Ermittlungen gegen VW-Chef Müller Volkswagen kann sich nicht von innen reformieren

Der Versuch von VW, sich nach dem Dieselskandal von innen zu reformieren, kann nicht gelingen. Der Konzern muss dringend nachholen, was er 2015 versäumt hat – und das mit neuem Führungspersonal von außen.

VW-Chef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Quelle: REUTERS

Nun also doch: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt gegen Matthias Müller. Bislang war der Manager, der wenige Tage nach dem Ausbruch des Dieselskandals zum VW-Chef aufgestiegen war, bei den Ermittlungen außen vor. Die Nachricht des Konzerns war klar: Müller ist nicht vorbelastet, als Chef des Autobauers Porsche hatte er nichts mit den millionenfachen Abgas-Manipulationen zu tun – schließlich fanden die vor allem bei VW und Audi statt.

Wie es jetzt scheint: ein Trugschluss.

Die Ermittlungen gegen Müller richten sich allerdings nicht gegen ihn in seiner Funktion als VW-Chef. Für Wolfsburg ist ohnehin die Staatsanwaltschaft Braunschweig zuständig. Und die ermittelt bereits gegen die damaligen VW-Verantwortlichen – unter anderem den früheren VW-Chef Martin Winterkorn, den VW-Markenchef Herbert Diess und den damaligen Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch, der heute Aufsichtsratsvorsitzender ist.

Die Stuttgarter Staatsanwälte dagegen ermitteln gegen den Vorstand der Porsche SE aus dem Jahr 2015 – also jener Holding, in der die Familien Porsche und Piëch ihre Anteile an Volkswagen bündeln. Mit 52,2 Prozent hat die Holding das Sagen bei VW. In dem Vorstand saßen zum Ausbruch der Dieselkrise VW-Finanzchef Pötsch, VW-Chef Martin Winterkorn, Porsche-Manager Philipp von Hagen (gegen den nach Informationen der WirtschaftsWoche nicht ermittelt wird) und eben Porsche-Chef Matthias Müller.

Der Verdacht ist allerdings derselbe wie in Braunschweig: Marktmanipulation. Börsennotierte Unternehmen müssen Nachrichten, die den Kurs der Aktie stark bewegen können, „ad hoc“ veröffentlichen. Kommen sie dieser Pflicht nicht nach, können sich die Vorstandsmitglieder wegen Marktmanipulation strafbar machen. Dabei ist es egal, ob sich die Aktien in Streubesitz befinden oder wie bei der Dachgesellschaft Porsche SE von den Mitgliedern zweier Familien gehalten werden.

Wer 2015 im Vorstand der Porsche SE saß

Im Kern geht es um die Frage, ob die Porsche SE die Meldung zum Dieselskandal bei Volkswagen, die auch einen immensen Einfluss auf den Aktienkurs der PSE hatte, rechtzeitig veröffentlicht hat. Ob sich der Verdacht gegen Müller erhärtet, müssen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zeigen. Er war zu jener Zeit im PSE-Vorstand offiziell für Strategie und Unternehmensentwicklung zuständig.

Der Werdegang Müllers innerhalb des VW-Konzerns vor dem September 2015 ist zwar nicht Teil der Ermittlungen in Deutschland, zeichnet aber ein Bild, das mehrere Interpretationen zulässt. So war Müller etwa im Jahr 2006 als oberster Produktstratege des Konzerns über die geplante Diesel-Offensive in den USA informiert. Zumindest die US-Staatsanwälte unterstellen, dass Müller bereits zu diesem Zeitpunkt über die Stickoxid-Probleme Bescheid wusste – doch wusste er auch von der illegalen Software-Lösung?

Karriere im VW-Konzern: Die Stationen von Matthias Müller

In der Lage, in der der Konzern immer noch ist, kann er aber keinen Vorstandsvorsitzenden brauchen, dessen Vergangenheit im größten Skandal der Firmengeschichte Fragen offen lässt. Zumindest nicht, wenn VW ein gewöhnliches Unternehmen wäre. Zum Beispiel wenn der Vorstandsvorsitzende nicht zugleich auch im Vorstand des mit Abstand größten Einzelaktionärs sitzen würde – und so großen Rückhalt genießt.

Je mehr über die Hintergründe des Dieselskandals bekannt wird, desto klarer wird: Eine echte Aufklärung kann und wird es mit dem aktuellen Management nicht geben. Den Konzern verlassen, mussten bislang der frühere Chef Winterkorn, sowie die Entwicklungsvorstände Ulrich Hackenberg (Audi), Wolfgang Hatz (Porsche) und Heinz-Jakob Neußer (VW) – allesamt entstammen sie der VW-Motorenentwicklung. In dem viel zitierten „Statement of Facts“, das die US-Ermittler zusammen mit Volkswagen veröffentlicht haben, wird allerdings nur Neußer direkt beschuldigt. Über eine direkte Beteiligung der anderen ist bis heute öffentlich nichts bekannt.

Und das wird auch so bleiben, wie Hans Dieter Pötsch – gegen den nun von zwei Staatsanwaltschaften ermittelt wird – auf der Hauptversammlung am Mittwoch klar gestellt hat. „Einen schriftlichen Abschlussbericht von Jones Day gibt es nicht und wird es auch nicht geben.“ Über das „Statement of Facts“ hinaus werde es keinen gesonderten Bericht geben. Die Begründung: Man habe sich gegenüber dem US-Justizministerium verpflichtet, dass der Konzern keine anderslautenden Informationen außerhalb der Faktensammlung über den Dieselskandal veröffentlichen darf. Kämen die internen Jones-Day-Ermittler in ihrem Abschlussbericht zu einem anderen Schluss als die US-Justiz, würde es für Volkswagen teuer werden.

Eine Chance bleibt allerdings: Volkswagen muss die Erkenntnisse zwar nicht veröffentlichen, könnte sie aber zu einer tiefgreifenden internen Aufarbeitung nutzen. Sonderlich wahrscheinlich erscheint das mit dem aktuellen Management allerdings nicht. VW braucht dringend externes Führungspersonal.

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