Formel 1 Rasende Langweiler vor ungewisser Zukunft

Nur 15 Autos am Start, Red Bull stänkert über die Mercedes-Dominanz: Die Formel 1 ist mehr schlecht als recht in die Saison gestartet. Mit sinkenden Zuschauerzahlen steht das PS-Spektakel vor einer ungewissen Zukunft.

Wo geht es hin? Mercedes-Pilot Lewis Hamilton beim Auftaktrennen in Melbourne Quelle: REUTERS

Bernard Charles Ecclestone zog die übliche Bernie-Show ab und gab den harten Hund: Keine Ahnung, ob er am Ende des Jahres noch lebe. Entsprechend könne er nicht mit Sicherheit sagen, ob alle zehn Formel-1-Teams bis zum Saisonfinale durchhalten oder einige vorher pleitegehen. „Und ich bin mir sicher, dass Sie auch nicht sicher sind, ob Sie am Jahresende noch leben“, blaffte der 84-Jährige seine Gesprächspartner unlängst an.

Die Masche des altgedienten Formel- 1-Zampanos, mit Schnoddrigkeit alle Zweifel vom Tisch zu wischen –, sie übertüncht nur hauchzart Ungewissheit und Ratlosigkeit, die den Bolidenzirkus und seine Macher plagen: Zuschauerzahlen im Fernsehen wie an der Rennstrecke sinken teils dramatisch, und niemand weiß, ob der Trend aufzuhalten ist. Im Kernmarkt Deutschland findet erstmals seit 50 Jahren wohl kein Rennen statt – obwohl die Vorzeigemarke Mercedes 2014 einen Doppel-Triumph feierte. Zudem verliert das Spektakel immer mehr den Anschluss an die jungen Fans. „Es droht ein Generationenabriss“, sagt Friedhelm Lange, Motorsportexperte beim Kölner Beratungsunternehmen Repucom.

Welche Budgets die Formel-1-Teams haben

Auf den ersten Blick wirkt der Niedergang absurd: Die Formel 1 greift an, geht in neue Märkte und verschafft ihren Partnern Zugang zu neuen Käufergruppen. „Nach Olympia und Fußball-WM ist die Formel 1 das populärste Sportevent der Welt“, frohlockt Frank Behrendt, Vorstand bei der Kommunikationsberatung FischerAppelt, die auch die Deutsche Post im Sportmarketing berät. Zudem reagieren Ecclestone und die Rennställe auf Kritik, die Stinke-Raser passten nicht länger zum nachhaltigen Zeitgeist. Sie änderten bereits zur vorigen Saison radikal die Motoren. Noch nie waren die hochgezüchteten F1-Antriebe schneller, spritsparender und leiser.

Markante Typen gesucht

Doch gerade diese Anpassung droht das PS-Spektakel bei weiten Teilen des Publikums um seinen Reiz zu bringen. „Die Formel 1 läuft Gefahr, ihre Einmaligkeit zu verlieren“, sagt Experte Lange. Gleichzeitig vermissen Fans prägende Fahrertypen wie einst Michael Schumacher. Anstelle markanter Charakterköpfe überwiegen jedermanns Lieblinge. „Die Formel 1 ist getrieben von global funktionierenden Helden“, sagt Experte Behrendt, „da hat die Serie aktuell noch viel Luft nach oben.“

Unter dem Starmangel leidet die Stimmung an der Strecke. Knapp 50.000 Zuschauer verloren sich zuletzt auf dem Hockenheimring in Baden-Württemberg, wo gut 100.000 Platz hätten. Ob es 2015 überhaupt ein Rennen in Deutschland gibt, war bis Redaktionsschluss noch immer offen. Im Kalender des Automobil-Weltverbands FIA steht es zwar für den 19. Juli. Doch weder der Nürburgring, der turnusgemäß dran wäre, noch der Hockenheimring haben einen Vertrag.

Grund ist das Geld, das Ecclestone will. „Das Rennen in Deutschland ist für die Formel 1 sehr wichtig“, beteuert er auf Anfrage der WirtschaftsWoche, „wir wollen Deutschland nicht verlieren.“ Doch weder der von einem russischen Investorenkonsortium aus der Insolvenz gekaufte Nürburg- noch der Hockenheimring wollen dem Vernehmen nach 15 bis 20 Millionen Euro Startgeld bezahlen.

Formel 1 in Deutschland

Schützenhilfe von der FIA können die deutschen Rennstrecken nicht erwarten. „Die tut nichts, um Traditionsrennen zu unterstützen“, kritisiert ein Szenekenner, „wenn diese wegfallen, verliert die Formel 1 ihr Gesicht.“ Bis 2013 hatten Rennen in Deutschland, Italien oder England einen Sonderstatus. Doch dies ist inzwischen passé. „Es gibt keine geschützten Rennen“, sagt Ecclestone auf Anfrage. ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk macht sich deswegen Sorgen um den Startplatz in Deutschland: „Am 20. März ist die nächste Sitzung des FIA World Motorsport Council. Da wird über das Rennen sicher gesprochen. Bis dahin muss es eine Lösung geben, auch wegen des Ticketvorverkaufs.“

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