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Hans Richter Der Staatsanwalt, vor dem die Großen zittern

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In den Fängen eines antikapitalistischen Alt-68ers?


Oberstaatsanwalt Hans Richter Quelle: dpa

Eine Anklage gegen Wiedeking hätte auch massive Auswirkungen auf die zivilen Schadensersatzprozesse, die Investoren aus aller Welt gegen Porsche und VW anstrengen. Denn die Ergebnisse von Richters Recherchen könnten ihre Ansprüche untermauern. In Deutschland fordern Anleger wegen der vermuteten Marktmanipulationen über vier Milliarden Euro Schadensersatz von Porsche und VW. Vor dem obersten Gericht der Staates New York haben in der vergangenen Woche Investoren einen Etappensieg errungen. Porsche scheiterte mit dem Versuch, US-Gerichte für nicht zuständig erklären zu lassen. Die Schadenssumme dort: 1,4 Milliarden Dollar.

Doch wer lädt eigentlich Schuld auf sich, wenn Aktionäre durch Angaben eines Unternehmens irregeleitet werden? Deuteten die Aktionäre die Aussagen falsch, oder wurden sie belogen? Der Interpretationsspielraum beim Straftatbestand Marktmanipulation ist groß. Hat Wiedeking nur das Pech, dass Porsche seinen Sitz in Stuttgart hat? Hätte ihn eine andere Staatsanwaltschaft vielleicht gar nicht verfolgt? Von Richter dazu kein Kommentar. Oder doch, indirekt? „Ich war ein 68er und bin es bis heute. Ich konnte bislang keinen Grund erkennen, warum ich von etwas abrücken sollte.“

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    Manche Sätze, die Richter so en passant fallen lässt, haben das Potenzial, Wirtschaftskapitänen die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Ein Alt-Linker im Amt eines Oberstaatsanwaltes? Und das in Stuttgart, dem Herz der deutschen Autoindustrie? Wiedeking in den Fängen eines antikapitalistischen Alt-68ers?

    In den Wirtschaftskanzleien weiß man um die Haltung Richters. Höfliche Anwälte nennen ihn fair, hart, ohne Scheu vor großen Namen, unnachgiebig, genau. Einer schimpft: „Linker Konzernjäger!“ Richter sagt: „Die Bevölkerung darf nicht den Eindruck haben, die Staatsanwaltschaft gehe gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht vor – seien es Politiker, Gewerkschafter oder Unternehmensführer.“

    Aber: Ein Konzernjäger will Richter nicht sein, schon gar nicht ein linker. Ja, er war 1972 und 1973 Asta-Vorsitzender an der Fachhochschule Pforzheim, wo er seinen Abschluss als Diplomkaufmann machte. Ja, auch er marschierte durch die Straßen und rief: „Bürger lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein!“ Aber mit den antikapitalistischen Thesen der 68er konnte er nichts anfangen: „Das hat mir nie eingeleuchtet. Der Asta, dem ich vorstand, war immer ein Gegenpol zu den Kommunisten.“ Gerade weil Richter an den Kapitalismus glaubt, fordert er klare Spielregeln: „Unsere prinzipiell gute Wirtschaftsordnung kann nur bestehen, wenn sie eine staatliche Umgrenzung hat.“

    Ausgehungert von der Politik

    Wie stark Richter „staatlich umgrenzen“ darf, hängt von der politischen Landschaft ab. Vielerorts wäre das ein Tabuthema – nicht in Richters Büro: „Wir haben in Baden-Württemberg eine Phase gehabt, in der die Führung der Landespolitik sehr eng verbunden war mit der Führung von großen Unternehmen.“ Manchmal, sagt der Staatsanwalt unverblümt, „dachten wir, wir werden ausgehungert von der Politik“.

    Bekam die Staatsanwaltschaft zu wenig Personal und zu schlechte Ausstattung, damit sie den Unternehmen der Region nicht lästig werden konnte? Richter bestätigt: „Es gibt Kollegen, die das so sehen.“

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