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Digital-Start-ups Autobauer arbeiten in Israel an ihrer Zukunft

Tel Aviv Silicon Wadi Quelle: press-inform

Nicht erst seit dem Erfolg von Mobileye schaut die Autoindustrie nach Israel. Unweit von Tel Aviv baut sich seit Jahren eine echte Alternative zum Silicon Valley auf. Ein Erfolgsfaktor der Start-up-Szene: das Militär.

Sie tarnen sich als Digi Labs, Tech Offices oder Think Tanks. Hinter diesen blumigen Umschreibungen versteckt sich der Grund, warum sich die Autohersteller in Tel Aviv längst die Klinge in die Hand geben. In den kleinen Entwicklungsbüros arbeiten sie an nichts weniger als der Zukunft des Automobils. Die wird längst nicht mehr in Sindelfingen, Tokio, Paris oder in Detroit entschieden.

„Die Zukunft des Autos ist digital“, erklärt Jonathan Menuin vom Israel Innovation Institute, „derzeit sind es vielleicht zehn Prozent. Doch bald werden es 30 oder vielleicht 50 Prozent sein und irgendwann dann 90 Prozent.“ Die Teilnehmer kommen mit elektrischen Rollern und Elektrorädern auf den Innovationskongress Ecomotion, der nur einen Steinwurf von der Hafenmole entfernt stattfindet. In Tel Aviv tritt keiner mehr ins Pedal und statt Anzug oder Hemd gibt es hier Shorts und Shirts. Bereits morgens locken bei der Tech-Convention Bier, Burger und natürlich ist man hier papierlos unterwegs – alles funktioniert per App und Smartphone.

Die Autoindustrie, in Sachen Hightech mindestens ein halbes Jahrhundert bevorzugt in europäischer Hand, kommt um die tatkräftige Unterstützung von kleinen, wendigen Entwicklerbuden nicht mehr herum. Diese kommen nicht nur aus den USA und China, sondern zunehmend aus Israel. Aus einigen wurden in den vergangenen zehn Jahren Weltkonzerne. Digitalunternehmen, Akkuzulieferer und Anbieter von völlig neuen Ertragsmodellen bestimmen das automobile Leben der Zukunft heute mehr als die neuesten Motorenentwicklungen oder eine feinfühlige Fahrwerksabstimmung oder eine Karosserie mit innovativen Leichtbaukomponenten. Einer der Pulsmesser ist Silicon Wadi, wie das Silicon Valley von Tel Aviv nach seinem amerikanischen Vorbild genannt wird.

Kein Wunder, dass es auch auf dem 6. Ecomotion Kongress zugeht, wie in einem Taubenschlag. Der Tech-Kongress findet in der überfüllten Halle 11 am Hafen von Tel Aviv statt. Dabei ist der israelische Event eine Kontaktbörse der besonderen Art. Die Stände der meisten einzelnen Firmen sind gerade einmal 1,50 Meter breit. Ein Markenname, ein Board und ein Bildschirm – das muss reichen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Eine Kontaktbörse der besonderen Art

Die einen suchen für die eigenen Innovationen potente Geldgeber, andere wollen Geld der eigenen Firma nur allzu gerne für die automobile Zukunft ausgeben und sich mit eingekauftem Hightech-Wissen fit für die kommenden Jahre machen. 2.500 Teilnehmer lassen die überschaubare Veranstaltungshalle mit Bazar-Charakter nebst kleinen Außengelände und Vortragssaal aus allen Nähten platzen.

Nicht nur Dauergäste wie Skoda, Volkswagen, Renault und Nissan sind dabei, sondern auch Mercedes, Ford, BMW, Bosch und andere Topzulieferer sind vor Ort, um Kontakte zu knüpfen. Man trifft sich gerne im kaum kühlenden Schatten der blauen Sonnenschirme im eigens aufgebauten bayrischen Biergarten – invest in Bavaria – herzlich willkommen in Bayern. Den Weltkonzernen aus der Autoindustrie stehen renommierte Konzerne wie Mobileye, Faurecia, Alstom, Lear oder Nvidia gegenüber.

Doch es sind insbesondere kleine Firmen und Start-ups, die in Tel Aviv auf sich aufmerksam machen wollen. Im vergleichsweisen kleinen Staat Israel gibt es derzeit mehr als 6.000 Start-ups – mehr Start-ups pro Einwohner (8,3 Millionen) als jedes andere Land der Welt und absolut gesehen Platz zwei hinter dem Silicon Valley in der kalifornischen Bay Area. Dabei ist Israel gerade einmal so groß wie das Bundesland Hessen. Die Arbeitslosenquote: niedrige 3,2 Prozent und jeder zehnte Einwohner verdient sein Geld irgendwo an einem Arm der Autoindustrie.

Mehr als ein Nebeneffekt: Der Staat Israel presst die Forschungsausgaben in immer neue Höhen, um Silicon Wadi auf das Niveau des amerikanischen Gegenübers zu bringen. „Der militärische Hintergrund hier in Israel mit den ganzen Entwicklungen ist elementar für diese Dichte an Start-ups“, erklärt Jarmila Placha, Leiterin des Skoda DigiLabs, das neben dem Zentrum in Prag nun auch eine Außenstelle in Tel Aviv hat, „wir sind nicht die ersten, die hier sind, aber wir mussten hierhin. 400 große Unternehmen haben hier Forschungs- und Entwicklungszentren. In Europa oder USA sind die Chefs von Start-ups 20 bis 30 Jahre alt. Hier sind es über 40 Jahre – und die meisten waren in der Armee und haben umfangreiche Erfahrungen im Berufsleben.“

Alle wollen das nächste Mobileye sein

Eines der bekanntesten israelischen Unternehmen in der Autobranche hat einen solchen militärischen Hintergrund: Mobileye wurde einst in Jerusalem gegründet und vor kurzem vom IT-Großkonzern Intel für mehr 15 Milliarden Dollar übernommen. Das Unternehmen stellt mit seinen Kameras die quasi die Augen für selbstfahrende Autos und Assistenzsysteme her. Die Software, die die Kamerabilder analysiert und verarbeitet, hat auch einen militärischen Nutzen – etwa bei der Steuerung von Flugdrohnen. Nicht umsonst titelte eine Zeitschrift angesichts des milliardenschweren Verkaufs an Intel über Mobileye-Chef und Ex-Offizier Amnon Shashua „Vom Militär zum Milliardär“.

Beim Ecomotion Kongress unter dem Titel „reshaping the transportation landscape“ geht es um die Themenkomplexe Shared Mobility, Elektrifizierung und autonomes Fahren. Die einen bieten Drohnen an, andere locken mit ausgeklügelter Sicherheitssoftware, Kindersitzen für Carsharing-Firmen, neuen Kamerasystemen oder modernster Akkutechnik. Ein paar Meter wird eine neue Open-Source-Software angeboten, dort preist an Unternehmen seine Lidar-Sensoren der Zukunft an, während andere Teilnehmer ein paar schnelle Runden mit einem elektrischen Roller drehen.

Die Start-Up-Firmen tragen Namen wie Restart, Lakuruma, Dride, Parkcare, Roadix oder Notraffic. Sie alle träumen davon, zum nächsten Nvidia, Intel, SpaceX oder Mobileye zu werden, die sich kurz vor der Convention einen Großauftrag über acht Millionen Fahrzeuge bei einem europäischen Autohersteller sichern konnten. Die Geschichte von Mobileye nährt die Träume weiter.

„Israel ist eine hochkarätige Quelle für digitale Innovationen“

„Israel gilt weltweit als Hot Spot für Innovationen, digitale Technologien, neue Mobilitätsdienstleistungen und Car-IT. Darüber hinaus verfügt das Land über einen der vier größten Talentpools der Welt“, sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche, „mit unserem Technologie-Center in Tel Aviv wollen wir unser globales Forschungs- und Entwicklungs-Netzwerk weiter stärken.“ Ähnlich sieht es bei Skoda aus, die in Tel Aviv mittlerweile ebenfalls vor Ort sind. „Israel ist eine hochkarätige Quelle für digitale Innovationen. Dort präsent zu sein und direkten Zugang zu innovativen Projekten, Hightech-Start-ups und IT-Talenten zu erhalten, ist für Skoda von großer Bedeutung“, betont Skoda-Chef Bernhard Maier, „wir sind fest davon überzeugt, dass wir auf diese Weise das dortige kreative Ökosystem und die digitale Entwicklungskompetenz optimal für uns nutzen können.“

Es ist laut, es ist heiß und es ist irgendwie wild. Die Atmosphäre glüht und der Erfindergeist ist allemal mit dem im originalen Silicon Valley zu vergleichen. Tiefgründige Gespräche muss man in der Halle 11 jedoch nicht ernsthaft versuchen. „Es geht um den Erstkontakt. Man sieht sich und lernt sich kennen“, so Ophir Zamir von Nvidia. In die Tiefe geht es dann ein paar Wochen später bei einem persönlichen Treffen, wo Geldgeber und Geldsucher in einem szenigen Café im Herzen von Tel Aviv oder notfalls im Büro zusammenkommen. Andere treffen sich in den Firmenzentralen auf der ganzen Welt. Doch man hat sich hier in Silicon Wadi einmal gesehen, getroffen und geplaudert.

„Die Frage ist, könnten wir uns überhaupt erlauben, hier nicht zu sein“, sagt Christoph Hohmann, einer der Digitalisierungsexperten von Volkswagen. „15 Start-ups an einem Ort kennenlernen – das ist unvorstellbar, diese Energie ist überall zu spüren. Man hat hier keine Angst vor Fehlern und an zwei Tagen schafft man so viel wie sonst an fünf Tagen.“

Seine Visitenkarten holt hier keiner mehr raus und nur die völlig Ahnungslosen kommen im Anzug zum Ecomotion Kongress. Hier geht es locker und lässig zu – im Büro wie auf der Convention. Wie will man auch die visionäre automobile Zukunft gestalten, wenn man sich noch in einem Einreiher nebst Krawatte einschnüren lässt? „Israel ist ebenso wie China bei den neuen Trends deutlich weiter als Europa“, unterstreicht Skoda-Digitalchef Andre Wehner. „Bei unseren DigiLabs wir hier in Tel Aviv geht es um die Trends und nicht um aktuellen Businessmodelle. Digitalisierung ist bei uns auch ein Kulturwechsel.“ Wie Recht er hat.

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