WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Elektromobilität Deutschland verpennt die E-Autos

Deutschland macht Konferenzen über das Elektroauto, andere Länder machen Milliardenumsätze damit. Weil Deutschland lieber konferiert als handelt, bleibt für die meisten Autofahrer das Elektroauto auf absehbare Zeit blanke Theorie.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Elektroautos haben in Deutschland nach wie vor einen schweren Stand - Doch an mangelndem Interesse der Kunden oder fehlenden Investitionen der Autohersteller liegt es nicht Quelle: dapd

Berlin, Elektroautokonferenz der Bundesregierung. Spitzenpolitiker, Spitzenmanager, Spitzentechnik – nach dem Auftakt gestern wurde in der Hauptstadt auch heute auf höchster Ebene konferiert in Sachen Elektromobilität. Wieder einmal.

Wie ich es so schreibe, das Wort Elektromobilität, stelle ich fest, wie zäh es in den letzten Monaten geworden ist. Wie diese schillerlockenartig gewundenen Ladekabel am elektrischen Kfz im Winter. Bei Kälte sind die Dinger so widerspenstig, dass nur durchtrainierte Zeitgenossen, die neben ihrem elektrischen Vehikel vor allem das Fahrrad nutzen, es bis zur Steckdose zu zerren vermögen.  

Eeeeeeelektromobilität ist eine zähe Veranstaltung geworden. Aber nicht, weil das Thema keinen Wumms hätte. Die E-Autos sind so was von agil, dass jeder, der mal eines gefahren hat, sich fragt, warum sich nach dem elektrischen Start des Automobils vor über hundert Jahren die Verbrennungsmotoren durchsetzten. Nicht, weil die Autofahrer nicht bereit wären für den Umstieg. Jeder vierte Deutsche kann sich vorstellen, ein Elektroauto zu kaufen.

Und schon gar nicht, weil die Autobauer das Thema verpennten. Wer beim Zukunftsthema Elektroauto versage, so Opel-Chef Karl-Thomas Neumann am Montag in Berlin, könne als Autohersteller einpacken. Deshalb investieren allein die deutschen Hersteller eine zweistellige Milliardensumme in die technische Revolution. Doch weil die Entwicklung eines herkömmlichen neuen Autos vier Jahre dauert und die einer gänzlich neuen Antriebstechnik noch länger, schicken die meisten Hersteller erst ab diesem Jahr ihre ersten E-Modelle ins Rennen. Allein aus Deutschland kommen 15 neue E-Fahrzeuge bis Ende 2014.

Die erfolgreichsten Elektroautos
Chevrolet Volt Quelle: GM
Renault Zoe Quelle: Renault
Nissan Leaf Quelle: Nissan
Tesla Model S Quelle: Tesla
Audi A§ e-tron Quelle: AP/dpa
VW e-Up! Quelle: Volkswagen
BMW i3 Quelle: dpa

Zäh ist die ganze Chose, weil Deutschland so gerne quatscht, konferiert und plant. Mit einem Planungsmonster – der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) – hat sich das Autoland vor drei Jahren dem Thema gestellt. Und das machen wir bis heute. Wir konferieren.

Deutschland hinkt hinterher

Und die Elektroautos? Die fahren auf anderen Straßen, nicht den deutschen. Während in einigen Ländern Elektroautos längst zum Alltag gehören – in Norwegen ist das Elektroauto Nissan Leaf das nach dem VW Golf am zweithäufigsten verkaufte Auto, in Frankreich werden mehr elektrische Renault Zoe verkauft als Skoda Fabia oder Fiat Punto, in den USA überflügelt das Start-up Tesla deutsche Premiummarken – laboriert Deutschland noch an seinen sogenannten „Schaufensterprojekten“.

Pilotversuche also, die erst im einigen Jahren Ergebnisse bringen, die dann wiederum so ganz allmählich in die Fahrzeugentwicklung einfließen sollen. Eine Milliarde Euro Steuergeld fließt in diese Schaufenster und die damit verbundenen Forschungsvorhaben.

Zähes Geschäft

Deutsche Plug-in-Hybride
Porsche Panamera Quelle: Presse
 Audi A3 Quelle: Presse
Der Opel Ampera Quelle: dapd
Der BMW Active Tourer Quelle: dpa
Der VW Golf wird Ende 2013 gezeigt und schafft mehr als 50 Kilometer rein elektrisch Quelle: dapd
Der VW Cross Blue Quelle: REUTERS

Wenn unsere Schaufenster wieder abgebaut werden, haben General Motors, Renault und Toyota bereits ihre zweite und dritte Generation von Elektroautos im Markt und haben aus einer ganz herkömmlichen Art von Schaufensterprojekt unbezahlbare Erkenntnisse gewonnen: dem Markt. Ein Vorsprung, der nur schwer wett zu machen sein dürfte.

Es ist ein zähes Geschäft mit der Elektromobilität in Deutschland. So zäh, dass Bahnchef Rüdiger Grube bei der E-Auto-Konferenz der Kragen platzte. Unverblümt griff er Politik und Unternehmen an: „Wenn Elektromobilität nachhaltig ein Erfolg werden soll, brauchen wir ein konsequenteres Vorgehen. Das ist alles zu halbherzig.“

Doch es ist schon Wahlkampf und Kanzlerin, Bundesverkehrs- und Bundeswirtschaftsminister weit davon entfernt, Klartext zu reden. Also hielten sie in Berlin wacker am völlig illusorischen NPE-Ziel fest, Deutschland bis 2020 mit einer Million E-Fahrzeuge auf den Straßen zum „Leitmarkt für Elektromobilität“ zu machen.

Elektroautos auf deutschen Straßen

Auf gerade einmal 0,5 Prozent wird der Marktanteil der Elektroautos in Deutschland bis 2018 wachsen. Das geht aus dem Elektroautoindex Evi von McKinsey und der WirtschaftsWoche hervor. Bei einem Gesamtabsatz von drei Millionen Fahrzeugen sind das 15.000 Autos. Bereits zwei Jahre später eine Million E-Autos auf deutschen Straßen zu haben, ist ohne die massenhafte Ankunft elektrisch motorisierter Außerirdischer nicht zu schaffen.

Ist das E-Auto tot?

Ist die Elektromobilität also tot, wie vielfach geunkt. Oder im Kriechgang? Oder eine grüne Alibi-Veranstaltung der Autohersteller (das sagen Greenpeace-Demonstranten vor dem Kongress-Gebäude), um weiterhin die großen Spritfresser verkaufen zu können?

Alles Quatsch. Die Elektromobilität ist quicklebendig, bloß woanders. Das ist für die exportorientieren deutschen Autobauer kein Problem. Sie werden – auch das ein Ergebnis des Evi-Index – 2018 schon über 300.000 Elektroautos in alle Welt exportieren und damit führend sein unter den Industrieländern.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Eine grüne Alibi-Veranstaltung sind nicht die Elektro- und Hybridautos. Sie werden mit sauberem Strom, der dank Energiewende in Hülle und Fülle bereitsteht, betankt werden und zu den saubersten, effizientesten Fortbewegungsmitteln überhaupt gehören. Ein grünes Alibi sind eher die Spritverbräuche, die die Hersteller derzeit kommunizieren (Link!). Bei den offiziellen Verbrauchsangaben wird so heftig getrickst, dass der Kunde im Alltag rund 25 Prozent mehr verbraucht. Das bringt den deutschen Autokunden im Schnitt um 300 Euro pro Jahr.

Besitzer von Elektroautos kann das herzlich egal sein. Mit Strom für 300 Euro kommen sie bis zu 15.000 Kilometer weit. Leider bleibt das für die Meisten in Deutschland auf absehbare Zeit blanke Theorie.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%