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Finanzchef geht Tesla verliert einen wichtigen Stabilitätsanker

Elon Musk Tesla Quelle: REUTERS

Tesla macht erstmals in zwei Quartalen hintereinander einen Gewinn – wenn auch kleiner als erwartet. Doch eine Personalie gerät zur bösen Überraschung.

Dass Elon Musk immer für Überraschungen gut ist, zeigte sich am Mittwochnachmittag kalifornischer Zeit bei der Vorlage der Zahlen für das vierte Quartal 2018. Mehr als eine Stunde hatte der Tesla-Chef über die Zukunft seines Elektroautoherstellers sinniert, wie immer etwas zerstreut, aber bei hörbar guter Laune und mit vielen Details. „Wir müssen unnachgiebig beim Senken der Kosten sein, um erschwingliche Autos zu produzieren und nicht dabei bankrott zu gehen“, hatte Musk gerade den derzeit laufenden Personalabbau von sieben Prozent der Belegschaft beziehungsweise etwa 3000 Jobs erklärt. Dann ließ er, um 15:38 Uhr Ortszeit, als Schlusswort scheinbar beiläufig die Bombe platzen.

„Deepak geht in den Ruhestand“, enthüllte Musk. Was wie eine Fußnote wirkte, ist tatsächlich ein Donnerhall. Die Tesla-Aktie, die bis dahin im nachbörslichen Handel nur wenig nachgegeben hatte, fiel plötzlich um fast fünf Prozent auf unter 300 Dollar.
Deepak Ahuja ist der Finanzchef von Tesla, geschätzt an der Wall Street und ein Stabilitätsanker bei dem oft chaotisch wirkenden Unternehmen. Der gebürtige Inder, der schon Teslas Börsengang erfolgreich organisiert hatte, war bereits 2015 offiziell in den Ruhestand gegangen. Im Februar 2017 ersetzte er dann überraschend seinen ausgeschiedenen Nachfolger Jason Wheeler.

„Es gibt wohl nie einen idealen Zeitpunkt, um so einen Wechsel zu machen“, stellte Ahuja seinen Stellvertreter Zach Kirkhorn als Nachfolger vor und versicherte, Tesla als Berater erhalten zu bleiben.

Der Wechsel eines Finanzchefs ist für jedes börsennotierte Unternehmen kritisch. Doch bei Tesla schrillen die Alarmglocken. Der Wechsel ist ein gefundenes Fressen für die vielen Leerverkäufer, die seit Jahren einen Bankrott prophezeien.

Im Herbst hatte Tesla seinen vom Festplattenhersteller Seagate abgeworbenen Chefbuchhalter nach vier Wochen im Job verloren. Seitdem laufen die Spekulationen über die finanzielle Lage bei dem Elektroautohersteller zusätzlich heiß. Angefacht werden sie von Spekulanten wie Mark Spiegel vom New Yorker Hedgefonds Stanphyl Capital. Der nutzte sofort die Chance, um über Twitter zu verbreiten, dass Ahuja angeblich auf „mindestens 3,5 Millionen Dollar“ in Aktienoptionen verzichtet habe, um so schnell wie möglich Tesla zu verlassen. Ahuja ist 55 Jahre alt.

Was auch immer die Gründe für das Ausscheiden des Finanzexperten sind, der etliche Jahre für Ford arbeitete und einiges an Erfahrung in der traditionellen Autobranche vorweisen kann, für Tesla kommen sie zur Unzeit.

Der Elektroautohersteller bereitet die Einführung seines Hoffnungsträgers Model 3 für den Verkauf außerhalb Nordamerikas vor. In ein paar Tagen soll er nach Deutschland kommen, nur wenige Wochen später nach China, dem weltweit wichtigsten Absatzmarkt für Elektroautos.

Gute Quartalszahlen

Dabei waren die Zahlen des vergangenen Quartals durchweg positiv und enthielten keine bösen Überraschungen. Zum zweiten Mal in Folge konnte Musk wie versprochen einen Profit vorweisen, auch wenn dieser mit 139 Millionen Dollar kleiner als von der Wall Street erwartet ausfiel. Im dritten Quartal hatte er 311 Millionen Dollar betragen, also mehr als das Doppelte.

Dafür lag der Umsatz mit 7,2 Milliarden Dollar leicht über Erwartungen. Im Gesamtjahr 2018 verlor Tesla 976 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 21,5 Milliarden Dollar. Im Jahr zuvor hatte das Unternehmen fast zwei Milliarden Dollar Verlust gemacht – bei einem Umsatz von 11,8 Milliarden Dollar.

Im vergangenen Jahr lieferte Tesla 140.000 Model 3 aus. Hinzu kamen knapp 100.000 Model S und Model X. Für 2019 visiert das Unternehmen zwischen 360.000 und 400.000 Autos an.

Ein Video-Rundgang durch die Gigafactory

Musk schätzt die weltweite Nachfrage nach dem Model 3 auf 700.000 bis 800.000 Stück - wenn die Weltwirtschaft brummt. Bei einer Rezession, so spekulierte der Unternehmenschef munter, könnte sie um bis zu 40 Prozent fallen. Für Tesla wäre das noch immer genug Nachfrage. Denn bis zum ersten Quartal 2020 soll die Fertigung des Model 3 auf 500.000 Stück hochgefahren werden.

Ende Dezember hatte der Elektroautohersteller rund 3,7 Milliarden Dollar auf der hohen Kante, 750 Millionen mehr als im Quartal zuvor, obwohl knapp eine viertel Milliarde Dollar an Krediten zurückgezahlt wurde.

Reicht das aus, um die weltweite Expansion und Ausweitung der Produktion zu finanzieren? Ja, zumindest laut Tesla. Angeblich benötigt man dieses Jahr nur 2,5 Milliarden Dollar für Investitionen. Damit würde bereits der existierende Kapitalstock genügen, selbst wenn die zum 1. März fällige Anleihe von 920 Millionen Dollar in bar beglichen werden muss. Das ist wahrscheinlich, wenn die Aktie nicht noch einen großen Sprung jenseits der 360-Dollar-Marke macht, was ein Wandeln der Schuld in Anteile erlauben würde.

Wirtschaftliche Normalität wird es noch lange nicht bei Tesla geben

Die niedrige Investitionssumme für 2019 überrascht, zumal Tesla in Shanghai neben einer Akkufabrik eine neue Fertigungslinie hochzieht, die bis Ende des Jahres 3000 Tesla 3 pro Woche produzieren soll.

Musk begründet die geringen Investitionen damit, dass die Installation der chinesischen Fertigung dank des gewonnenen Erfahrungsschatzes in den USA weniger als die Hälfte der Model-3-Linie im Stammwerk Fremont kosten wird. Die Fabrik im Silicon Valley soll bis Ende des Jahres auf 7000 Model 3 pro Woche hochgefahren werden, um damit eine globale Kapazität von 10.000 Stück pro Woche sicherzustellen. Zudem least Tesla das Land von der chinesischen Regierung für 50 Jahre, statt es zu kaufen. Ein Teil der Kosten soll durch günstige Kredite von chinesischen Banken finanziert werden.

Auch im laufenden Quartal ist Musk optimistisch, wieder einen Gewinn zu verbuchen. Allerdings könne es knapp werden. Für den Rest des Jahres erwartet er Profitabilität.

Klar ist: Wirtschaftliche Normalität wird bei Tesla noch lange nicht geben. „Ich erwarte weiterhin ein Auf und Ab“, meint Gartner Analyst Michael Ramsey, der an das Überleben des Elektroautopioniers glaubt. Das komplette Unternehmen ist auf einer Kaskade von Wetten aufgebaut, die seine Zukunft sichern und zugleich bedrohen.

Neben dem weltweiten Vertrieb des Model 3 treibt Musk die Expansion seiner Akkufabriken, dem eigentlichen Engpass bei der Produktion, voran. Außerdem wird der Start des Kompakt-Geländewagens Model Y und des Semi Sattelzuges vorbereitet. Auch ein Pick-up Truck ist in Planung. Er könnte im Sommer präsentiert werden.

Seine größte Herausforderung besteht derzeit darin, den Preis des Model 3 herunterzuschrauben, ohne Verluste zu schreiben. Noch immer lässt die 35.000 Dollar Einstiegsvariante auf sich warten, die Musk vor knapp drei Jahren in Aussicht gestellt hatte. Am Mittwoch sprach er davon, eventuell Mitte des Jahres so weit zu sein. Eine definitive Zusage machte er nicht.

Wie nun das erste Quartal läuft, wird entscheidend für Anleger sein. Für schwache Nerven ist die Tesla-Aktie noch nie geeignet gewesen.

In den USA hat sich zum Jahresanfang der Steuerrabatt für Tesla-Käufer von 7500 Dollar halbiert. Mitte des Jahres wird er auf unter 2000 Dollar schrumpfen. Das Problem ist, dass Wettbewerber wie Volkswagen oder BMW weiterhin den vollen Rabatt nutzen können, weil sie das vorgesehene Kontingent von 200.000 zugelassenen Elektrofahrzeugen nicht erreicht haben. Solange US-Politiker nicht einschreiten, ist das ein Nachteil für den amerikanischen Elektroautohersteller.

Tesla hat bereits mit einer preiswerteren Variante des Model 3 mit geringerer Reichweite reagiert. Beim Tesla S und X werden günstigere Modelle offeriert, bei denen die Ladekapazität des Akkus zunächst via Software beschränkt ist.

Wie der schrumpfende Steueranreiz die Nachfrage für das Model 3 in den USA beeinträchtigt hat, darauf wollte Musk nicht genauer eingehen. Aber Tesla räumte in einem Brief an die Aktionäre ein, dass im Weihnachtsquartal etliche Tesla-S- und X-Käufe vorgezogen wurden, weil die Kunden den noch bis Jahresende geltenden vollen Steuerrabatt mitnehmen wollten.

Nun hat Musk die Chance, die möglicherweise schwächelnde Nachfrage im Heimatmarkt durch die Expansion nach Europa und China auszugleichen. Deshalb ist es so wichtig, bis Ende März möglichst viele Fahrzeuge global zu verkaufen. „Unsere Wachstumschancen sind massiv“, behauptet Musk. Nur die Autos, räumt er ein, müssten eben noch günstiger werden.

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