Faurecia-Chef im Interview „Die Nachrüstung älterer Diesel ist nicht sinnvoll“

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Der Chef des französischen Automobilzulieferers Faurecia sagt: Ältere Diesel-Pkw sollten lieber aus dem Verkehr gezogen als teuer nachgerüstet werden. Er glaubt aber auch nicht an einen schnellen Durchbruch des E-Autos.

Patrick Koller, Chef des mit rund 20 Milliarden Euro Umsatz größten französischen Automobilzulieferers Faurecia, spricht sich trotz erster Dieselfahrverbote wie in Hamburg gegen eine pauschale Nachrüstung älterer Diesel-Pkw mit Hardwarelösungen aus.

Als erste deutsche Stadt hatte Hamburg vor einer Woche zwei Straßen für die betroffenen Diesel-PKW gesperrt. In bis zu 40 weiteren Städten drohen Fahrverbote für Diesel-Pkw, nachdem das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Anfang Februar diese grundsätzlich erlaubt hatte.

Hamburgs Verkehrsdezernent Jens Kerstan kritisierte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hart, der sich nach wie vor dagegen wehre, die Autoindustrie zu wirksamen Hardwarenachrüstungen zu zwingen. Schuld am Verbot, das nun die Dieslfahrer auszubaden hätten, sei das jahrelange Nichtstun der Bundesregierung „und insbesondere des CSU-geführten Verkehrsministeriums“ sagte Kerstan, das angesichts betrügerischer Tricksereien der Autoindustrie nichts unternommen habe.

Obwohl Faurecia als einer der größten Hersteller von Abgasreinigungssystemen selbst vermutlich stark von einer verpflichtenden Hardwarenachrüstung profitieren würde, widerspricht dessen CEO Koller nun der Auffassung, Hardwarelösungen seien das Mittel der Wahl. „Die betroffenen Euro-5- und Euro-4-Diesel sind inzwischen im Durchschnitt über fünf Jahre alt“, sagte Koller der WirtschaftsWoche im Interview, „die Kosten für die Hardwarenachrüstungen liegen bei bis zu 3500 Euro pro Auto, das steht in vielen Fällen in keinem Verhältnis zum Restwert der Fahrzeuge“, so Koller. Besser sei es, die von Fahrverboten bedrohten Euro-4- und Euro-5-Diesel „gleich ganz aus dem Verkehr zu ziehen“, so Koller. „Die Hersteller sollten lieber großzügige Umtauschprämien anbieten und so möglichst viele der älteren Diesel von der Straße holen“, sagte er der WirtschaftsWoche.

Elektromobilität kommt „langsamer als gedacht“ und nicht flächendeckend

Weiter sagte Koller der WirtschaftsWoche, er sehe „keinen schnellen Durchbruch des Elektroautos“. Das Elektroauto sei zwar „eine tolle Technologie“, so Koller, „es wird sich aber nicht so schnell durchsetzen, wie viele Marktforscher uns derzeit glauben machen wollen.“

In den nächsten acht Jahren werde der Marktanteil batterieelektrischer Pkw weltweit maximal 7 Prozent der dann neuen Modelle erreichen, sagte Koller. Grund seien der nach wie vor zu hohe Preis und einige „ungelöste Probleme“, so Koller, etwa die Knappheit wichtiger Batterierohstoffe wie Lithium und vor allem Kobalt, sowie ein nötiger Ausbau des Stromnetzes für mehrere Millionen E-Autos. Auf der Langstrecke und im Schwerlastverkehr hätten zudem alternative Technologien wie die Brennstoffzelle langfristig „mehr Potenzial“, eine Frage, die allerdings heftig umstritten ist.
Denn bisher ist die Wasserstoffherstellung äußerst ineffizient und das H2-Tankstellennetz sehr lückenhaft. Er gehe aber davon aus, dass sich der Preis einer neuen Wasserstofftankstelle in den kommenden Jahren „auf 500.000 Euro halbieren wird“, sagte der Faurecia-Chef.

Hersteller werden CO2-Flotteziele verfehlen

Die meisten Hersteller würden die ab Ende 2020 geltenden neuen Flottenziele für den CO2-Ausstoß daher „wahrscheinlich verfehlen“ sagte Koller. Der Absatz der relativ CO2-armen Diesel sei wegen drohender Fahrverbote eingebrochen, so Koller. Jedoch würden die Kunden derzeit statt Diesel nicht E-Autos und Hybridfahrzeuge kaufen, sondern Benziner und Gasmotoren. „Dadurch steigen die CO2-Flottenemissionen der meisten Hersteller sogar zunächst an“, sagte Koller. Derzeit liegen die Hersteller im Durchschnitt rund 30 Prozent über dem in rund zweieinhalb Jahren verbindlichen CO2-Ziel von 95 Gramm je Kilometer.

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