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Ex-BMW-Vorstand Göschel "Die Autoindustrie braucht einen mentalen Schwenk"

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"Mittelfristig bleibt uns der Diesel erhalten"

Trotz aller Diskussionen scheint der Diesel zumindest in Europa bislang keine Käufer zu verlieren. Wie erklären Sie sich das?
Vor allem in den großen Fahrzeugen begeistern das hohe Drehmoment und die damit einhergehenden Fahrleistungen bei niedrigem Spritverbrauch. Auch die Reichweite ist ein Vorteil. Diesel ist nicht unbedingt eine wirtschaftliche Frage. Aber auf langen Strecken nicht oft tanken zu müssen, ist ein Komfort-Aspekt, der wichtiger ist als ein paar Cent beim Tanken zu sparen. Die Kunden entscheiden nach Attraktivität und Emotionen. Da hat der Diesel nach wie vor viel zu bieten.

Der Diesel bleibt uns also auch in Zukunft erhalten?
Mittelfristig auf jeden Fall. Ohne den Diesel, ohne Hybride und elektrische Fahrzeuge ist das 95-Gramm-CO2-Flottenziel definitiv nicht zu erreichen. Aber: Es könnte noch eine ganz andere Entwicklung eintreten. Sollten batteriebetriebene Autos in absehbarer Zeit ebenfalls auf große Reichweiten kommen und schneller als bisher aufzuladen sein, könnte diese Technologie bei großen und teuren Fahrzeugen in den Vordergrund treten und auch dort den Diesel verdrängen. Die Fahrleistungen eines Tesla Model S sind beeindruckend. Wenn dann noch die Reichweite stimmt, fährt man sozusagen im Elektroauto quasi den besten Zwölfzylinder der Welt: extrem leise, drehmomentstark vom ersten Meter an und nicht nur vibrationsarm, sondern vibrationsfrei! Das schafft kein echter Zwölfzylinder. Auch für den elektrischen Antrieb gilt: Attraktivität und Emotionen treiben das Thema.

Wie konnte die Autoindustrie in diese Image-Krise schlittern, die mit dem Volkswagen-Betrug angefangen hat?
Die Autoindustrie hat es versäumt, proaktiv zu agieren. Dass der Fahrzyklus NEFZ nicht der Realität entspricht, hätte man von sich aus sehen und angehen müssen. Die Diskrepanz zwischen angegebenem Wert und Realverbrauch ist, wie gesagt, besonders bei den Fahrzeugen mit Hybridantrieb eklatant. Diese Themen muss man im Vorfeld auffangen, bevor sie unkontrollierbar und ideologiebelastet diskutiert werden. Die Autoindustrie muss sich ja jeden Tag gegen neue Vorwürfe verteidigen, bei denen niemand mehr wirklich richtigstellt oder besser: richtigstellen kann. Die öffentliche Wahrnehmung geht über alle Argumente hinweg, hält sich nicht an die Fakten gesetzlich vorgegebener oder vereinbarter Messverfahren, sondern empfindet emotional. Das ist für die Autoindustrie eine schwierige Situation. Da hat Volkswagen leider keinen guten Beitrag geleistet.

Wie kommt die Branche da wieder raus?
Die Autoindustrie muss das Heft des Handelns wieder in die Hand nehmen und die Diskussion auf eine sachliche Ebene bringen. Sie muss deutlich machen, dass sie sich – mit einer Ausnahme – an die Regeln gehalten hat. Und sie muss anfangen, diese Regeln im Sinne der Nachhaltigkeit von sich aus zu verändern. Damit entsteht Glaubwürdigkeit. Die Autoindustrie braucht einen mentalen Schwenk, wenn sie nicht zu einem Fossil werden will. Statt über Boni zu diskutieren, sollten sich die Unternehmensführer den wirklich wichtigen Themen zuwenden und das auch kommunizieren.

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