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Erbe der Auto Union Audi stellt sich seiner NS-Vergangenheit

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Konzept gegen Rechtsradikalismus

Daher will der Audi-Betriebsrat „nicht nur Erinnerungsarbeit leisten“, sondern arbeitet an einem Konzept für ein Auszubildenden-Projekt gegen Rechtsradikalismus und Nationalismus. Dafür will Mosch den Vorstand gewinnen. Zudem kündigt er an: „Ich werde im Aufsichtsrat der Pensionskasse eine Umbenennung vorschlagen, um Bruhn aus dem Namen ,Dr.-Richard-Bruhn-Hilfe-Altersversorgung der AUTO UNION‘ zu streichen.“

Änderungen sind auch auf der Audi-Homepage fällig, wo Bruhn noch als „Vater der Auto Union“ und Mann mit „honorigem Namen“ geehrt wird: „Mit großer Umsicht gestaltete er das Unternehmen zu einem der führenden Kraftfahrzeugkonzerne im damaligen Deutschen Reich.“

Kluger Maßstab

Einen klugen Maßstab für den Umgang heutiger Manager mit den NS-Verstrickungen ihrer Unternehmen hat der frühere Daimler-Finanzchef Manfred Gentz formuliert, der vor 15 Jahren den Beitrag der Wirtschaft zur Zwangsarbeiterentschädigung im Rahmen der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft einsammelte: „Die Firmengeschichte 1933 bis 1945 tabulos zu beschreiben gehört für mich zur Firmenhygiene.“

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    Ob Audi das nun geleistet hat, wird das Urteil der Historiker über die neue Studie zeigen. Kritiker werden sich daran stören, dass Mitautor Kukowski Audi-Mitarbeiter ist.

    Ohne direkten Bezug zum aktuellen Fall sagt Martin Schulze Wessel, Geschichtsprofessor an der Universität München und Vorsitzender des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands: „Wenn ein Unternehmen eine Studie zur eigenen Geschichte in Auftrag gibt und daran einen Mitarbeiter mitschreiben lässt, steht immer der Verdacht der Befangenheit im Raum.“ Das könne nicht im Interesse des Unternehmens sein: „Nur Forschung, die wissenschaftlichen Kriterien gerecht wird, kann glaubwürdige Antworten geben.“

    Co-Autor Boch widerspricht: „Ich sehe das nicht so, dass die Unabhängigkeit nicht gegeben ist. Ich habe mir vertraglich zusichern lassen, dass uns keiner reinredet.“

    Audis neues Bekenntnis zur NS-Geschichte kann auch wirtschaftliche Folgen für das Unternehmen haben. Wenn die nach dem Krieg in Ingolstadt gegründete Auto Union juristisch als Rechtsnachfolgerin der alten Auto Union gilt, könnten Überlebende des Nazi-Terrors oder ihre Nachfahren Schadensersatzforderungen gegen Audi geltend machen.

    Die Studie stellt klar: Nach dem Krieg sei die alte Auto Union in Ostdeutschland zwar aufgelöst worden. Doch die „Auto Union AG Ingolstadt ist der Rechtsnachfolger, Auto Union GmbH Ingolstadt der Produktionsnachfolger der Auto Union“.

    Auto



    Betriebsratschef Mosch will sich daher „beim Thema Entschädigungsleistungen für frühere Auto-Union-Zwangsarbeiter rückversichern“. Der VW-Konzern hat 1998 bereits einen eigenen Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter eingerichtet und sich später auch an den Entschädigungszahlungen der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beteiligt. Damit sei, so bislang die Sicht von Volkswagen, auch das Unrecht bei Auto Union abgegolten.

    Unlogisch daran erscheint, dass VW das wahre Ausmaß der Zwangsarbeit bei Auto Union um die Jahrtausendwende noch gar nicht kannte.

    Erstaunliche Zurückhaltung

    Dass sich Audi nie am Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft beteiligt hat, stößt bei der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die unter anderem für die Gedenkstätten Flossenbürg und Leitmeritz zuständig ist, auf Unverständnis: „Die Auto Union war einer der großen Nutzer von Zwangsarbeit, sei es durch zivile Zwangsarbeiter oder durch KZ-Häftlinge“, sagt Stiftungshistoriker Ulrich Fritz. „Umso erstaunlicher ist es, dass Audi, wo man sich gern auf die technische Tradition der Auto Union beruft, nicht selbstständig Mitglied der Stiftungsinitiative geworden ist und damit Verantwortung auch für diesen Teil der Firmenhistorie anerkennt.“

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