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Falsche Zahlen, steile Thesen Die Mythen der E-Auto-Kritiker

Elektromobilität: Ein verheerender Irrweg? Quelle: imago

Der Fokus auf Elektromobilität sei „ein verheerender Irrweg“, meinen prominente Kritiker. Elektroautos hätten mehr Nach- als Vorteile und seien nicht klimafreundlicher als moderne Diesel. Was ist dran an den Vorwürfen?

In der Debatte um eine schnelle Marktdurchdringung von Elektroautos werden die Stimmen der Kritiker lauter. Hier prüfen wir ihre Thesen auf ihren Wahrheitsgehalt.

These 1: „Solange das Elektroauto mit konventionellem Strom fährt, ist seine Ökobilanz schlechter als die eines modernen Diesels.“

Das wird gerne und oft behauptet, allerdings kaum von Ingenieuren oder Automanagern; schon eher von Fernsehkomikern wie Vince Ebert, von fachfremden Wissenschaftlern wie Hans-Werner Sinn (Ökonom), Julian Nida-Rümelin (Philosoph), oder von Politikern wie FDP-Chef Christian Lindner.

Dabei lässt sich mit den einfachen Grundrechenarten ausrechnen: Bei der Erzeugung einer Kilowattstunde (kWh) deutschen Durchschnittsstroms (der besteht zurzeit im Jahresmittel zu rund 40 Prozent aus Erneuerbaren wie Wind und Solar sowie zu zwölf Prozent aus Atomstrom, der Rest verursacht CO2, denn er stammt aus Braunkohle, Steinkohle und Gas) fielen 2018 im Jahresmittel 450 Gramm CO2 an. Ebenfalls im Schnitt (und zwar empirisch in Alltagstests ermittelt, nicht gemäß schönfärberischen Laborwerten wie NEFZ) verbrauchen E-Autos auf 100 Kilometer 17,3 kWh Strom; von 11,5 kWh für einen kleinen VW e-Up bis zu etwa 22 kWh bei einem e-SUV wie dem Tesla Model X. Das bedeutet: Geladen mit konventionellem deutschen Durchschnittsstrom ergibt das 7,9 Kilogramm CO2 je 100 Kilometer.

Das ist rund die Hälfte dessen, was ein kleiner, sparsamer Diesel erzeugt und weniger als ein Viertel des CO2-Ausstoßes eines hochmotorisierten Benziners im Alltagsbetrieb. Mit Ökostrom betankt, fährt das E-Auto sogar klimaneutral.
Und was ist mit der Herstellung des Akkus?

Richtig ist allerdings auch: Bei der Herstellung eines Elektroautos entsteht mehr CO2 als beim Bau eines gleich großen Diesels oder Benziners. Hier haben die Kritiker einen Punkt.

Das liegt am Akku, dessen Produktion rohstoff- und energie-intensiver ist als die Herstellung der für einen Verbrenner spezifischen Teile, wie Abgasreinigung, Motor, Getriebe, Kühlung. Allerdings holen E-Autos diesen Nachteil, „CO2-Rucksack“ genannt, im Laufe des Fahrzeuglebens wieder auf. Wie schnell, hängt – neben dem persönlichen Nutzungsprofil und Fahrstil des Besitzers – vor allem davon ab, mit welchem Strom das Auto produziert wird, und mit welchem Strom es fährt.

Gerne wird an dieser Stelle die so genannte „Schweden Studie“ als Beleg für den „Irrweg Elektroauto“ ins Feld geführt, aus der angeblich hervorgehe, dass bei der Herstellung eines E-Autos 17 Tonnen CO2 entstehen. Daher müsse zum Beispiel ein Tesla bis zu 200.000 Kilometer fahren, bis er den enormen CO2-Nachteil aus seiner Produktion gegenüber Dieseln wieder aufzuholen.

Das ist aus einer ganzen Reihe von Gründen falsch. Erstens basieren diese Werte (17 Tonnen, 200.000 Kilometer bis zum „Öko-Break-Even“) auf einer ganzen Kette von Fehlern im Zusammenhang mit der schwedischen Studie von 2015. Die Geschichte dieser Zahl ist ein Lehrbuchbeispiel darüber, wie – unabhängig vom Thema – Fake News in die Welt kommen. Sie basiert auf aus dem Kontext gerissenen Worst-Case-Szenarien, auf in die Aktualität extrapolierten, veralteten Daten (der Strommix ist zum Beispiel inzwischen CO2-ärmer), fälschlicherweise auf Deutschland übertragenen schwedischen Größen sowie auf einfachen Übersetzungsfehlern. Die Kollegen von Handelsblatt-Edison haben sich die Mühe gemacht, die Geschichte nachzuzeichnen.

Sogar die beiden Autorinnen haben sich inzwischen von den zahlreichen unsachgemäßen Presseberichten distanziert. Sie weisen immer wieder drauf hin, dass die ihrer Metastudie zugrunde liegenden Annahmen größtenteils veraltet sind. Das hindert zahlreiche Medien und Politiker nicht, sie immer wieder zu zitieren.

Die Realität sieht neueren, neutralen Studien zufolge anders aus.

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