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Elektromobilität Shai Agassi: Der Prophet des Elektroautos

Keiner verkörpert Autofahren ohne Benzin so wie Shai Agassi, der die Welt mit einem Netz aus Strom- und Batteriestationen überziehen will.

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Shai Agassi Quelle: laif/the new york times

Der Satz könnte vom Messias stammen. „Ich bin das Ende des Öls“, verspricht Shai Agassi und zieht die Zuhörer in seinen Bann. In den nächsten 15 Jahren, so sein Plan, will der 42-jährige Unternehmer die Industrieländer mit einem Netz von Stationen überziehen, an denen Besitzer von Elektroautos nach Belieben ihre leer gefahrenen Batterien gegen frische austauschen oder aufladen können. Agassis Botschaft ist klar und verlockend: „Wir machen Elektrofahrzeuge komfortabler und günstiger als Benzinautos.“

Der 42-jährige Unternehmer aus Palo Alto im US-Bundesstaat Kalifornien ist der zurzeit wohl publikumswirksamste Promotor der Elektromobilität weltweit. Unermüdlich ist er als Chef und Gründer des Elektroautovermarkters Better Place in den vergangenen drei Jahren um die Welt gereist und hat Hunderte von Vorträgen gehalten. In seinem Heimatland Israel gilt Agassi als Patriot, weil er mit seiner Idee den Einfluss verfeindeter Ölmächte, zum Beispiel des Iran, zurückdrängen könnte. Staatspräsident Shimon Peres hilft ihm deshalb schon mal gern höchstpersönlich, Kontakte zu wichtigen Geschäftsleuten zu knüpfen.

Revolutionäres Geschäftsmodell

Agassis Geschäftsmodell ist so einfach wie revolutionär. Kunden sollen bei Better Place ein Elektroauto kaufen oder leasen, indem sie gleichzeitig einen Vertrag quasi über die Betankung schließen. Denn dafür, also für den Austausch oder das Aufladen leer gefahrener Batterien, sorgt Better Place – sozusagen eine Art Abo für Tank und Treibstoff. Agassi ist überzeugt, dass da ein milliardenschweres margenträchtiges Geschäft schlummert.

Die ersten Autos sollen 2011 ausgeliefert werden

Der Prominenteste, der sich von dieser Idee überzeugen ließ, ist Carlos Ghosn, der Chef des französischen Autoherstellers Renault. Der ist mit dem japanischen Anbieter Nissan verbandelt, hat gerade auch eine Allianz mit Deutschlands Nobelanbieter Daimler angekündigt. Renault wird für Better Place eine Version seiner fünftürigen Elektrolimousine Fluence fertigen. Die ersten Autos sollen 2011 ausgeliefert werden – laut Agassi zum Preis einer konventionellen Limousine mit Verbrennungsmotor.

In den vermutlich um die 40.000 Euro, die der Kunde hinblättern muss, ist eine Garantie für vier Jahre oder 120.000 Kilometer enthalten. Insgesamt 100.000 Fahrzeuge hat Agassi bis 2016 bei Renault bestellt. Die Limousine hat laut Renault 160 Kilometer Reichweite. Danach muss die Batterie dann ausgetauscht oder aufgeladen werden. Das Aufladen dauert vier bis acht Stunden – oder wenn es besonders eilt 20 Minuten, was allerdings die Batterie auf Dauer sehr beansprucht.

In Dänemark und Israel baut Better Place derzeit die nötige Infrastruktur auf. Dort will Agassi im nächsten Jahr mit seinem Projekt offiziell starten. Ladestationen werden in Parkhäusern, Supermarkt-Parkplätzen und Innenstädten installiert, Tankstellenbetreiber und Autowerkstätten als Partner für das Austauschen der Batterien gewonnen. Kunden bekommen auf Wunsch eine Aufladestation in die häusliche Garage gestellt. Die Regierungen beider Länder wollen die Anschaffung von Elektroautos mit Steuererleichterungen versüßen.

Agassi ist ein begnadeter Vermarkter, kann Visionen verkaufen und Menschen begeistern. Zu seinen Investoren zählen der Mitbegründer des deutschen Softwarekonzerns SAP, Hasso Plattner, die staatliche israelische Investmentbank und die Großbank HSBC. 750 Millionen Dollar hat der smarte Israeli bereits eingesammelt. Damit zählt Better Place zu den bestfinanzierten Startups weltweit.

Höhere Kosten, höheres Risiko

Doch nicht jeder glaubt an Agassis ehrgeizige Pläne, allen voran die deutschen Autokonzerne. Sie sehen in reinen Elektroautos auch in den nächsten beiden Jahrzehnten nur einen Nischenmarkt. Kommt es so, hätte das einschneidende wirtschaftliche Folgen: Weil Agassi ausschließlich auf Elektroautos und nicht wie etwa sein US-Konkurrent Henrik Fisker auf Hybride aus Elektro- und Verbrennungsmotor setzt, sind die Kosten der Infrastruktur, vor allem das bei Agassis Konzept erforderliche Austauschen der Akkus, höher. Unklar ist zudem, ob es Better Place gelingt, immer genügend Batterien fürs Auswechseln für längere Fahrten auf Lager zu haben sowie genügend Servicepartner dafür zu finden.

Agassi, athletisch, charmant und gut aussehend, ist bekannt für seine Ungeduld, seinen Ehrgeiz und Arbeitseifer. Mit nur 33 Jahren zog der gelernte Programmierer als jüngstes Mitglied in den Vorstand des Softwareriesen SAP im badischen Walldorf ein. Die Deutschen hatte ihm zuvor das von ihm und seinem Vater gegründete Internet-Startup Top Tier für 400 Millionen Dollar abgekauft und ihn finanziell unabhängig gemacht. Lange galt er als Kronprinz, gefördert vom heutigen Aufsichtsratschef Plattner. Doch als sich abzeichnete, dass der Weg an die Konzernspitze länger dauerte als gedacht, verließ Agassi SAP 2007 Hals über Kopf.

Nun fragen sich Freund und Feind: Kann so einer tatsächlich in großem Stil Kunden gewinnen, die ihr Elektroauto exklusiv bei ihm beziehen, den Strom exklusiv über Better Place erwerben und akzeptieren, bei Fahrten über 160 Kilometer Akkus bei Austauschstationen zu wechseln?

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