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Falsche Zahlen, steile Thesen Die Mythen der E-Auto-Kritiker

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Bessere Gesamtbilanz

Selbst wenn man alle bekannten Faktoren zu Ungunsten des Elektroautos auslege, schreibt etwa das Umweltbundesamt in einer Studie von Ende 2017, stoße ein E-Auto unter Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus (Produktion, Betrieb mit Strom bzw. Kraftstoffen und Entsorgung aller Fahrzeugkomponenten inklusive Batterie) bei einer Lebensdauer von zwölf Jahren 27 Prozent weniger CO2 aus als ein Benziner und 17 Prozent weniger als ein Diesel. Eine breit angelegte Studie des International Council of Transportation attestierte dem Elektroauto bei einer Lebenslaufleistung von 150.000 Kilometern 30 Prozent weniger CO2 Ausstoß als einem modernen Diesel.

Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass Auto-Akkus nach dem Verschrotten des Autos noch ein Zweitleben haben, etwa als Zwischenspeicher in Stromnetzen. Zudem sind sie danach zu großen Teilen recycelbar. Das Schweizer Paul Scherrer Institut (PSI) fand heraus, dass Elektroautos bereits ab 50.000 Kilometern Laufleistung umweltfreundlicher als herkömmlich angetriebene Pkw sind – nicht etwa erst nach 170.000, wie mit Bezug auf die „Schweden Studie“ gern behauptet wird.

Zum selben Ergebnis kommt eine ganz neue Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in Garching bei München: Im Schnitt, so die Forscher, die sich die so genannte Well-to-Wheel-Bilanz eines E-Autos und eines gleich großen Diesel angeschaut haben, erreichten E-Autos nach 1,6 bis 3,6 Jahren eine bessere Gesamtbilanz (well-to-wheel heißt: „Gesamtenergiebilanz von der Primärenergiequelle bis zu dem, was an Bewegungsenergie dort ankommt, wo der Reifengummi den Asphalt berührt, also inklusive Herstellung des Autos, der Akkus und aller anderen Teile, inklusive Stromerzeugung und Dieselproduktion sowie Transport“).

These 2: „Für Millionen von E-Autos haben wir gar nicht genug Strom; außerdem würden sie das Stromnetz überlasten.“

Auch hier hilft eine einfache Rechnung: Es gibt in Deutschland etwa 55 Millionen Kraftfahrzeuge, davon sind gut 45 Millionen Pkw. Sie fahren statistisch je 13.800 Kilometer im Jahr, alle Pkw zusammen also 621 Milliarden Kilometer. Multipliziert mit ihrem durchschnittlichen Verbrauch (siehe oben, 17 kWh auf 100 Kilometer) bedeutet das: Würden wirklich alle Pkw rein elektrisch fahren, bräuchte Deutschland jährlich gut 105 Terawattstunden (TWh) mehr als heute, um sie zu laden. Abgesehen davon, dass das, wenn es je eintritt, erst in einigen Jahrzehnten der Fall sein dürfte: Das klingt nach sehr viel mehr, als es ist. Es sind 15 Prozent der jährlichen deutschen Stromproduktion von etwa 690 TWh. Und die Hälfte davon wäre schon da: Netto, also nach Abzug von Einfuhren, hat Deutschland zuletzt 53 TWh im Jahr ins Ausland verkauft.

Aber ist auch das Stromnetz in der Lage, Millionen von E-Autos zu versorgen, von denen womöglich viele zeitgleich Laden wollen? Hier wird es komplexer. Kurze Antwort: Das heutige Stromnetz wäre dazu nicht immer und überall in der Lage. Anders als die Energiewende, für die vor allem Windstrom aus dem Norden in das stark industrialisierte Süddeutschland transportiert werden muss, ist die massenhafte E-Mobilität eher eine lokale Herausforderung. „Das überregionale Höchst- und Hochspannungsnetz ist ausreichend stark; Probleme können aber in einzelnen lokalen Verteilnetzen entstehen“,  sagt Mathias Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle der Energiewirtschaft (FFE) in München.

Es gibt in Deutschland 880 Verteilnetzbetreiber, zum Beispiel die Stadtwerke. Sie regeln den Stromtransport auf der letzten Meile: vom letzten Ortsnetztrafo zu den Hausanschlüssen. Nicht alle 880 sind überall gleich gut ausgebaut. Konkret kämen sie immer dort an ihre Grenzen, wo an einem Ortsnetztrafo zu viele E-Autos gleichzeitig laden wollten. Ingenieure von Stromversorgern in Kalifornien etwa kennen das Problem schon, weil es dort an manchen Orten schon sehr viele große E-Autos gibt. Sie nennen es „Zahnarztsackgasse“. Im Ernstfall regeln sie die Ladeleistungen herunter, und der Tesla lädt nicht mehr mit 22, sondern vielleicht nur noch mit 6,5 Kilowatt, wenn zu viele Nachbarn zeitgleich laden wollen.

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