WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Ex-GM-Manager Phil Murtaugh "Qoros hat die Kurve nicht gekriegt"

Qoros war einst die große Hoffnung am chinesischen Automarkt – doch die Kunden blieben aus. Nun soll es der frühere GM-Manager Phil Murtaugh richten. Ein Gespräch über die Fehler des Autoherstellers und was er mit Qoros vor hat.

Qoros-Chef Murtaugh räumt auf Quelle: Presse

Vorstandschef Volker Steinwascher – in Rente. Vertriebschef Stefano Villanti – gefeuert. Christiano Carlutti - hilft neuerdings Jungunternehmern in China. Fertigungsleiter Friedrich Major – hat sich mit einer Unternehmensberatung selbständig gemacht. Programmplaner Peter Matkin – zu Chery gewechselt. Roger Valkusson, Vorstand für Fahrzeugintegration – zurück in Schweden. Qualitätschef Ralf Nicolas – von einem Tag auf den anderen in den Ruhestand geschickt.

Von dem internationalen Gründungsteam, das Qoros Ende 2007 aus der Taufe hob, sind unter anderem noch Entwicklungschef Klaus Schmidt an Bord, Designchef Gert Hildebrand, CIO Wolfgang Grottke und Fertigungsdirektor Alexander Wortberg. Aber wie lange noch? „Hier rauscht gerade eine Lawine den Berg hinab, alles ist in Bewegung“, beschreibt ein Insider die aktuelle Situation bei dem chinesischen Autohersteller.

Fahrzeugproduktion und -absatz in China seit 2008

Katastrophale Absatzzahlen im vergangenen Jahr haben die Finanziers des Joint Ventures – den chinesischen Autobauer Chery und die Industrieholding Israel Corporation des Multimilliardärs Idan Ofer – aufgeschreckt. Erfahrene Automanager aus Europa, die das Unternehmen einst ins Land holte, um Fahrzeuge nach westlichen Standards zu chinesischen Kosten zu fertigen, wurden entlassen. Und mit Phil Murtaugh wurde ein knallharter Ex-GM-Manager zum neuen Qoros-Chef gekürt, der das Unternehmen nun schnellstmöglich auf Vordermann bringen soll. Bei den verbliebenen Expats herrscht seitdem helle Aufregung.

Die Europa-Offensive ist abgesagt

Denn Murtaugh, der 16 Jahre lang die Geschäfte von GM in China führte und davor die Geschäfte von Chrysler in Asien verantwortete, fackelt nicht lange. Viele der europäischen Expats wurden inzwischen durch Chinesen ersetzt, die früher für Chery arbeiteten. Auch an anderen Stellen treibt er die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Großaktionär voran. „Wir wollten eigentlich Fahrzeug-Plattformen an andere Hersteller verkaufen“, erzählt ein Insider. „Jetzt übernehmen wir die Technik von Chery. So wird das nichts.“ Jedenfalls nichts mit der chinesischen Premiummarke europäischer Prägung, mit der das frühere Führungsteam auch preissensible Autokäufer in den westlichen Industrienationen gewinnen wollte.

Die Europa-Offensive, die Ex-Vorstandschef Steinwascher für 2016 geplant hatte, hat Murtaugh erst einmal auf Eis gelegt: Der Unternehmen müsse sich zunächst einmal auf den chinesischen Automarkt konzentrieren. Dort hat das Unternehmen im vergangenen Jahr über die eigenen Handelsbetriebe gerade einmal rund 7000 Autos abgesetzt: Die Fertigungskapazitäten im Werk Changshu in der Nähe von Shanghai waren damit bei weitem nicht ausgelastet. Murtaugh arbeitet deshalb nicht nur am Ausbau des Vertriebsnetzes, sondern auch an einer Neupositionierung des Markenimage: Qoros soll als chinesische Premiummarke vor allem jungen Käufern im Heimatland schmackhaft gemacht werden.

Neue Händlergruppen wurden inzwischen für Qoros gewonnen. Auch sucht der neuen Vertriebschef Sun Xiaodong im Rahmen der e-Qoros-Strategie Möglichkeiten des Direktvertriebs von Fahrzeugen über das Internet. Doch ob die Strategie aufgeht, steht derzeit ebenso in den Sternen wie die Entscheidung über die Erweiterung der Modellpalette durch ein kompaktes SUV. Der Zeitdruck ist hoch – und das Geld wird allmählich knapp.

Unter den verbliebenen Expats aus Europa wächst deshalb die Sorge, dass Großaktionär Chery insgeheim eine ganz andere Strategie verfolgt: Qoros in die Pleite zu treiben, damit sich Investor Ofer entnervt zurückzieht. Chery könnte dann seine Anteile preisgünstig übernehmen, sich so das mit westlicher Hilfe entstandene Know-how sichern - und Qoros als Premiummarke in den Konzern integrieren.

WirtschaftsWoche: Phil, wie lange sind Sie jetzt eigentlich schon bei Qoros?
Phil Murtaugh: (Lacht) Noch nicht so lange, aber es kommt mir wie Jahre vor. Tatsächlich bin ich erst seit dem 1. Februar dieses Jahres hier.

Haben Sie in der Kürze der Zeit schon herausgefunden, was bei diesem Projekt schief gelaufen ist?
Wenn es so einfach wäre. Ich könnte viele Punkte anführen, aber das würde sich so anhören, als würde ich jemanden kritisieren. Das ist nicht meine Art. Ich will es deshalb so formulieren: Das Management hat in den zurückliegenden sieben Jahren Unglaubliches geleistet. Aber sie haben sich zu sehr in die Ingenieursarbeit vertieft und schließlich völlig darin verloren.

Wie meinen Sie das?
Jeder Autohersteller fängt damit an, ein Produkt zu entwickeln und zu bauen. Dafür entwickelt man einen Business Plan und ein Programm-Management, man stellt einen Zeit- und Finanzplan auf. Und wenn alles strukturiert ist, hat das Management die Aufgabe, sämtliche Prozesse zu überwachen und die Einhaltung der Ziele zu kontrollieren. Qoros hat im November 2013 tatsächlich eine sehr gute Limousine auf den Markt gebracht. Der Qoros 3 ist ein absolut wettbewerbsfähiges Auto, vielleicht sogar das beste Auto, mit dem ich jemals zu tun hatte. Aber: Wenn ein Produkt auf dem Markt ist, muss man die Denkweise ändern.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%