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E-Auto-Kritik Richard David Precht im Faktencheck

Auf dem Holzweg: Richard David Precht philosophiert über das E-Auto. Quelle: imago images

Die Liebe. Die Digitalisierung. Die Bildung. Die Tiere. Die Menschen. Der Philosoph Richard David Precht hat zu allem was zu sagen. Jetzt auch noch zu Elektroautos. Das hätte er mal lieber bleiben lassen.

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Philosophie, steht im Duden, sei „das Streben nach Erkenntnis über den Sinn des Lebens, das Wesen der Welt und die Stellung des Menschen in der Welt“. Es ist, wie ich befürchtet habe: Ein Philosoph kann alles über alles sagen und verweilt dabei qua Studienabschluss immer noch irgendwie in der Kompetenz-Zone. Das musste kurz geklärt werden, bevor ich zum eigentlichen Anlass dieser Hausarbeit über die Rolle des Philosophen im technologischen Diskurs einer im Umbruch befindlichen Automobilindustrie komme: Richard David Precht.

Sie wissen schon, dieser langhaarige Schöngeist aus den Talkshows, der so wunderbar alles erklären kann. Also wirklich alles. Eine Auswahl seiner Buchtitel, die meisten davon Bestseller: „Eine Utopie über die digitale Gesellschaft“ (2018). „Wer bin ich?“ (2012). „Geschichte der Philosophie (2015). „Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen“ (2018). „Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“ (2014). „Liebe“ (2010). Herr Precht scheut vor keiner großen Frage zurück, nicht mal vor dieser finalen und größten von allen: „Warum gibt es alles und nicht nichts?“ (2015).

Unlängst, in einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“, hat sich Richard David Precht nun auch noch der Frage zugewandt, auf welche Antriebstechnik die Autoindustrie setzen sollte und welche Position dabei die Grünen einnehmen sollten. Er sagte: „Das E-Auto ist ein Problem, weil es offensichtlich die falsche Technik ist. Die Grünen haben sich leider vor einigen Jahren, als dieses als besonders umweltfreundlich angepriesen worden ist, auf eine Fehlstrategie eingelassen und kommen da nicht mehr raus. Aber die zukunftsweisendere Technik ist wahrscheinlich die Wasserstofftechnik – und nicht nur unter Energie-Gesichtspunkten. Denn dafür brauchen wir auch nicht all die Zutaten, die gegenwärtig in Sklavenarbeit in Kongo gewonnen werden, wie Kobalt. Ich bin also überhaupt kein Freund der E-Mobilität, wir machen da einen Riesenfehler.“

Der Liebe-Tier-Bildungs-Digitalisierungs-Experte sagt, das Autoland laufe beim Auto in die Irre. Puh, das war ein Schock. Für manche. Andere, die keine Liebe-Tier-Bildungs-Digitalisierungs-Experten sind, sich dafür aber ein bisschen mit Energie und Autos auskennen, blieben locker. Denn alles, wirklich alles, was Precht da so ausführte, war falsch.

Das E-Auto ist kein Problem, sondern der beste verfügbare Antrieb für Autos. Es spart rund 20 Prozent CO2 gegenüber Verbrennern ein, über den gesamten Lebenszyklus, von der Herstellung bis zur Entsorgung. Das sagt das Umweltbundesamt. Nicht VW. Die oberste Umweltbehörde. Der Vorteil steige bis 2025 auf bis zu 40 Prozent, weil der Strom immer grüner wird. Sagt das Amt.

Die Grünen haben sich nicht verrannt, sondern sie kennen einfach diese Fakten. Für wie blöd hält Richard David Precht eigentlich die Partei? Glaubt er wirklich, die Grünen seien so borniert, ewiggestrig, unflexibel und gleichgeschaltet, dass eine ganze Partei, dass ganze Parteitage das E-Auto-Lied singen, obwohl sie die Wasserstoff-Auto-Melodie im Kopf haben?

Womit wir beim Lösungsvorschlag des Philosophen wären, dem Wasserstoffauto. In solchen Autos, die auch Elektroautos sind, machen Brennstoffzellen aus Wasserstoff Strom. „Im Falle der Brennstoffzelle brauchten wir drei Mal so viele Windräder wie heute“, sagt Martin Faulstich, Professor für Umwelt- und Energietechnik an der TU Clausthal und langjähriger Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung.

Drei Mal so viele Windräder, wenn wir Wasserstoffautos fahren? Was meint der Professor? Wenn alle 45 Millionen Autos in Deutschland Elektroautos wären, dann würden sie laut Umweltministerium rund 90 Terawattstunden Strom verbrauchen. Die gut 30.000 Windräder, die sich derzeit in Deutschland drehen, erzeugten 2018 genau 112 Terawattstunden Strom – also locker genug, um 45 Millionen E-Autos damit zu laden. Macht man mit dem Strom aber Wasserstoff, kühlt diesen zum Transport herunter, bringt ihn mit Lastern zur Tankstelle, füllt ihn dort in Wasserstoffautos, die mit ihren Brennstoffzellen aus dem Gas wieder Strom machen müssen, dann bleiben dabei bis zu 80 Prozent der Energie auf der Strecke.

Professor Faulstich hat freundlicherweise angenommen, dass nur zwei Drittel der Energie verloren gehen durch diese Hin-und-Her-Verwandlerei von Strom in Wasserstoff in Strom. Man brauchte also drei Mal mehr grünen Strom und damit nicht 30.000 Windräder, sondern 90.000. Wo sollen die alle stehen? Und wie chancenreich ist eigentlich ein Antrieb mit drei Mal höheren Energiekosten? Für Leute, die nicht ständig Bestseller schreiben, wäre das jedenfalls nichts.

Bliebe noch die Sache mit dem Kobalt. E-Auto-Batterien brauchen Kobalt, Brennstoffzellen nicht. Das ist wahr – aber nur eine Momentaufnahme. Tesla ist es schon gelungen, die Kobaltmenge in seinen Akkus auf ein Viertel der früher benötigten Mengen zu senken. Glaubt man den Chefs von Tesla und Panasonic, ist der völlig kobaltfreie Akku schon in Reichweite. VW ist auch schon eifrig dabei, das Kobalt aus den Akkus zu kriegen. Der aus dem großen, chinesischen Autohersteller Great Wall hervorgegangene Batteriezellen-Hersteller SVOLT hat vor einigen Tagen seine erste kobaltfreie Zelle vorgestellt. Und in London kann man solche Akkus schon im Einsatz erleben. Da fahren Busse des chinesischen Herstellers BYD – mit Akkus und ohne Kobalt. Die Akku- und Autohersteller wollen mit Gewalt weg vom Kobalt, gehört es doch zu den teuersten Zutaten der E-Autos.

Und die Seltenen Erden, von denen immer die Rede ist? Die stecken in jedem Smartphone, in jedem PC, fast in jeder elektronischen Steuerung und deshalb auch in jedem Auto, Benziner und Diesel eingeschlossen. In den Elektromotoren von BMW aber, da stecken sie künftig nicht mehr drin. Die Bayern haben einen E-Motor entwickelt, der ohne seltene Erden auskommt. Auch bei Tesla, Audi und Mercedes kommen solche Motoren schon zum Einsatz. Es ist einfach: Das Elektroauto steht ganz am Anfang. Je länger es am Markt ist, umso besser wird es werden. Das war noch immer so, bei praktisch jedem technischen Produkt.

Wie sieht es aus, Herr Precht? Wollen Sie nicht mal eine „Utopie über das Elektroauto“ schreiben? Ein Bestseller wird es in jedem Fall. Und wenn Sie beim Schreiben mal ab und an in der WirtschaftsWoche spicken, dann klappt‘s auch mit den Fakten.

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