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Ehemaliger VW-Chefhistoriker Grieger Entsorgung eines Aufklärers

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Lästige Pflichtübung?

An sich erscheint es naiv, von Unternehmen zu erwarten, dass sie sich intensiv mit ihrer Geschichte, zumal den wenigen Jahren des nationalsozialistischen Regimes befassen sollen. Unternehmen sind vorwärts gerichtet und wollen Gewinne erzielen. Tradition mag da ein asset sein, aber nicht eine, die von Arisierung, Einsatz von Zwangsarbeitern oder Korruption in und Kooperation mit Militärdiktaturen befleckt ist. Bei manchen der Auftragsstudien der letzten Jahre ließ sich beobachten, dass das originäre unternehmerische Interesse daran gering war.

Viele Geschäftsleitungen betrachteten die Veröffentlichungen als lästige Pflichtübung, die ihnen von außen auferlegt wurde. Dies waren meist inländische und auf dem Höhepunkt der Diskussion um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter in den 1990er Jahren auch ausländische Medien. Es gab aber auch Fälle, in denen potentielle amerikanische Geschäftspartner vor Abschluss eines joint ventures von der deutschen Seite wissen wollten, welche Rolle ihr Unternehmen im Dritten Reich gespielt hatte.

Es war daher eine mutige Entscheidung der damaligen Leitung von VW, ausgerechnet einen der kritischsten Köpfe der neuen deutschen Unternehmensgeschichte dafür zu gewinnen, die Historische Kommunikation aufzubauen. Grieger hat seine Aufgabe bei VW in den vergangenen 18 Jahren immer anders verstanden als die Bewältigung einer lästigen Pflichtübung.

Seine Arbeiten über VW und andere Unternehmen in der nationalsozialistischen Wirtschaft haben, kurz gefasst, das Ergebnis, dass das Erwerbsinteresse bis in die letzten Kriegstage hinein ungebrochen war, der Glaube an Führer und Volksgemeinschaft viele Unternehmer – auch manche, die sich nicht plakativ zum Nationalsozialismus bekannten –so weit moralisch korrumpiert hatte, dass es ihnen während des Dritten Reiches, aber auch lange Zeit danach nicht zu Bewusstsein kam, wie tief sie gesunken waren. Das erklärt die Abwehrhaltung der deutschen Unternehmen gegen historische Untersuchungen in den ersten Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch das Unbehagen der Opfer, die sich bestenfalls mit Sonntagsreden abgespeist, aber nicht verstanden fühlten.

Die Rolle eines Unternehmens im Nationalsozialismus aufzuarbeiten bedarf nicht nur mühseliger Recherche, sondern auch zäher Aufklärungsarbeit nach innen und nach außen. Unternehmensgeschichte wird dann auch für das Unternehmen produktiv. Denn sie bietet – zumal für die Zeit des Nationalsozialismus – eine Fülle von Beispielen für moralische Zwangslagen der Unternehmensleitung, deren Erkenntnis genutzt werden kann, um Entscheidungen in der Gegenwart besser einordnen zu können und der Entwicklung einer Binnenmoral vorzubeugen, in der alles gestattet zu sein scheint, was formal legal ist und der Gewinnerzielung dient.

Der Aufbau einer Erinnerungsstätte mit Dauerausstellung in Wolfsburg war das erste und wichtigste Projekt von Grieger bei VW, um das Ausmaß der Verwicklung des Unternehmens in die nationalsozialistische Terrorherrschaft, aber auch das Leiden der Opfer verstehen zu können. Die Erinnerungsstätte, der Aufbau eines Unternehmensarchivs, aber auch eines historischen Marketings, das sich nicht in der Illustration mit technischen Antiquitäten erschöpfte, waren Meilensteine auf einem Weg, mit dem der VW-Konzern in den vergangenen Jahren oftmals Neuland in der Unternehmenskommunikation betreten hat.

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