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Elektromobilität Energiewirtschaft hadert mit Umstellung auf Elektroautos

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Strombedarf steigt nur geringfügig

E-City Berlin

Beides ist falsch. Der Stromverbrauch wird durch Elektroautos nur geringfügig steigen. Das liegt zum einen daran, dass Elektromotoren einen Wirkungsgrad von über 90 Prozent haben, das heißt, sie setzen 90 Prozent der eingesetzten Elektrizität in Bewegungsenergie um. Verbrennungsmotoren dagegen wandeln nur 30 Prozent der Energie im Benzin in Bewegung um, der Rest verpufft in Wärme. Deshalb wird bei einer Million Elektroautos der Stromverbrauch gerade mal um etwa ein halbes Prozent steigen.

Zum Bau neuer Kohle- oder Atomkraftwerke wird es durch das Elektroauto also nicht kommen. Der Ausbau erneuerbarer Energien wie etwa Wind- oder Solarstrom wird durch das E-Auto dagegen gefördert – dafür werden allein schon die Autobauer sorgen. Sollten die Autos nämlich mit Kohlestrom befüttert werden, könnten sie mit den E-Mobilen den Kohlendioxidausstoß nicht ausreichend verringern, um die strengen Vorgaben der EU einzuhalten.

Für die Energiekonzerne sind die Elektroautos sowieso die perfekte Ergänzung zum Ausbau der erneuerbaren Energien, wie der erste Weihnachtsfeiertag 2009 zeigte. Für Deutschlands Stromkonzerne war es ein rabenschwarzer Tag: Das Tief Zephyrinus brauste übers Land und trieb die Windräder an, die daraufhin jede Menge Strom produzierten und ins Netz einspeisten. Doch weil Feiertag war, brauchte den Strom niemand. Den Energiekonzernen blieb nur, den teuer produzierten Strom nach Polen und Russland zu leiten und den Abnehmern zum Dank sogar noch etwas zu bezahlen, statt Geld dafür einzunehmen. Den Strom zu speichern, war unmöglich.

„Elektroautos mit Akkus helfen unser Speicherproblem zu lösen“, sagt deshalb Oliver Weinmann, der Leiter des europaweiten Innovationsmanagements beim schwedischen Energiekonzern Vattenfall. Fahrzeuge ans Netz (vehicle to grid) nennt sich das Konzept. Wenn es ein Über-an-gebot an Strom gibt, ziehen die Elektroautos den Saft automatisch aus dem Netz in ihre Batterie. Wird das Autonicht gebraucht, kann Strom aus den -Akkus ins Netz zurückfließen und helfen, Engpässe in der Stromversorgung zu überbrücken.

Gibt es genügend Elektroautos, können sie auf diese Weise verhindern, dass die Stromkonzerne Kraftwerke anfahren müssen, die den Spitzenverbrauch abdecken. „Der BMW Mini braucht beispielsweise drei Stunden, um voll geladen zu sein. Aber das Fahrzeug ist nachts viel länger an der Steckdose – Zeit, die wir nutzen können, um Strom zu speichern oder abzurufen“, sagt Weinmann. Der Kunde könnte sogar Vergünstigungen beim Strompreis bekommen, wenn er seinen Wagen als Strompuffer zur Verfügung stellt.

"Elektroauto ändert das System"

Eine andere Form des Stromspeicherns will Vattenfall von Ende des Jahres an in Hamburg mit der städtischen Hamburger Hochbahn und Daimler testen. Der Strom aus erneuerbaren Energien wird genutzt, um aus Wasser per Elektrolyse Wasserstoff zu gewinnen. Der treibt dann bis 2013 insgesamt 20 Mercedes-Busse mit Brennstoffzelle und Elektromotor an.

„Mit dem Elektroauto ändert sich nicht das Produkt, es ändert sich das System“, sagt Gregor Matthies, Autoexperte und Partner bei der Unternehmensberatung Bain & Company – und sieht Parallelen zum iPhone von Apple. Wie das E-Auto habe auch das iPhone, als es 2007 vorgestellt wurde, eine geringe Batterieleistung gehabt und nur einen Tag durchgehalten. Dennoch habe es sich inzwischen weltweit 35 Millionen Mal verkauft. „Das liegt daran, dass es mit einem normalen Mobiltelefon nicht mehr viel gemein hat, also ein anderes System mit ganz neuen Vorteilen ist. Dies gilt auch für das Elektroauto.“

Wie neue Software-Anwendungen („Apps“) aus Handys vom Typ iPhone einen neuen Massenmarkt machten, könnten auch rund um das Elektroauto neue Geschäftsmodelle entstehen. Engelbert Wimmer von der Unternehmensberatung PA Consulting sieht eine Vielzahl von Möglichkeiten – von Leasingmodellen für Batterien oder der Bereitstellung von Infrastruktur wie Lade- oder Akkutausch-Stationen bis hin zum Carsharing, der kollektiven Nutzung eines Autos.

Autohersteller könnten zu Service-Anbietern mutieren

Aber auch das Geschäftsmodell von Autoherstellern wird sich verändern: Aus Fahrzeugbauern könnten Service-Anbieter werden, die, statt nur beim Fahrzeugverkauf zu verdienen, ständige monatliche Einnahmen erzielen. „Es ist davon auszugehen, dass die Verbraucher beim Elektroauto wesentlich stärker als bisher Leasingmodelle akzeptieren werden, zieht man die hohen Batteriepreise und steuerliche Anreize zum Klimaschutz in Betracht“, sagt Berater Wimmer.

Handel und Gastronomie etwa haben das E-Auto bereits für sich entdeckt. Der drittgrößte europäische Lebensmittelhändler in Europa, der Kölner Rewe-Konzern, hat zusammen mit dem Energieriesen Vattenfall in einem einjährigen Pilotprojekt im vergangenen Jahr elf Berliner Supermärkte mit Ladestationen ausgerüstet. Butter, Brot und Bier einkaufen und danach wieder weiter Auto fahren können – so wollen die Kölner das Einkaufen attraktiver machen.

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