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Fahrbericht Lucid Air Ein Elektro-Bolide wie auf Schienen

WiWo-Autor Matthias Hohensee holt den Lucid Air zur Testfahrt in Kalifornien ab. Quelle: Matthias Hohensee

Der Lucid Air ist eine elektrische Luxus-Limousine, die demnächst gegen Deutschlands Edelmarken und gegen Tesla antreten wird. Ist sie dafür gerüstet? Ein paar Eindrücke von einer Tour in Kalifornien.

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Es ist kurz vor Mittag, als unsere Kolonne aus vier Lucid Air Elektro-Limousinen in Pescadero für einen Zwischenstopp hält. Pescadero ist ein kalifornisches Küstendörfchen in der Nähe des Silicon Valley, ein beliebtes Ausflugziel für die Bewohner des Hightech-Tals. Wir, das ist eine Gruppe von vier Journalisten. Einer aus Norwegen, dem Land mit der größten Elektroautodichte der Welt. Einer aus Großbritannien, der Heimat von Lucid-Motors-Chef Peter Rawlinson. Und zwei aus Deutschland, wo Lucid nun mit dem Verkauf seiner Fahrzeuge startet.

Vor Duartes Tavern, eine für ihre hochgelobte Artischocken-Suppe bekannte Schenke, kommt ein hagerer, hochaufgeschossener Mann auf unsere Gruppe zu. David Beswick, so sein Name, lebt an der Ostküste, in Wilmington, Delaware und besucht gerade seinen in San Francisco lebenden Sohn. „Ich glaube es nicht“, sagt Beswick. „Gleich vier Lucid Limousinen auf einen Schlag.“ Gerade ringe er mit der Entscheidung, ob er einen Lucid ordern solle. Ein Kollege habe einen Tesla S Plaid bestellt, doch „der ist mir etwas zu aggressiv.“

Am Lucid Air, den er bislang nur von Bildern kennt, gefalle ihm die Form und vor allem die Reichweite von über 500 Meilen mit nur einer Ladung. „Ihr seid in Kalifornien verwöhnt, wir haben in Delaware kaum Schnellladestationen“, erklärt er. Aber das wichtigste Kriterium sei, ob er mit seinen fast zwei Metern Körpergröße auch bequem sitzen könne. Beswick klettert auf den Fahrersitz meines Lucid-Air-Testwagens, schiebt den Sitz tiefer und noch etwas mehr nach hinten, lächelt zufrieden und sagt: „Passt, ich werde ihn bestellen.“



Hm, das wirkt verdächtig. Denn zwei der wichtigsten Verkaufsargumente sind die Geräumigkeit der Limousine und ihre Reichweite. Will uns das Lucid-Marketing hier einen Streich spielen? Aber Beswick, so ergibt eine Recherche, ist kein angeheuerter Schauspieler. Sondern tatsächlich ein Gastroenterologe und damit in einer Berufsgruppe, die sich einen – inklusive Verkaufssteuer – fast 200.000 Dollar teuren Wagen leisten kann. Allerdings wird er seinen Volvo XC60 noch etwas länger fahren müssen. Denn Lucid Motors hat in den USA derzeit eine Wartezeit von mindestens einem Jahr.

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    Auch am Lucid-Hauptsitz sind die Autos knapp. Alles was verfügbar ist, wird sofort ausgeliefert, um die 30.000 Vorbestellungen abzuarbeiten. Von der limitierten Lucid Air Dream Edition, die wir fahren, gibt es ohnehin nur 520 Exemplare. Ein Tick von Rawlinson, der damit die 520 Meilen Reichweite zelebrieren will.

    Lucid Motors eröffnet in München am 13. Mai 2022 offiziell seinen ersten deutschen Showroom. Ende des Jahres sollen erste Fahrzeuge an Kunden in Deutschland ausgeliefert werden. Dabei wird es sich um die vollausgestatteten Topversionen „Dream Edition Performance“ sowie „Dream Edition Range“ handeln. Beide Varianten sind Kunden vorbehalten, die bereits einen Air reserviert haben. Quelle: Lucid Motors

    Mein Testwagen, ein metallisch gold schimmernder Lucid Air Dream Edition Performance hat 1111 Pferdestärken, wird normalerweise von Lucid-Chefdesigner Derek Jenkins gefahren. Der Kalifornier startete seine Karriere bei Audi, war fast ein Jahrzehnt Chefdesigner von Volkswagen Nordamerika, ist aber in der Branche vor allem für den preisgekrönten Mazda MX-5 bekannt, der von ihm gestaltet wurde. Jenkins hat beim Lucid Air bewusst auf einen wuchtigen Kühlergrill, der bei Elektroautos ohnehin unnötig ist, verzichtet. „Ich stehe für klare Formen, für Minimalismus“, sagt er.

    Der Testwagen ist ein Vorserienmodell, weshalb nur eine rudimentäre Version des Navigationssystems geladen ist. „Konzentriert euch auf die Fahreigenschaften“, hatte Rawlinson gebeten. Kein Problem, ich kenne die gewählte Strecke gut, das Silicon Valley ist mittlerweile meine Heimat. Sie führt von Lucids Firmenzentrale in Fremont, nur ein paar Kilometer von Teslas Stammwerk, über die Dumbarton Bridge über die Bay, am Facebook-Hauptquartier vorbei, dann über die Hauptverkehrsadern Highway 101 und 280. Weiter über den malerischen Küstenhighway 1 nach Santa Cruz und zurück über die kurvigen Straßen in den Bergen über dem Silicon Valley. Es ist alles dabei, von holprigen Straßen – vom Reichtum des Silicon Valley fließt leider nur wenig in die Infrastruktur – über vierspurige Highways für Spurts, Traumstrecken direkt am Pazifik bis hin zu Haarnadelkurven.

    Die ersten Exemplare des Air für Deutschland bietet Lucid Motors zum Preis von 218.000 Euro an. Quelle: Lucid Motors

    Für einen echten Fahrbericht reichen die vier Stunden nicht. Aber für einen Eindruck.

    Das Positive: Auf den 21-Zoll-Reifen fährt man wie auf Schienen. Eine auf 25 Meilen begrenzte Kurve lässt sich locker mit 60 Meilen nehmen – was man nicht tun sollte, aber der Wagen bleibt sicher in der Spur. Das Fahrwerk ist gut gefedert, steckt locker jeden – der zahlreichen – Holperer weg, wie man es bei einem Auto dieser Preisklasse erwarten sollte. Wer Erschütterungen mag, kann sich stattdessen mit dem eingebauten Massagemodus den Rücken kneten lassen.

    Richtig Spaß macht jedoch der Sprintmodus. Er muss extra ausgewählt werden und kommt mit der Warnung, ihn auf eigene Gefahr einzuschalten und besonders vorsichtig zu sein. Ein zweifacher Tastendruck – einer davon für den Warnhinweis – entfesselt dann alle Pferdestärken. Die 500 Meilen Reichweite wird der Wagen in diesem Modus zwar nicht schaffen, soll aber laut Lucid von null auf 100 Stundenkilometer in 2,5 Sekunden sprinten. Messen lässt sich das auf dieser Tour zwar nicht, aber jedenfalls wird man heftig in die Polster gedrückt. Für den Alltag genügt der sogenannte Smooth-Modus, was für ausgewogen steht. Die 670 PS reichen jedoch für ein agiles Fahren, ohne auf die Reichweite schauen zu müssen.

    In dem Wagen muss man Musik hören. Die 29 Lautsprecher sorgen für eine beeindruckende Beschallung, auch Dolby Atmos kann das System.

    Lucid Motors will Tesla, Porsche und Mercedes im Luxussegment für E-Autos die Stirn bieten: mit viel deutschem Ingenieurswissen, mit Reichweitenvorteilen – und mit Milliarden aus Saudi-Arabien.
    von Matthias Hohensee

    Das Negative: Wenn man die Musik mal ausstellt, sind die Windgeräusche zwar gering, aber bemerkbar. Ein Gefühl von Opulenz will sich bei der Innenausstattung ebenfalls nicht einstellen, das können die Gestalter von Mercedes' elektrischer Luxusklasse EQS besser. Aber das ist rein subjektiv und mag daran liegen, ob man viele Displays mag oder nicht. Der Lucid Air ist dort im Vergleich zum EQS zurückhaltend, getreu des Minimalismus-Anspruchs seines Designers.

    Das Panoramadach, das nahtlos in die Windschutzscheibe übergeht, vermittelt das Gefühl, im Freien zu sitzen, aber angenehm klimatisiert. Bei starker Sonneneinstrahlung reflektiert jedoch eine der Zierleisten im Cockpit, im ungünstigsten Fall mitten ins Gesicht. Bei den Serienfahrzeugen soll das mit einem speziellen Überzug, der Reflektion verhindert, gelöst worden sein.

    Fazit: Der Lucid Air ist vor allem in Hinblick auf die Fahreigenschaften und die Leistung eine luxuriös ausgestattete Limousine, die mit ihrem geräumigen Innenraum und – inklusive vorderem Kofferraum – über 700 Litern Stauraum eine ganze Familie samt Gepäck elegant transportieren kann. Und per Knopfdruck ein Sportwagengefühl vermittelt.

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    Ob er bei deutschen Kunden ankommt, wird auch viel von den Spaltmaßen abhängen, was in Deutschland ein besonders wichtiges Kriterium zu sein scheint. Beim Vorserienmodell ließ sich das nicht beurteilen. Aber bei der Preisklasse sollte man Perfektion erwarten.

    Lesen Sie auch: Der ehemalige Tesla-Produktionschef Peter Hochholdinger hat bei Lucid Motors angeheuert. Dort trifft er auf viele ehemalige Tesla-Spitzenkräfte, unter anderem den Chefingenieur des Model S.

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