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Fußballeuropameisterschaft Das Eigentor des Abends hat Greenpeace geschossen

Die Greenpeace-Aktion beim EM-Spiel in München wurde zum PR-Debakel für die Umweltschützer. Quelle: dpa

Mit einer Protestaktion wollte Greenpeace den EM-Sponsor Volkswagen anschwärzen. Das Eigentor des Abends war nicht das von Mats Hummels und auch nicht der Beinahe-Absturz des Greenpeace-Gleitschirmfliegers. Es war die Idee, ausgerechnet den E-Auto-Vorreiter Volkswagen wegen seiner Elektro-Strategie vorzuführen. Ein Kommentar.

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Greenpeace und Elektroautos, das ist eine verwirrende Angelegenheit. Noch vor einigen Jahren hieß es bei Greenpeace, E-Autos brächten nichts fürs Klima. Und: Der Verbrennungsmotor werde in den nächsten zehn bis 15 Jahren „die Nase eindeutig vorne haben“. Das waren Aussagen, wie sie die damals überwiegend E-Auto-feindliche Autoindustrie nicht schöner hätte texten können.  

„Elektroautos lösen kein einziges Problem“, wetterte Greenpeace-Verkehrsexperte Wolfgang Lohbeck 2012 in einem Interview mit der ZEIT. „Weder verbessern sie die CO2-Bilanz, weil der Strom nur zu einem geringen Teil aus regenerativen Energien stammt, noch tragen sie zum Abschied vom Öl oder zur Verkehrsentlastung bei“, so Lohbeck. „Zudem machen sie die Mobilität noch exklusiver, denn sie sind extrem teuer. Elektromobilität in Form von Elektroautos wird nicht kommen.“

Jede einzelne dieser Aussagen ist heute klar widerlegt. Und deshalb hat irgendwann auch Greenpeace, ganz still und leise, eine 180-Grad-Wende hingelegt. Nun kann den Greenpeacern der Umstieg aufs E-Auto plötzlich gar nicht schnell genug gehen. Auf der Homepage finden sich jetzt Sätze wie: „E-Autos schneiden“ bei den Umwelteigenschaften „deutlich besser ab als Fahrzeuge mit Verbrennermotor“. Um für einen schnellen Umstieg auf den Elektroantrieb zu werben, wollen die Greenpeacer nun – unter anderem eben mit dem Gleitschirm-Stunt – Volkswagen unter Druck setzen.

Das allerdings ist das Unternehmen, das am Tag nach der riskanten Nummer in der Allianz-Arena von der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) bescheinigt bekam, dass es (zusammen mit Volvo) der einzige große Autohersteller sei, „der bereit ist, in Übereinstimmung mit dem europäischen Ziel der Klimaneutralität auf Elektromobilität umzustellen.“ Nun ist T&E nicht irgendeine von Volkswagen gekaufte NGO, sondern eine respektierte Umweltorganisation, die sich regelmäßig mit der Autoindustrie anlegt und die Greenpeace auch gern zitiert.  

Laut der neuen T&E-Studie verfolgen Volkswagen und Volvo beim E-Auto „eine offensive und überzeugende Strategie“. Andere Hersteller wie etwa Ford dagegen hätten „ein ehrgeiziges Ausstiegsziel für den Verbrennungsmotor, jedoch kein Konzept, wie sie das erreichen wollen“. BMW, Jaguar Land Rover, Daimler und Toyota schnitten „mit geringen Absatzzahlen von batterieelektrischen Fahrzeugen mit kurzer Reichweite, fehlenden ambitionierten Ausstiegszielen, einer fehlenden klaren Industriestrategie und einem zu starken Fokus auf Plug-in-Hybride im Falle von BMW und Daimler am schlechtesten ab.“

Wir halten fest: Greenpeace findet E-Autos erst schlecht, lobbyiert jahrelang für sparsame Benziner als Antwort auf den Klimawandel, will dann aber einen besonders schnellen Umstieg aufs E-Auto und greift deshalb das am schnellsten umsteigende Unternehmen an? Das ist übrigens auch das Unternehmen, dessen Vorstandschef Herbert Diess am Tag des EM-Spiels über den G7-Gipfel twitterte: „Das ist nicht genug, @G7. Enttäuschendes Ergebnis. Wir müssen viel früher aus der Kohle aussteigen! Elektroautos sind der Schlüssel zum Erreichen der Klimaziele 2030. Aber Elektroautos ergeben nur mit grünem Strom Sinn, Elektroautos mit Kohle fahren zu lassen, ist regulatorischer Unsinn.“ Das Unternehmen also, das einer der mächtigsten Fürsprecher für die wichtigste Klimaschutzmaßnahme in Deutschland – den schnellen Kohleaussteig – ist. Diesem Unternehmen fährt Greenpeace in die Parade.

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Mehr zum Thema: Bei der Umstellung auf E-Autos hat VW gegenüber seiner deutschen Konkurrenz die Nase vorn. Doch der Konzern ist noch nicht am Ziel: Ein weiterer Fokus soll unter anderem auf Batterien gelegt werden.

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