audi-Chef Rupert Stadler noch an ein Wachstum von acht bis neun Prozent. Quelle: AP
BMWDie Bayern verkauften im vergangenen Jahr 456.000 Autos in China (+17 Prozent) – ein Fünftel aller weltweit verkauften BMW. Nach dem ersten Halbjahr 2015 ist die große Euphorie verflogen. Nur 230.000 Autos (+2,5 Prozent) schlugen die Händler los. Wegen des schwächeren Geschäfts soll BMW den rund 440 Betrieben eine Kompensation von 685 Millionen Euro zahlen. BMW kommentiert die Zahl nicht. Quelle: dpa
Trotz der "neuen Normalität", wie der ehemalige BMW-Chef Norbert Reithofer das abgeschwächte Wachstum nannte, die Pläne sind längst gemacht. Die Bayern produzieren künftig sechs statt drei Modelle für den lokalen Markt. Die Kapazitäten im Werk Shenyang wachsen um 100.000 auf 400.000 Autos jährlich. Bisher machen die in China gefertigten Pkw knapp 13 Prozent der weltweiten BMW-Produktion aus, 14.000 Mitarbeiter in China sind daran beteiligt. Erst kürzlich hat der Münchener Premiumhersteller die Kooperation mit Joint-Venture-Partner Brilliance bis 2028 verlängert. Der wiederrum hat am 13. Juli 2015 eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Für das erste Halbjahr sei ein Einbruch von 40 Prozent zu erwarten. BMW legt am 4. August seine Halbjahresbilanz vor. Quelle: REUTERS
MercedesBei den Schwaben gingen im vergangenen Jahr 281.588 Autos (+29 Prozent) ins Reich der Mitte und damit 15 Prozent aller Fahrzeuge. Im ersten Halbjahr fuhren in China 165.000 Autos mit Stern vom Hof – ein Plus von fast 22 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ein fantastisches Ergebnis für Mercedes und seinen China-Chef Hubert Troska (im Bild). Die Stuttgarter punkten mit ihrer neuen Modellpalette und profitieren von der Umorganisation ihres Vertriebs. Quelle: REUTERS
Daher steht auch für Daimler-Chef Dieter Zetsche der Ausbau der Produktion von Ort an erster Stelle. Die Schwaben fertigen von allen deutschen Herstellern noch am wenigsten vor Ort. Im einzigen chinesischen Mercedes-Werk in Peking (10.000 Mitarbeiter) laufen C-Klasse, die Langversion der E-Klasse, GLK und GLA vom Band. Zusammen ergibt der Werksoutput erst sieben Prozent aller weltweit produzieren Mercedes-Pkw. Die Kapazität des Werks soll bis Jahresende auf 200.000 Stück jährlich wachsen. Rund vier Milliarden Euro will Zetsche gemeinsam mit Joint-Venture Partnern BAIC investieren. Quelle: dpa

Das florierende Amerikageschäft soll dabei helfen, die Schwächen in Europa wettzumachen.Immerhin – eine ziemlich gute Ausgangsposition haben die Deutschen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem mindestens ein eigenes Auto nach wie vor zum Lebensstandard gehört, so wie ein eigenes Haus.

Deutsche Hersteller legten 2011 kräftig zu

Schließlich haben vor allem die deutschen Hersteller abgesahnt auf dem amerikanischen Markt in 2011. Die Volkswagen Group of America mit den Marken VW, Audi, Bentley und Lamborghini verkaufte im vergangenen Jahr in Nordamerika 444.000 Fahrzeuge, 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Gros davon setzten die Wolfsburger mit ihrer Kernmarke VW ab - immerhin 324.000 Autos, das sind 26 Prozent mehr als 2010. Erstmals seit 2003 schrieb die Vertriebsgesellschaft von Volkswagen of America operativ schwarze Zahlen. Bis 2013 soll auch das neue Werk in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee Gewinn machen. Bis dahin soll das Werk mit 2500 Beschäftigten auch seine volle Kapazität von 150.000 Einheiten erreichen.

In Chattanooga rollt der speziell für den US-Geschmack entwickelte Mittelklassewagen Passat vom Band. Der amerikanische Passat ist größer, er hat mehr Federung – die Amerikaner mögen es weich und bequem. Und der Wagen hat viele cupholder, also Becherhalter. Schließlich muss der Kaffee- oder der Colabecher für den Amerikaner stets griffbereit sein. Auch 2012 erwartet VW in Nordamerika abermals ein zweistelliges Absatzwachstum und will in diesem Jahr mehr als 500.000 Fahrzeuge an die US-Kundschaft ausliefern. Das ist angesichts der Weltkonjunkturlage enorm optimistisch.

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