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Harald WilhelmSo tickt Daimlers neuer Finanzchef

Nach der Daimler-Hauptversammlung treten gleich zwei neue Manager ihr Amt an: Der neue CEO Ola Källenius und sein Finanzchef Harald Wilhelm. Wer ist der zweite, starke Mann?Rüdiger Kiani-Kreß, Annina Reimann 22.05.2019 - 06:00 Uhr

Harald Wilhelm übernimmt am 22. Mai die Finanzaufgaben von Bodo Uebber, der zu diesem Zeitpunkt aus dem Vorstand von Daimler ausscheiden wird.

Foto: Daimler

Eigentlich beginnt Daimlers neuer Finanzchef Harald Wilhelm seinen Job erst am Abend des 22. Mai. Doch schon seit dem 1. April tourt der 53-Jährige als Vorstandsmitglied „ohne Ressortzuordnung“ mit seinem Vorgänger Bodo Uebber durch die Lande. Der verlässt Daimler, weil seine Hoffnung, selbst Konzernchef zu werden, sich nicht erfüllte. Und doch bleibt der 59-jährige Uebber bis zur letzten Minute loyal: In Frankfurt etwa war er schon mit seinem Nachfolger, in London auch – und stellte ihn wichtigen Investoren und Analysten vor. Und der Neue hört sich an, was die über Daimler denken.

Wilhelm wird geschätzt: Der 53-Jährige sei keiner, der „Mist erzähle“, berichtet einer, der ihn noch von seinem alten Job als Finanzvorstand beim Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus kennt. Er sei beeindruckt vom neuen Daimler-Finanzchef, schrieb ein Investmentberater im Anschluss an das Treffen in London. Schließlich habe Wilhelm klar gezeigt, dass sich Daimler auf die Marge und den Cash Flow konzentrieren müsse. Letzterer zeigt, wie viel Geld aus dem laufenden Geschäft in die Kasse kommt. Wilhelm, so das Resümee des Beraters, sei begeistert von der Herausforderung, die bei Daimler vor ihm liege.

Doch die Aufgaben in der Stuttgarter Zentrale sind riesengroß. Denn der scheidende Chef Dieter Zetsche hinterlässt dem neuen Daimlerteam eine riesige Palette an Altlasten: der Dieselskandal ist für Daimler längst nicht ausgestanden, die Europäische Union (EU) untersucht noch ein mutmaßliches Autokartell, hinzu kommen hausgemachte Probleme. So stoßen Autos der Daimlerflotte mehr Kohlendioxid aus als Fahrzeuge der Konkurrenten. Ab 2021 drohen deswegen hohe Strafen der EU. Der neue Finanzchef wird das Geld daher zusammenhalten müssen. Zusätzlich stellt der Branchenumbruch in Richtung Elektromobilität den Konzern vor eine gewaltige strategische Herausforderung.



Viele, die Wilhelm kennen, trauen ihm den neuen Job zu. „Er gehört zu den besten seiner Zunft“, lobt der Analyst einer großen US-Investmentbank, der Wilhelm wie viele Kollegen mit Lob überschüttete, als der im Februar im südfranzösischen Toulouse seine letzte Bilanz als Airbus-CFO vorstellte. Doch aus Sicht des Analysten kann der neue Kassenwart mehr. So sorgt er auch für eine breitere Perspektive im Daimlervorstand. „Harald hat bei Airbus die Kultur eines wahrhaft globalen Konzerns erlebt. Doch er kennt auch den Daimlerkonzern aus seinen Anfangsjahren in der Abteilung für Zukäufe bei der Luftfahrttochter DASA“, so ein Weggefährte. Dazu hat Wilhelm in seinen fast 20 Jahren bei Europas größtem Flugzeughersteller auch bewiesen, dass er nicht nur Ideen hat, sondern diese auch durchsetzen kann. Das bescherte dem gebürtigen Münchner intern den Spitznamen: „Enders' Bluthund“ – nach Ex-Airbuschef Tom Enders.

Den Titel verdiente sich Wilhelm, als er bei seinem alten Arbeitgeber Airbus kriminelle Machenschaften anging. Wie bereits zuvor beim Konzernumbau ging er mit besonderer Härte und Finesse gegen alle Teile vor, die noch bis in die Amtszeit von Wilhelm und Enders ab 2011 Aufträge mit fragwürdigen, wenn nicht gar kriminellen Methoden sichern wollten. „Da attackierte er quasi im Auftrag von Enders, der ihn erst bremste, wenn das Geschrei der Betroffenen gar zu laut wurde“, erklärt ein langjähriger Weggefährte. Dadurch sorgte Wilhelm mit dafür, dass von den Verantwortlichen für die Probleme heute keiner mehr bei Airbus arbeitet.

Das Ende der Ära Zetsche

Warum Källenius Daimler völlig verändern wird

von Annina Reimann

Das Pendant bei Daimler könnten all jene sein, die es beim Thema Diesel zu weit getrieben haben. Schließlich ermittelt hier noch die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts des Betruges und der strafbaren Werbung bezüglich der Manipulation der Abgasnachbehandlung bei Diesel-Pkw gegen Mitarbeiter von Daimler. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat Daimler zum amtlichen Rückruf von 774.000 Autos verdonnert – der Konzern habe unzulässige Abschalteinrichtungen verbaut, die Abgaswerte im Zulassungstest mit verbotenen Methoden besser aussehen lassen, als sie auf der Straße sind. Betroffen sind neben dem Kleintransporter Vito auch die Modelle GLC 220d und C 220d. Und die deutschen Aufseher nehmen weiter Autos von Daimler unter die Lupe. Erst im April hat das KBA eine Anhörung geschickt. Es geht um den GLK 220 CDI mit der Abgasnorm Euro-5-Diesel. Daimler hat deswegen gar „einen vorläufigen Auslieferungs- und Zulassungsstopp“ für bestimmte Modelle angeordnet, heißt es im Bericht zum ersten Quartal.

Ärger droht Daimler zudem aus den USA – denn auch dort untersuchen die Aufseher noch Autos des Konzerns. Nicht zuletzt hat die Staatsanwaltschaft gerade ein Bußgeldverfahren gegen den Konzern eingeleitet. Es geht um den Verdacht, dass Führungskräfte ihre Aufsichtspflichten verletzt und damit eine Ordnungswidrigkeit begangen haben könnten. VW musste deshalb bereits eine Milliarde Euro bezahlen, Audi 800 Millionen und Porsche 535 Millionen Euro.

Doch Wilhelm muss bei Daimler auf noch mehr Gebieten für Besserung sorgten. Dazu zählen ein besserer Stand bei den Aktionären und höhere Kurse. Anleger sind schon länger verärgert, weil sich Zetsche zu selten sehen ließ und sich die Aktie von Daimler auf längere Sicht schlechter entwickelt hat als andere Autoaktien. „Daimler ist unprofitabler als Wettbewerber“, urteilt etwa Arndt Ellinghorst von Evercore ISI.

Zuhören, erklären, nie die Ruhe verlieren - so zeigt sich der designierte neue Daimler-Chef Ola Källenius in der Öffentlichkeit. Die Nominierung des Schweden zum Nachfolger des langjährigen Vorstandschefs Dieter Zetsche galt schon seit mehr als zwei Jahren als wahrscheinlich. Zur nächsten Hauptversammlung im Mai 2019 wird Källenius aufrücken.

Foto: dpa

Dass der deutsche Traditionskonzern damit erstmals einem Ausländer und erstmals keinem Ingenieur das Steuer anvertraut, stört in Stuttgart niemanden. Denn der 49-jährige Ökonom hat schon viele Stationen bei dem Premiumautobauer durchlaufen, seit er 1995 als junger Controller bei Mercedes-Benz in den USA begann. Er sei ein "echter Car Guy", bescheinigte ihm Zetsche.

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Als Leiter des Pkw-Werks in Tuscaloosa in den USA und Chef von Mercedes AMG, der Tochter für hochmotorisierte Luxuswagen, eignete er sich viel technische Expertise an. Aufsichtsratschef Manfred Bischoff sah im fehlenden Ingenieurstudium deshalb kein Hindernis dafür, dass Källenius Anfang 2017 im Konzernvorstand das Ressort Forschung und Entwicklung übernahm. Mit diesem Posten und den vorangegangenen zwei Jahren als Pkw-Vertriebschef im Vorstand lief sich Källenius warm für Zetsches Chefsessel.

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Der freundlich und locker wirkende, hochgewachsene Mann kann allerdings auch harte Entscheidungen durchziehen. So strukturierte er den Mercedes-Vertrieb um, baute Personal ab und verkaufte Niederlassungen, was unter den Beschäftigten für Aufruhr sorgte. Doch auch der Betriebsrat ist mit dem Schweden völlig einverstanden. "Bisher verlief die Zusammenarbeit zwischen Ola Källenius und den Arbeitnehmervertretern selbst bei kritischen Themen konstruktiv, und wir erwarten deshalb, dass dies auch in neuer Konstellation so bleibt", erklärte Betriebsratschef Michael Brecht. Källenius sei mit seiner Erfahrung "bestens" für den Vorstandsvorsitz geeignet.

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Auch unter Autoanalysten löst die Personalie Beifall aus. Källenius könne einen Aufbruch sehr gut verkörpern, erklärte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. "Er ist jung, intelligent, hat ein gutes Auftreten, und ist schlicht auch ein anderer Typ als viele Topmanager in der Autoindustrie - offener und international." Als neuer Konzernlenker ab Mai 2019 muss sich der Manager noch freischwimmen vom Vorgänger Zetsche, der zwei Jahre lang pausieren und 2021 Aufsichtsratsvorsitzender werden will. Doch Källenius habe sich schon eine gute Position aufgebaut, sagte Christian Ludwig, Autoanalyst vom Bankhaus Lampe. "Ich glaube nicht, dass Källenius nur eine Marionette von Herrn Zetsche sein wird."

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Der Schwede spricht Deutsch so exzellent wie Englisch. Mit einer Schwäbin verheiratet, ist der Vater dreier Kinder schon länger in Stuttgart heimisch.

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In seinem bisherigen Job als oberster Kassenwart des Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus hat sich Wilhelm durch seine klare Art sowie Detailwissen in der Flugtechnik und dem komplexen Geschäftsmodell des Unternehmens einen guten Ruf bei Investoren erarbeitet. „Das hätte sich ein bei Daimler intern hochgerückter Manager wohl erst verdienen müssen“, so ein Weggefährte. Immerhin gelang es Wilhelm in seinen sieben Jahren mit Enders, den durch verlustreiche Flieger wie den Superjumbo A380 oder Bestechungsaffären angeschlagenen Ruf von Airbus zu reparieren. Als bestes Beispiel gilt, dass er gegenüber Analysten bereits ein Ende des fast unverkäuflichen Superjumbos A380 andeutete, als darüber im Rest des Vorstands noch keiner so recht nachdenken wollte. Nicht zuletzt darum stieg in Wilhelms Zeit die Airbusaktie, deren Kurs zuvor kaum über 25 Euro hinauskam, zuletzt auf gut 120 Euro.

Und auch mit dem Thema neue Organisation / Holding hat Wilhelm schon Erfahrung aus Airbus-Zeiten. Schließlich soll Daimler nach der Hauptversammlung in drei Teile aufgespalten werden: Finanzen, Mercedes und Trucks. Wilhelm muss das als Finanzchef der dann neuen Holding ‚von oben‘ managen. Das hat er schon einmal gemacht: Mit Enders verwandelte er seinen alten Arbeitgeber von einem eher national geprägten Unternehmen in einen nahezu globalen Konzern. Dabei hat Wilhelm die strenge Trennung zwischen Holding und Töchtern geschickt aufgelöst und das Kerngeschäft Flugzeugbau enger mit der Konzernspitze verbunden. Das hat Airbus weniger bürokratisch, schneller und dadurch profitabler gemacht.

Genau das ist es, was Daimler jetzt braucht.

Ein prominentes Gesicht verlässt Daimler: Das Erkennungsmerkmal von Dieter Zetsche war immer schon sein markanter Schnauzbart. Mehr als 13 Jahre lang war Zetsche Vorstandsvorsitzender bei Daimler, nach der Hauptversammlung am 22. Mai endet seine Ära bei Daimler offiziell.

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Auf seinem Weg hat Zetsche den Konzern gewandelt. Auch in der Unternehmenskultur: Von strengen Anzügen wechselte er zu Sneakern und Jeans. Die Marke Daimler verjüngte sich deutlich.

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Zetsche war als cooler Chef bekannt, er punktete zum Beispiel mit witzigen Grußbotschaften zum Jahresende. In seinem letzten Video mimte er ein Bewerbungsgespräch beim Weihnachtsmann. Rückblickend hat sich der Daimler-Chef selbst nicht allzu ernst genommen und war für seinen Humor bekannt.

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Den bewies Zetsche auch mit seiner selbstironischen Werbe-Figur Dr. Z, die 2006 für mehrere Werbespots zum Einsatz kam. Zusätzlich gab es eine Webseite namens "Ask Dr Z", auf der Fragen zu den Fahrzeugen beantwortet wurden. Allerdings wurde die Kampagne gestoppt, als sich zeigte, dass die Amerikaner Dr. Z für eine imaginäre Figur hielten – und sich auch kein Absatzerfolg einstellen wollte.

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Bei Daimler hat Zetsche viele Stationen gesehen. Angefangen im Forschungsbereich der Daimler-Benz AG im Jahre 1976 bis hin zu Leitungsfunktionen in Brasilien, Argentinien und den USA.

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An der Universität Karlsruhe (heute Karlsruher Institut für Technologie) studierte Zetsche Elektrotechnik, 1982 folgte die Promotion.

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Viel gesagt hat Zetsche bisher nicht über seinen Abschied, immerhin aber, dass er mit sich „total im Frieden“ sei.

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Passé sind allerdings die Rekorde, die Zetsche noch vor einem Jahr verkünden konnte. Danach zeigte der Handelsstreit zwischen China und den USA Wirkung, dazu kamen Kosten etwa für Dieselrückrufe, Probleme bei der Umstellung auf den neuen Abgastest WLTP und nur noch ein ganz knappes Plus bei den Autoverkäufen. Die Folge: 2018 musste der Konzern einen herben Gewinneinbruch verbuchen. Und weil weiter viel Geld in den Aufbruch ins Elektro-Zeitalter fließt, gleichzeitig aber die Verkaufszahlen bei den aktuellen Modellen nun richtig schwächeln, lief auch der Start ins Jahr 2019 eher mies.

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So scheidet Zetsche ohne neue Rekordzahlen im Rücken aus dem Amt. „Gegenmaßnahmen“ hat er noch angekündigt, aber wie die im Detail aussehen sollen, muss jetzt sein Nachfolger Ola Källenius sagen.

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Der Schwede Källenius, bislang Entwicklungschef und schon lange Kronprinz in Stuttgart-Untertürkheim, ist am Zug. Er wird ein Kartellverfahren der EU und vor allem den Dieselskandal erben. Wie seine Agenda aussieht, lässt Källenius bislang offen. So wenig Zetsche über seinen Abschied spricht, so wenig spricht Källenius über seinen Antritt – öffentlich jedenfalls.
Dieter Zetsche wird das alles aus der Ferne verfolgen müssen. Für ihn beginnt die sogenannte Abkühlungsphase. Erst wenn die in zwei Jahren abgelaufen ist, kann er sich in den Aufsichtsrat wählen lassen. Geplant ist, dass er 2021 dort den Vorsitz übernimmt – und dann Källenius auf die Finger schaut.

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