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Genfer Autosalon Volkswagen zwischen Zukunft und Vergangenheit

Am Vorabend des Genfer Autosalons gab VW einen Ausblick auf neue Fahrzeug- und Mobilitätskonzepte, auf die Zukunft des autonomen Fahrens. Aber noch immer lastet der Abgas-Skandal auf VW und seinen Spitzenmanagern.

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Die wichtigsten Premieren des Genfer Autosalons
BMW 5er Quelle: BMW
Ford Fiesta Quelle: Ford
Kia Picanto Quelle: Kia
Lamborghini Aventador S Quelle: Lamborghini
McLaren Super Series Quelle: McLaren
Mercedes-Benz E-Klasse Cabrio Quelle: Daimler
Mercedes-Maybach G650 Landaulet Quelle: Daimler

Kommissar Derrick hatte seinen Gehilfen Harry, der immer schon mal vorsorglich den Wagen vorfuhr, wenn die Verbrecherjagd dem Ende entgegenstrebte. Captain Kirk rief seinem Cheftechniker Scotty auf dem Raumschiff Enterprise per Funk ein "Beam me up" zu, um sich aus der Gefahrenzone zu bringen. Und auch Batman konnte sein Mobil im Fledermaus-Design bekanntermaßen über ein Mikrofon am Handgelenk herbeizitieren.

Ein neues, ebenso filmreifes wie technisch anspruchsvolles Kapitel in der Interaktion zwischen Mensch und Maschine fügte VW-Konzernchef Matthias Müller am Montagabend hinzu: Per Knopfdruck auf einen kleinen weißen Schlüsselanhänger ließ er am Rande des Genfer Autosalons ein futuristisch gestyltes, elektrisch angetriebenes Robo-Taxi auf die Bühne rollen.

"Sedric", wie Müller das erste "Self-Driving-Car" aus dem Volkswagen-Konzern rief, hatte eine gewisse Ähnlichkeiten mit einem Toaster, erinnerte andere aus irgendwelchen Gründen an die Fernsehserie "Bernd das Brot".

Die wichtigsten Automessen der Welt

Aber das Conceptcar, das in gut einem Jahr Entwicklungszeit in einer versteckten Kammer des VW-Futurelab Potsdam in enger Zusammenarbeit zwischen Designern, Elektroingenieuren und Spezialisten für künstliche Intelligenz entstand, soll mehr als nur ein Auto sein, das schon in wenigen Jahren auf Knopfdruck herbeieilt, wann immer es sein Besitzer oder Benutzer wünscht.

"Sedric" steht für Müller einerseits für die Mobilität der Zukunft - intelligent, emissionsfrei, vollautomatisch, freundlich. Aber Sedric sei andererseits ein Symbol für die neue Arbeitsweise im Volkswagen-Konzern: In der Zentrale werden gemeinschaftlich die Ideen und Konzepte ausgebrütet, die dann von den einzelnen Marken auf die Straße gebracht werden. "Der Volkswagen-Konzern ist Impulsgeber und Inkubator für Ideen", beschrieb Müller das neue Arbeitsprinzip. "Er schaut weit in die Zukunft, er führt die Kreativität, die Kompetenz und das Wissen unserer Konzernfamilie zusammen". Aber er baut keine eigenen Autos - nach der kurzen Präsentation in der "Group Media Night" am Rande des Palexpo-Geländes wurde Sedric wieder eingepackt und im Transporter nach Wolfsburg zurückgebracht.

"Shaping the future. Create Innovation" lautete das Motto der Veranstaltung. Zu deutsch: Die Zukunft gestalten, Innovationen schaffen". Unausgesprochen stand darunter die Zeile: Blick nach vorn und nicht zurück im Zorn. Aber natürlich ließ sich der Dieselskandal, das dunkelste Kapitel in der Nachkriegs-Geschichte des Autoherstellers, weder mit Cedric noch mit den neuesten Bestmarken im operativen Geschäft übertünchen. Das weiß Müller sehr wohl: "2016", gestand er, "war für uns ein extrem anspruchsvolles Jahr. Ein Jahr, das geprägt war von der weiteren Auf- und Abarbeitung der Diesel-Krise." Immerhin: Von "Diesel-Thematik" sprach er nicht mehr. Das Wörtchen Skandal freilich kommt ihm immer noch nicht über die Lippen.

 Volkswagen scheint aus dem Gröbsten raus zu sein. Die Verkaufszahlen in Europa haben sich wieder stabilisiert, in USA stieg der Absatz von VW im Januar sogar zweistellig. Die Umrüstung der Dieselautos geht voran. VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hält die finanziellen Belastungen und weiteren finanziellen Risiken, die aus der Manipulation der Abgase von Dieselfahrzeugen entstanden sind oder noch drohen, inzwischen gut bewerten zu können. Doch abgeschlossen, so räumt er im Gespräch mit Pressevertretern ein, sei das Kapitel noch lange nicht.

Sturm hat sich etwas gelegt

Erst wenige Stunden zuvor hatte EU-Justizkommissarin Vera Jourova dem "Handelsblatt" in den Notizblock diktiert, dass Volkswagen gegen europäische Verbraucherschutzgesetze verstoßen habe und man nach sechs Monaten ergebnisloser Gespräche über eine Entschädigungen von Kunden auch in der EU über Zwangsmaßnahmen und Strafzahlungen reden müsse. Pötsch ("Ich bin ein Mensch, der auf Fakten Wert legt") hingegen sieht keinen Handlungsbedarf: "Die Faktenlage in Europa", konterte er, "ist eine andere als in den USA".

Die Fahrzeuge der US-Käufer müssten umfangreich nachgerüstet werden, um die Abgasgesetze zu erfüllen. Und nicht ausgeschlossen werden könne, dass die Autos nach der Maßnahme ihre Charakteristik verändern, was sich auf den Restwert auswirken könne. In Europa hingegen werde lediglich eine neue Software aufgespielt, die keinerlei Auswirkungen auf das Fahrverhalten oder den Kraftstoffverbrauch habe.

"Die meisten Kunden merken es nicht einmal, wenn wir bei einem Werkstattaufenthalt die neue Software aufspielen." Gleichwohl, so kündigte Pötsch an, werde man die Gespräche mit der EU fortsetzen. Was dabei herauskomme, vielleicht eine Garantieverlängerung für die betroffenen Fahrzeuge, könne er aber noch nicht sagen.

Ein 360-Grad-Blick auf den VW Arteon beim Genfer Autosalon





Auch in den USA, ließ der VW-Chefaufseher durchblicken, ist die Kuh noch längst nicht vom Eis. Die von Audi vorgeschlagene technische Lösung für die Abgasprobleme der großvolumigen Dieselmotoren mit drei Liter Hubraum habe noch keine Freigabe durch die US-Zulassungsbehörden. Und bei einem Gerichtstermin am 10. März in Detroit, werde zwar möglicherweise der mit den US-Umweltbehörden geschlossene Vergleich für die Zweiliter-Diesel final bestätigt und ein Aufseher ("Monitor") für VW ernannt. Gleichwohl liefen die Ermittlungen weiter - auch intern. So untersucht die vom so genannten Dieselausschuss des Aufsichtsrats beauftragte Anwaltskanzlei Gleiss Lutz immer noch, was dem Konzern gesellschaftsrechtlich drohen könnte und ob Organe Pflichtverletzungen begangen haben.

Daraus könnten sich wiederum Schadenersatzklagen des Konzerns gegen ehemalige oder möglicherweise auch noch aktive Mitarbeiter ergeben. Namen mochte Pötsch in dem Zusammenhang zwar nicht nennen. Er deutete aber an, dass der Personenkreis, den man im Visier habe, größer sei als bisher bekannt und über jene Manager und Ingenieure hinaus gehe, die bereits freigestellt wurden. Aus "ermittlungstaktischen Gründen" habe man bislang darauf verzichtet, die Personen zu beurlauben.

Auch Wolfgang Porsche, VW-Großaktionär und Leiter der Dieselkommission im Aufsichtsrat, mag deshalb noch keine Entwarnung geben. Zwar hätte sich der Sturm etwas gelegt, räumte er im Gespräch mit Pressevertretern ein. Und dass die Kunden den Marken des Konzerns die Treue hielten, freue ihn wirklich sehr. Aber dass aus dem Aufsichtsrat durch Indiskretionen immer wieder vertrauliche Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, die dem Unternehmen schadeten ("ein Unding"), zeige, dass längst noch nicht alles wieder in Ordnung sei.

Ein 360-Grad-Blick in VWs neue Top-Limousine Arteon





Vor allem das Verhalten seines Cousins Ferdinand Piech könne er sich nicht erklären: Nach Medienberichten soll dieser bei seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Braunschweig ausgesagt haben, dass er den früheren Vorstandschef Martin Winterkorn schon früh auf ein "großes Problem in den USA" hingewiesen habe. Er habe sich darüber aber weder mit Piech austauschen können noch hätten die Untersuchungen der Anwaltskanzlei Jones Day Hinweise gefunden, die die Darstellung des früheren Konzern- und Aufsichtsratschefs stützten.

Und was Piech letztlich ausgesagt habe, so Porsche mit einem Kopfschütteln, wisse man auch nicht, da die Staatsanwaltschaft den Ermittlern des Konzern keine Akteneinsicht gebe. So vermittelt der VW-Markenabend den Eindruck eines Autokonzerns, der vor Innovationsfreude strotzt und auch zu einer neuen Unternehmenskultur findet, aber von den Sünden der Vergangenheit immer wieder eingeholt wird. Und der Ballast lässt sich leider nicht so einfach abwerfen. Dieser Zauberknopf muss erst noch erfunden werden. 

Eine Luxuslimousine in Kombi-Form
Porsche Panamera Sport Turismo Quelle: Porsche
Porsche Panamera Sport Turismo Quelle: Porsche
Porsche Panamera Sport Turismo Quelle: Porsche
Porsche Panamera Sport Turismo Quelle: Porsche
Porsche Panamera Sport Turismo Quelle: Porsche
Porsche Panamera Sport Turismo Quelle: Porsche
Porsche Panamera Sport Turismo Quelle: Porsche

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